«Nach dieser Reise verstehe ich, weshalb in Reiseführern die Südkoreaner manchmal als Italiener Asiens bezeichnet werden. Ich bin Italienerin und kann bestätigen: Es hat was.» Unsere Mitarbeiterin Laura Pelusi reist im Herbst 2025 mit dem Fahrrad, Bus, Auto und Zug durch Südkorea[1]. Sie erzählt von ihren Eindrücken, wie sich Südkorea und Japan ähnlich und doch nicht gleich sind, und weshalb sie überhaupt auf die Idee kam, das Land zu bereisen.
[1] Südkorea ist der umgangssprachliche Begriff für die Republik Korea. Der Lesbarkeit halber wird das Land in nachfolgendem Text mit «Südkorea» bezeichnet.
Meine Antwort auf diese Frage ist relativ unspektakulär: Mein Freund und ich hatten vor ein paar Jahren eine längere Reise durch Japan gemacht und hatten spontan die Idee, die letzte Woche in Seoul zu verbringen. Seoul ist nur zirka 2.5 Stunden Flug von Tokyo entfernt. Allerdings wurde damals für die Woche ein Taifun angekündigt. Wir wollten nicht riskieren, dass wir deshalb nicht mehr nach Tokyo zurückkommen und den Rückflug in die Schweiz verpassen. Also haben wir uns gegen einen Abstecher nach Seoul entschieden aber beschlossen, dass wir diese Reise nachholen werden. Und so fiel die Wahl für die nächste Überseereise auf Südkorea.
Die 10 Millionen-Stadt Seoul ist von zahlreichen Bergen umgeben. Hier ein Blick auf einen Teil der Stadt, vom Südberg Namsan.
«Die Italiener Asiens»
Hat Südkorea Ähnlichkeiten mit Japan?
Diese Antwort überrascht die meisten. Obwohl die beiden Länder geographisch nahe sind, und eine gewisse gemeinsame Geschichte haben, sind sie erstaunlich unterschiedlich. Der grösste Unterschied ist mir bei den Menschen aufgefallen, aber nicht nur.
Nach dieser Reise verstehe ich, weshalb in Reiseführern die Südkoreaner manchmal als «Italiener Asiens» bezeichnet werden. Ich bin Italienerin und kann bestätigen: Es hat was. In den sieben Wochen in Japan konnten wir die Interaktionen mit Einheimischen damals an einer halben Hand abzählen, abgesehen von «Guten Tag, danke, auf Wiedersehen» an der Kasse oder «wir haben eine Reservation auf den Namen…» im Hotel. In den drei Wochen in Südkorea waren es zahlreiche, wir haben irgendwann aufgehört zu zählen.
Gastfreundschaft
Die meisten Interaktionen ergeben sich in der Woche, in der wir mit dem Fahrrad durchs Land fahren. Leute kommen auf uns zu und sprechen uns an – meistens auf Koreanisch. Wir versuchen jeweils mit Händen, Füssen und der Übersetzungsapp die Konversation am Leben zu erhalten. An einem Morgen warten wir in der Lobby eines Hotels auf besseres Wetter, um weiterzufahren. Auf einmal kommt der Hotelbetreiber mit einem Teller gedämpfter Süsskartoffeln daher, für uns. Wir müssen schliesslich genug Energie haben, um bei diesem Regen zu fahren, meint er. Wir unterhalten uns eine halbe Stunde lang (mit Übersetzungsapp), ehe er uns noch Instant Ramen und Traubensaft mit auf den Weg gibt.
Ein anderes Mal hilft uns eine koreanische Familie, in unser Apartment zu gelangen, weil wir den Zugangscode nicht erhalten hatten. Als es dann funktioniert, ist es schon spät am Abend. Doch das hindert sie nicht an der Frage: «Habt ihr denn schon gegessen? Wollt ihr noch zu uns kommen? Wir haben noch Abendessen übrig und nehmen noch einen Drink». Wie es meine italienischen Verwandten tun würden. Nach einer kurzen Dusche wagen wir uns tatsächlich noch, bei ihnen zu klopfen. Ehe wir drinnen sind, steht der Sohn bereits am Herd und bereitet einen (so leckeren!) Snack mit Perilla Kimchi zu.
In Südkorea ist es auch heutzutage nicht die Norm, dass Männer Haushaltsarbeiten erledigen oder kochen. Eine weitere Parallele zu den vor allem südlichen Regionen Italiens.
In Sachen Kaffee ähneln sich Italien und Südkorea übrigens auch. Wird in Italien am Morgen an der Bar ein Ristretto nach dem anderen serviert, so läuft in Südkorea gefühlt jede zweite Person mit einem grossen Kaffeebecher herum und von hippen Kaffee Shops wimmelt es nur so.
Zurück zu den extrovertierten und gastfreundlichen «Italiener Asiens». Auf einem Campingplatz sind wir die einzigen Gäste. Der Besitzer erkundigt sich nach dem Üblichen: Unserem Herkunftsland und von wo wir heute mit dem Fahrrad gestartet sind. Als nächstes folgt die Frage, was wir zu Abend essen (!) Mit unserer Antwort, wir hätten was für in die Mikrowelle, gibt er sich zwar zufrieden, aber nur, um später mit einer Gas-Kartusche aufzutauchen, damit wir anständig kochen können. Von einer Bezahlung will er nichts wissen.
Wir fahren weiter und kommen der Küste immer näher. An einer Kreuzung zögern wir kurz, wir sehen den Fahrradweg nicht auf Anhieb. Da fährt ein grosser SUV mit einem Fahrrad hinten drauf vor, schneidet uns den Weg ab und eine Frau streckt den Kopf aus dem Fenster. Sie zeigt uns unmissverständlich, wo lang wir zu fahren haben – frenetisch, wohlwollend, auf Koreanisch. Wir winken und bedanken uns. Einige Minuten später sehen wir, wie sie am Strassenrand Halt macht. Wir denken uns nichts dabei, halten aber zufälligerweise auf der anderen Strassenseite bei einer öffentlichen Toilette. Da taucht die gute Frau plötzlich wieder auf, auch diesmal begleitet von einer Flut koranischer Wörter. Ehe wir versuchen, etwas zu verstehen, haben wir Trauben in den Händen und «Kopiko»: Täfeli mit Koffein.
Auch in Hostels, in Kaffees und Restaurants sind wir mit Koreaner*innen immer wieder in Kontakt. Die Interaktionen sind in den Grossstädten wie zu erwarten anonymer.
Das mit dem Essen
Das Essen ist bestimmt lecker, oder?
Wenn man Fleisch mag, bestimmt. Wenn dem nicht so ist oder man sich gar vegetarisch ernährt, dann wird es schwierig bis aufwändig. Überall ist Fleisch drin und oft wird mit einer Fleischbrühe gekocht. Und wenn es nicht Fleisch ist, ist es Fisch, oder es sind Meeresfrüchte.
In Europa ist koreanisches Essen vor allem durch Bibimbap oder koreanisches BBQ bekannt, quasi das Pendant zu japanischem Sushi. Aber wie im Fall von Japan, hat auch die koreanische Küche mehr als das zu bieten. Es gibt viele Eintöpfe, frittierte Speisen; oft mit eingelegtem oder fermentiertem Gemüse und Kimchi dazu. Kohlenhydrate gibt es wenige, in diesem Aspekt unterscheidet sich Südkorea doch erheblich von der Küche Italiens.
Blick in die Küche eines kleinen Restaurants, wo südkoreanische Eintöpfe und Suppen zubereitet werden.
Google Maps: Fehlanzeige
Das Organisieren und das Reisen vor Ort, ist es einfach?
Die Organisation auf eigene Faust ist machbar, aber es ist Geduld gefragt. Korea hat eines der besten, wenn nicht das beste Internet der Welt. Wenn man allerdings versucht, von einer Schweizer VPN auf koreanische Webseiten zuzugreifen, braucht man das erste mal Geduld, denn man wartet 20 bis 30 Sekunden, bis die Seite vollständig geladen ist. Wenn man auf der Webseite angekommen ist, sollte man sich nicht zu früh freuen, denn um gewisse Busse oder Züge buchen zu können, wird oft eine koreanische Bankkarte oder eine koreanische Handynummer benötigt. Beides gibt es jedoch nur dann, wenn man in Südkorea einen Wohnsitz hat.
Google Maps braucht man gar nicht erst zu öffnen, es funktioniert nicht wirklich. Dafür ist NAVER Maps das A und O. Die App ist allerdings auf die koreanische Zeitzone eingestellt und wir haben bis zum Schluss nicht herausgefunden, ob bzw. wo sich die Zeitzone anpassen lässt. Um Bus- oder Zugverbindungen im Voraus zu prüfen, bleibt nichts anderes übrig, als umzurechnen. Wenn man wie wir, viel im Voraus bereits aus der Schweiz reservieren und buchen möchte, braucht es Durchhaltewillen und ein gewisser Einfallsreichtum.
Die beste Metro weltweit
Vor Ort funktioniert hingegen alles sehr einfach. Das Wichtigste ist auch auf Englisch beschriftet. Der öffentliche Verkehr ist ganz gut, die Metro von Seoul wird als die beste weltweit bezeichnet (NAVER Maps gibt z.B. an, in welchen Wagen man einsteigen soll, um möglichst nahe beim richtigen Ausgang anzukommen). Die Strassen sind in einem guten Zustand – gefahren wird ähnlich wie in Teilen Italiens: Rechts überholen gehört regelmässig dazu, Richtungsänderung oder Vortritte werden per Hupen bekannt gegeben, Blinker sind sekundär und an Ampeln die rot anzeigen, wird in gewissen Situationen dennoch rechts abgebogen. Es herrscht Rechtsverkehr, das macht es für uns einfacher als beispielsweise in Japan. Freundlicherweise wird man auf Blitzer per Strassenschilder oder Navigationsgerät aufmerksam gemacht, sodass man sich situativ an die Verkehrsregeln halten kann.
Es gibt erstaunlich viele Radwege im ganzen Land. Auch in den Städten finden sie langsam ihren Platz – wenn wirklich zögerlich, denn das Auto ist eindeutig der Hauptdarsteller. Dieser Radweg in Seoul war einer der besten.
Je nach Reisedauer, Ansprüchen und Jahreszeit braucht man nicht alles im Voraus zu organisieren. Da wir erst nach dem Buchen der Flüge bemerkt haben, dass Chuseok in unsere Reisezeit fällt, haben wir diverse Vorreservierungen bereits gemacht. Chuseok ist eines der wichtigsten traditionellen Feste Südkoreas und wird am 15. Tag des achten Mondmonats gefeiert.
Das Fest dauert in der Praxis aber oft mehrere Tage und ähnelt im Entfernten dem amerikanischen Thanksgiving. Ganz Südkorea ist in dieser Zeit unterwegs. Busse und Züge sind bis auf den letzten Platz voll. Häufig fahren die Leute aus den Städten raus aufs Land, zu ihren Eltern oder Grosseltern, denn gefeiert wird in der Grossfamilie. In Seoul sind die 6-spurigen Strassen dann verdächtig leer und viele Läden und Märkte konsequent geschlossen. Auch in Südkorea gilt: Feiertage beachten, denn die werden ernst genommen.
E-Sport
Ist nicht Südkorea das «Gaming-Volk»?
Das kann man durchaus so sagen. Die Faszination, die in Japan für Mangas gilt, gilt in Südkorea dem E-Sport. Insbesondere dem Computerspiel League of Legends, wofür es auch die E-Sport-Profiliga gibt. Über 10% der Bevölkerung spielt es, auf dem koreanischen Server gibt es über 6 Mio. Nutzerkonti. Es gibt Star-Spieler, die so prominent wie bei uns Marco Odermatt oder Roger Federer auf Plakaten und in Werbungen anzutreffen sind. Fanclubs gibt es im selben Ausmass; mit Fanartikeln, Plakaten und allem, was dazu gehört.
Das Spiel ist für Laien wie mich brutal schnell und nicht so einfach zu verstehen, weil es vielschichtig ist. Es treten zwei Teams à je 5 Spieler*innen an, wobei mehrheitlich männlich. Sie spielen auf einem (logischerweise) virtuellen Spielfeld gegeneinander. Es gibt diverse Charaktere mit unterschiedlichen Eigenschaften, und es gibt mehrere Möglichkeiten, Punkte zu sammeln.
Dass fast immer mehrere Sachen gleichzeitig geschehen, macht es noch komplizierter. Es gibt keine festgelegte Spielzeit, Games können innerhalb von 30 Minuten entschieden sein oder mehrere Stunden dauern. Die fünf besten Teams erreichen die Ausscheidungsspiele (Playoffs). Das Siegerteam der regulären Saison qualifiziert sich direkt für das Finale. Die anderen Top-Teams kämpfen in den Playoffs um den verbleibenden Finalplatz.
Public Viewing im LoL Park in Seoul.
Als wir in Seoul sind, findet ein solches Playoff-Spiel statt. Die Arena war binnen Sekunden ausverkauft und wir hätten von der Schweiz aus auch überhaupt keine Chance gehabt, Tickets zu ergattern (wer oben aufmerksam mitgelesen hat, weiss weshalb). Vor der Arena wird das Spiel allerdings auf grossen Leinwänden gezeigt, ein Public Viewing wie es in Europa oft für Fussballspiele gibt. Da setzen wir uns hin und schauen zu – mein Freund dem Spiel, ich primär den Zuschauer*innen. Das Anfeuern und Jubeln klingt für uns in der Art und Weise sehr ähnlich wie in Japan; immer mal wieder ganz begeisterte «UOOOOHH», dann wieder ein «UOOH, UOOH» im Unisono, Kreischen und Klatschen.
150 Grad zu Japan
Um auf die anfängliche Frage zurückzukommen, ob Südkorea und Japan ähnlich sind, würde ich sagen, es sind wirklich zwei unterschiedliche Länder. Es ist keine 180 Grad-Wende, aber 150 sind es schon.
Ich nehme gerne die Metro als Beispiel, die von Seoul und Tokio finde ich sehr ähnlich. Wie sich die Menschen in den Stationen bewegen, allerdings überhaupt nicht. In den 7 Wochen Japan bin ich selbst während der Rush-Hour an der Shinjuku Station in niemanden reingelaufen. Alle gehen diszipliniert und strukturiert durch die Gänge, sind achtsam. In Seoul sind viele am Handy, gehen rechts und links oder halt irgendwie, sie achten weniger auf andere. In beiden Ländern gibt es in den Zügen Videos zur Verhaltensetikette in der Metro, die ist auch sehr ähnlich. In Japan sind die Videos aber offensichtlich vor allem an Ausländer*innen gerichtet, in Südkorea nicht nur. Es sind auch primär südkoreanische Darsteller*innen und wenn man die Leute beobachtet, fällt auf, dass sie sich lange nicht so streng an die Verhaltensregeln halten wie die Japaner*innen.
Perfekt gestylt
Eine auffällige Gemeinsamkeit hingegen ist die Mode. In beiden Ländern ist K-Fashion mit ihrem lässigen und urbanen Stil angesagt, und Mini-Röcke bei Frauen. Sowohl Koreaner*innen wie auch Japaner*innen jeden Alters sind zu jeder Tages- und Nachtzeit perfekt gestylt. Gesicht, Nägel, Kleider und Schuhe sind immer makellos. In Südkorea gehen viele allerdings noch einen Schritt weiter: Hier ist Schönheitschirurgie stark verbreitet und für bestimmte Merkmale bereits die Norm.
Die Inszenierung der eigenen Person, vor allem für soziale Medien, würde ich ebenfalls als Gemeinsamkeit bezeichnen. Die Frau posiert vor einem Kunstwerk in der Nähe der Ewha Womans University.
Nach dieser Reise ist mir bewusst, dass die beiden Länder zwar geografisch nahe beieinander liegen, eine gemeinsame Geschichte haben und für uns Europäerinnen und Europäer auf eine gewisse Weise fremd wirken, in Wahrheit jedoch ganz unterschiedlich fremd sind. Wenn wir die Brücke zu Europa spannen und die Südkoreaner als Italiener Asiens bezeichnen wollen, so würden die Japanerinnen wohl am ehesten den Finninnen entsprechen. Wer beide Länder kennt, weiss, wie verschieden Italien und Finnland sind. In etwa so verhält es sich mit Südkorea und Japan. Beide sind auf ihre eigene Art faszinierend und, wie ich finde, unbedingt eine Reise wert.
Lust bekommen, selbst nach Südkorea oder Japan zu reisen?
Meine Kolleginnen und ich beraten Sie gerne persönlich, ganz gleich in welches Land es Sie zieht.