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Nashörner@Martin Bucher

Die «goldene Freiheit» – eine Illusion: Wildtiermanagement im heutigen Kenia

Background Tours-Experte, Martin Bucher war über 34 Jahre im Zoo Zürich in der Wildtierpflege tätig. Dabei wurde er Zeuge vieler Veränderungen zur Verbesserung der Zootierhaltung und dem Wandel des Zoo Zürich in Richtung Naturschutzzentrum.

In den späten 50er Jahren wurde der Tiermediziner und langjährige Direktor des Frankfurter Zoos, Bernhard Grzimek, für seinen Dokumentarfilm «kein Platz für wilde Tiere» mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Bernhard Grzimek verstand es schon früh, den Mahnfinger für den schwindenden Platz von Afrikas Tierwelt zu heben und setzte sich bis zu seinem Tod 1987 für deren Erhalt ein. Er war ein Visionär der ersten Stunde. Ohne ihn wäre der legendäre Serengeti Nationalpark in Tansania heute wohl nicht in seiner einmaligen und ursprünglichen Form erhalten geblieben.

Afrikas unglaubliche Tierwelt zieht jedes Jahr tausende von Touristen an. Für viele Menschen ist es ein grosser Traum, einmal an einer Safari teilnehmen zu können. Die Serengeti ist bekannt für die Wanderungen der Gnus, einer Antilopenart, die sich alljährlich zu abertausenden Individuen ansammeln. Gemeinsam wandern sie in Richtung Massai Mara, einem angrenzenden Nationalpark in Kenia. Tansania und Kenia stellen den Wildtieren rund 32‘000 km² ursprünglichen Lebensraum zur Verfügung. Einerseits vorbildlich, aber Peanuts für das, was einst der gewaltigen Biodiversität Afrikas zur Verfügung stand. Im heutigen, dichtbesiedelten Afrika ist es ein schwieriges Unterfangen, attraktive und zusammenhängende Lebensräume in solchen Dimensionen zu erschaffen.

In den fruchtbaren Gegenden Kenias, wo einst die Wildtiere umherzogen, stehen heute riesige Farmen, auf denen Getreide, Fleisch, Milch, Früchte, Gemüse und Zierblumen angebaut werden. Diese Grosskulturen sind meistens eingezäunt, um Ernteschäden zu minimieren. Hier sind die Wildtiere nicht wirklich willkommen. Eine weitere zentrale Rolle in der Konkurrenz um Kulturland spielt die stetig wachsende Bevölkerung. Fremdländische Investoren finanzieren und bauen modernste Strassen. In Kenia wurde erst kürzlich eine Schnellbahn in Betrieb genommen, welche die Küste mit der Hauptstadt verbindet und weiter an den Lake Victoria führt. Mit Sicherheit sind das nicht die letzten Projekte, die die Modernisierung Kenias vorantreiben. Und es bedarf politisches Geschick, um die Balance nicht zu verlieren, da es in Kenia für viele Wildtiere eng geworden ist.
Einige bekannte afrikanische Nationalparks sind komplett eingezäunt und verfügen also über eine klare Abgrenzung. Diese unterbricht den wachsenden Druck von aussen, gewährleistet den Schutz von intakten Landschaften und bietet den Wildtieren ihren ursprünglichen Lebensraum an.

So auch der in den frühen 60er Jahren gegründete Nakuru Nationalpark in Kenia. Hier, vor den Toren der Grossstadt Nakuru, leben auf einer Fläche von 188 km² viele der bekannten afrikanischen Grosstiere und Rund 450 Vogelarten. Deren prominentester Vertreter, der Flamingo, hat den Park einst weltberühmt gemacht. Von einigen Aussichtspunkten im Park sieht man die nahe Grossstadt Nakuru, die viertgrösste Stadt in Kenia.
In den eingezäunten Parks übernimmt der Mensch aus verschiedenen Gründen die Verwaltung und die Überwachung der Tierbestände. Einerseits sorgt er für die Sicherheit von häufig gewilderten Tierarten, andererseits kontrolliert er auch die Bestände und verwaltet damit den Erhalt einer genetischen Vielfalt. In Kenia sind die Wildtiere Eigentum vom Staat. Der Kenia Wildlife Service ist dafür verantwortlich. Die kostspieligen Überwachungen werden aus den Eintrittsgeldern finanziert.

Im Nakuru Nationalpark leben seit vielen Jahren Breitmaulnashörner, eine Nashornart, die ursprünglich aus dem südlichen Afrika stammt. Die nördliche Unterart wurde in Freiheit ausgerottet.
Um den Schutz der bedrohten Breitmaulnashörner zu erweitern, planten Naturschützer ausserhalb von Südafrika den Aufbau einer zweiten Population. In Kenia bot sich diese Möglichkeit an, da die notwendigen Bedingungen für das zweitgrösste Landsäugetier nach dem Elefanten vorhanden waren. So kam es, dass in den späten 60er und frühen 70er Jahren erste Tiere als Geschenk nach Kenia transportiert wurden.
Das erste private Nashornschutzprojekt in Kenia, das Lewa Wildlife Conservancy, ist Aushängeschild für den Schutz von Nashörnern. Es importierte 1995 in Absprache mit dem Kenia Wildlife Service fünf weitere Tiere aus Südafrika, um den Aufbau dieser 2. Population aus genetischer Sicht zu erweitern. Im Jahr 2000 trafen weitere 20 Tiere als Geschenk von Südafrika in Kenia ein und fanden in staatlichen Nationalparks und privaten Schutzgebieten ein neues Zuhause.

Aus diesen drei Importen leben heute über 600 Breitmaulnashörner, streng bewacht und eingezäunt, in acht Schutzgebieten. Diese stattliche Anzahl wird laufend während 24 Stunden mit modernsten technischen Hilfsmitteln durch Ranger überwacht. Jedes Tier hat eine individuelle Kennzeichnung. Meist sind das verschiedene Ohrkerben, die ihnen vor dem Transport unter einer schwachen Narkose in die Ohren geschnitten werden. Mit dem Feldstecher können die Ranger so exakte Beobachtungen aus dem Alltag der Nashörner tätigen. Sie rapportieren jede Paarung, jede Geburt und informieren den zuständigen Biologen vor Ort über vermisste, gestorbene oder verletzte Tiere. Dieser wiederum kontaktiert den Hauptsitz vom Kenia Wildlife Service in Nairobi und so treffen täglich «Nashorn- News» aus den acht Schutzgebieten in der Hauptstadt ein. Anhand von diesem Bespiel ist deutlich erkennbar, dass im heutigen Afrika der notwendige Platz für die Wildtiere laufend schwindet und ein professionelles Wildtiermanagement unablässig ist, um stabile und gesunde Tierpopulationen zu erhalten. 

Bildlegende: Schleuse für wandernde Wildtiere. Am Zaun (rechts oben) ist eine Fotofalle montiert. Die Holzposten im Vordergrund und der Steinwall hindern die Nashörner, das Gebiet zu verlassen, das wegen dem Druck der Wilderei.

Die Wissenschaftler wissen, wann die Dichte eines Nashornbestandes in einem eingezäunten Park erreicht ist. Wird diese Schwelle überschritten, nehmen die Spannungen im Nashornalltag zu. Territorialkämpfe zwischen dominanten Bullen häufen sich. Fehlgeburten von trächtigen und gestressten Nashornkühen sind ein weiterer Faktor, da einfach zu viele Individuen einen begrenzten Lebensraum teilen müssen.
Für die Unterbringung der wachsenden Nashornbestände in Kenia werden regelmässig neue Schutzgebiete geschaffen. Heute sind das glücklicherweise auch Community Conservancys, also lokale Gemeinschaften, die sich dem Nashornschutz widmen. Der Einbezug der lokalen Bevölkerung im Naturschutz ist unabdingbar und wird im Norden von Kenia vorbildlich praktiziert. Durch Bildung und Erklärungen entstand Verständnis für die Wildtiere in Regionen, wo diese vor 30 Jahren noch in starker Konkurrenz zum Menschen lebten und auch gewildert wurden.

Engagierte Tierschützer und der Kenia Wildlife Service sahen im Norden des Landes ein Potential zur Schaffung von vernetzten Lebensräumen und konnten die lokale Bevölkerung mit dieser visionären Idee überzeugen. Eine Win-win-Situation für alle, denn mit neuen Schutzgebieten entstanden auch neue Jobs in einer eher ärmlichen Region. Mit dem neuen und sanften Tourismus fliessen nun willkommene Erträge in die Gemeinden. Plötzlich gewinnt eine Region an interessanten und komfortablen Strukturen und verliert somit auch nicht die reiche und vielfältige Kultur der verschieden Ethnien. Angrenzende Gemeinschaften erfahren um den Anreiz einer Beteiligung im Naturschutz und so mangelt es im Norden von Kenia nicht an Bewerbungen, falls neue Nashornschutzgebiete geschaffen werden.
Auf einer Fläche grösser als die Schweiz, leben heute die Wildtiere «Tür an Tür» mit der lokalen Bevölkerung – jedoch führen ihre Wanderungen heute durch Korridore und Strassenunterführungen und vorbei an vielen Zäunen. Dass diese revolutionäre Art von Naturschutz funktioniert, zeigt auch die Tatsache, dass in Kenia im Jahr 2020 kein einziges Nashorn gewildert wurde und kein Elefant seine Stosszähne lassen musste.
Die wenigsten Safariteilnehmer in Afrika, aber auch die nichtreisende Gesellschaft hier wissen, dass es die immer schöngeredete «goldene Freiheit» für die Wildtiere auf dem Dunklen Kontinent längst nicht mehr gibt. Eine Tatsache, die Bernhard Grzimek schon vor 60 Jahren prophezeite.

Bildlegende: Elefantenbullen durchqueren die Schleuse – die Fotofallen erfassen sämtliche Bewegungen.

Text und Fotos: Martin Bucher www.rawnature.ch

Möchten Sie zusammen mit Martin Bucher nach Kenia reisen? Hier erfahren Sie mehr über die nächste Studienreise im Herbst 2021.