Giraffentransport
Nervöse Tiere mussten mit einer Augenbinde die Überfahrt zum Festland antreten ©Martin Bucher

Spektakuläres und mutiges Tiermanagement in Kenia

 |  Hintergrund

Ein professionelles Tiermanagement ist im heutigen Artenschutz nicht mehr wegzudenken. Den Konflikt mit dem täglichen Artensterben haben wir Menschen ausgelöst und so liegt es nun auch an uns, Gegensteuer zu geben und Verantwortung zu übernehmen. Ein Text von unserem Experten Martin Bucher. 

Vor mehr als 100 Jahren lebten noch gegen 10 Millionen Elefanten auf dem afrikanischen Kontinent. Durch Besiedelung, Wilderei und Sportjagd schrumpften die Bestände massiv – heute wird die Population auf 400'000 bis 450'000 Tiere geschätzt. Auch Kenia verzeichnete schwere Rückgänge der Elefantenbestände, aber durch verstärkte Schutzbemühungen und dem Verbot des Elfenbeinhandels haben sich die Bestände so weit erholt, dass dort heute wieder etwa 36'000 Individuen leben.

Der afrikanische Elefant ist das grösste Landsäugetier

Das schwerste gewogene Tier, ein Bulle, der 1956 in Angola vermessen wurde, wog gegen 11 Tonnen und erreichte eine Höhe von fast 4 Metern. Elefanten mit solch kolossalen Dimensionen sind aussergewöhnlich rar, aber es gibt sie noch. Erst kürzlich berichtete der Kenia Wildlife Service (KWS) über eine Elefantenumsiedlung, wo ein Tier mit gut 10 Tonnen Gewicht ins «Aberdare Ecosystem» transportiert wurde. Damit wurde der Bulle als schwerster je in Kenia gewogene Elefant registriert und er egalisierte beinahe den fast 70-jährigen Gewichtsrekord seines Artgenossen aus Angola. Der KWS hob in seiner Pressemeldung hervor, dass es bei diesem Schwertransport gleich zwei Ladekräne benötigte, um das Tier in die Transportkiste zu hieven.

Im letzten Jahr verzeichnete Kenia rund 2,4 Mio. ausländische Tourist*innen. Der grösste Teil davon besucht die bekannten Parks wie die Masai Mara oder den Amboseli Nationalpark und erlebt Afrikas Artenvielfalt. Was die meisten Safari-Gäste jedoch nicht wissen, ist, dass in vielen Staaten Afrikas ein aktives Tiermanagement angewendet wird, um genetisch stabile Tierpopulationen zu erhalten und den Artenschutz zu fördern. Meist sind dies professionell koordinierte «Routineumsiedlungen» vom staatlichen Wildlife Service.

Ungewöhnliche «Translocation»

Eher ungewöhnlich aber war folgende «Translocation»: Die einst weit verbreitete Rothschilds Giraffe wird heute als äusserst bedroht eingestuft, da die Bestände auf weniger als 3’000 Tiere geschrumpft sind. Meist kann ein schwindender Lebensraum oder die illegale Jagd auf heimische Wildtiere mit deren Verlust in Verbindung gebracht werden; bei dieser Aktion waren es allerdings natürliche Einflüsse, welche diese spektakuläre Umsiedlung auslöste. 

Der Wasserspiegel vom Lake Baringo ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Alarmierend wurde es vor wenigen Monaten, als der Pegel um zusätzliche 3 Meter anstieg und es für 7 Rothschild Giraffen keine Möglichkeit mehr gab, das Festland selbstständig zu erreichen. Umgeben von Wasser, und isoliert auf einer kleinen Landzunge, waren die Tiere der Natur ausgeliefert und wären dort wohl längerfristig eingegangen. Die Verantwortlichen entschlossen sich, die Tiere zu evakuieren und lancierten eine aufwendige Aktion, um diese einzeln mittels eines Flosses von der Insel ans Festland zu schiffen.

In der Königsklasse von Artenschutz wagte sich das Lewa Wildlife Conservancy an ein neues Projekt: Zusammen mit benachbarten Communities und den staatlichen Behörden wurde nach einer intensiven Planungsphase beschlossen, den einst weit verbreiteten Mountain Bongo in der Region wieder anzusiedeln. Der Bongo (eine Antilopenart verwandt mit dem Kudu) unterscheidet sich dadurch, dass beide Geschlechter Hörner tragen. Die kräftig gebauten Tiere verfügen über ein rostbräunliches Fell, verziert mit einem weissen Streifenmuster an den Flanken, was gleichzeitig die notwendige Tarnung unterstützt. Helle Stellen mit reflektierender Wirkung um den Augenbereich verlängern die Sehkraft der Antilope in der Dämmerung. 

Eingeschränkter Lebensraum

Der ursprüngliche Lebensraum der Bongos – dicht bewaldete Zonen, wo sie sich die scheuen Laubfresser bedienen können – ist inzwischen rar geworden. In Kenia sind die Bestände in den letzten Jahrzehnten drastisch zurückgegangen. Die Gründe dafür sind nebst Habitatverlust die illegale Wilderei sowie kaum vernetzte Lebensräume für die fragile Rest-Population. Heute gibt es gemäss Angaben vom KSW nur noch 100 Tiere – diese mehrheitlich im Aberdare Nationalpark und anderen Waldregionen. Zwischenzeitlich hat sich im Naturschutzbereich im nördlichen Kenia aber viel getan. Dank breiter Bildung übernehmen heute lokale Gemeinschaften Verantwortung im Natur- und Artenschutz und unterstützen damit auch diese Projekte. Gemeinsam wurde ein für die Bongos ideales und grosszügiges Waldstück ausgesucht und eingezäunt. 

In enger Zusammenarbeit mit «Rare Species Conservatory Foundation» (RSCF) in Florida USA, welche Bongos hält und regelmässig nachzüchtet, gelang es, eine neue Population von Bongos aus Florida anzusiedeln. Der Plan beinhaltet eine sanfte Wiederansiedlung, d.h. dass erst die Nachzuchten der ersten Importgeneration schrittweise von den geschützten Gehegen in ihrem zukünftigen Lebensraum angesiedelt werden. Projekte wie dieses sind mit sehr grossem Aufwand verbunden und dauern meist viele Monate bis zur Realisierung. Nach dem Einzug dieser wunderschönen Antilopen ist die Arbeit jedoch nicht vollendet, denn jetzt gilt es, diese neue und noch fragile Population zu erhalten, um sie langfristig in den Lebensraum am Mt. Kenya zu integrieren. Gemeinsam mit anderen Organisationen unterstützt der Zoo Zürich dieses Projekt.

Ende August 2025 traf der Netzgiraffenbulle «Obi» im Zoo Zürich ein. «Obi» wurde durch das EEP – (europäisches Erhaltungszuchtprogramm) auserwählt, da er die genetischen Bedingungen erfüllt, um sich mit den weiblichen Giraffen in Zürich fortzupflanzen. Dadurch soll er einen wertvollen Beitrag leisten, um eine gesunde Netzgiraffenpopulation in den Zoos zu erhalten. Ein professionelles Tiermanagement ist im heutigen Artenschutz nicht mehr wegzudenken. Der Konflikt mit dem täglichen Artensterben haben wir Menschen ausgelöst und so liegt es nun auch an uns, Gegensteuer zu geben und Verantwortung zu übernehmen. Jeder kleine Beitrag dazu ist hilfreich, denn Natur- und Artenschutz beginnt vor der eigenen Haustür.

Über Martin Bucher

Martin Bucher war viele Jahre im Zoo Zürich in der Wildtierpflege tätig. In seiner Funktion arbeitete er hauptsächlich mit Elefanten, Nashörnern, Pinguinen, Reptilien, Säugern und Vögeln. Noch heute ist der passionierte Naturfotograf mit dem Zoo Zürich verbunden und gibt sein Wissen als Zooführer weiter.

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17.10.2026 - 01.11.2026 (16 Tage)
Preis ab CHF 13'420.-
Länder
Afrika, Kenia
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