Dr. Anneliese Liechti-Stucki
13. April 1944 - 06. Mai 2010
"Ich vergesse die Szene nie mehr. Es war im Jahre 2002 in Turfan, Westchina. Wir sassen in einem Teehaus an einem Tisch mit einem Japaner, einer Han-Chinesin, einem Uiguren und eben wir beide. Eigentlich hätten wir uns nicht verständigen können, da von unseren Kollegen kein Englisch gesprochen wurde. Für Anneliese allerdings war das kein Problem. Sie übersetzte die Unterhaltung - als wär das das Normalste der Welt - in all die Sprachen der Anwesenden. Sie wechselte von Uigurisch zu Chinesisch und von Deutsch zu Japanisch. So war sie, die Anneliese; quirlig, umtriebig, ein Sprachgenie.
Oder ihre Erzählung aus der Studentenzeit, wo sie monatelang mit Nomaden aus Tadschikistan unterwegs war. Auf der Rückreise nach Europa, im Zug ab Istanbul, hat sie sich dann gewundert, warum sie im eigentlich überfüllten Zug ein eigenes Abteil für sich hatte. Bis sie dann realisierte, dass sie wohl die "Geschmacksrichtung" der Nomaden übernommen hatte...
Doch nicht nur das; ihre Kenntnisse der Kulturen im Mittleren und Fernen Osten waren unübertrefflich. Keine Strassenszene, die sie nicht erklären konnte, kein Monument, zu dem sie nicht Geschichte und Anekdoten zu erzählen wusste. Sie ging auf die Menschen zu und erhielt Aufmerksamkeit und Respekt zurück.
Anneliese Liechti-Stucki war eine grosse Persönlichkeit, ein Phänomen in unserer oberflächlichen Zeit. Fast 15 Jahre hat sie dutzende von Reisen für Background Tours begleitet und sie war noch voller Zukunftspläne. Nun hat sie eine schwere Krankheit am 6. Mai 2010 aus dem Leben gerissen. Dass es ein reich erfülltes Leben war, mag für uns alle ein Trost sein."
Ruedi Bless