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Erlebnis Iran

Unsere Mitarbeiterin, Céline Nydegger, ist beeindruckt von ihrer Reise durch das Land am Persischen Golf.

Ich sitze auf dem Beifahrersitz unseres rüstigen Toyotas. Wir befinden uns auf dem Weg nach Shiraz. Die Sonne neigt sich langsam dem Horizont und taucht die karge Wüstenlandschaft in ein warmes, goldenes Licht. Ein Windstoss bläst durch das halbgeöffnete Autofenster. Hastig und schon beinahe routiniert – rücke ich mein Kopftuch zurecht. Sia, unser Driver-Guide und treuer Begleiter seit nun fast zwei Wochen, schaut zu mir herüber und lächelt: «Let’s have a break?» Meine Reisegefährtin Celia und ich nicken. Auf einem Autobahnrastplatz halten wir an. Mit geübten Handgriffen, welche im Verlauf unserer Reise schon fast zur Routine geworden sind, holen wir die Plastikdecke aus dem Picknick-Korb und breiten sie auf dem Kofferraum des Autos aus. Sia füllt unsere Becher mit heissem Kaffee, wir breiten unseren Vorrat an Baklava, Datteln und Keksen aus. Seit 15 Tagen sind wir nun schon in Iran – und kommen oft gar nicht hinterher, die gewonnenen Eindrücke zu verarbeiten.



Die ersten Tage unserer Reise widmeten wir dem (erstaunlich grünen) Norden Irans, der zumindest bis anhin noch nicht zu den Hauptzielen der westlichen Touristen gehört. Besonders fasziniert hat uns hier das Felsendorf Kandovan, dessen Bewohner ihre Behausungen direkt in die weichen, kegelförmigen Tufffsteinformationen gegraben haben (ähnlich wie im türkischen Kappadokien). Diese bescheidene Art des Wohnens veränderte sich über all die Jahre kaum. Erst der Einzug der Elektrizität in das Dorf führte zu kleineren Modernisierungen. Nach wie vor führen die Bewohner aber ein gemächliches und autarkes Leben abseits der Hektik der Städte.

Im Kontrast dazu erlebten wir in der 10-Millionen-Metropole Teheran die kosmopolitische Seite des Irans – nirgends präsentiert sich das Land moderner und weltoffener. Trotz Verhüllungspflicht nehmen es die jungen Frauen hier mit den Kleidervorschriften nicht so genau. Die modischen Manteaus sind enganliegend, das Kopftuch wird lässig getragen und vorteilhaft in Szene gesetzt. «Many things are possible in Iran – as long as you don’t scream it» erklärte uns ein junger Iraner. Immer wieder auf unserer Reise wird spürbar, dass die Iraner den Austausch wünschen. Dass man als Besucher aus dem Abendland angesprochen wird, ist keine Seltenheit. Oftmals werden wir gefragt, was wir vom Land halten und ob es uns hier gefällt. Tatsächlich ist das Bild des Irans, welches von den westlichen Medien gezeichnet wird, oftmals ein Negatives. Eine undurchsichtige Atompolitik, den starken Einfluss der islamischen Elite auf die Lebensweise der Bevölkerung und die Benachteiligung der Frauen prägen die weitläufige Meinung. Umso erfreulicher, dass sich immer mehr westliche Touristen dazu entscheiden, sich selbst vor Ort ein Bild dieses vielschichtigen Landes zu machen.



Von Teheran fuhren wir weiter südwärts nach Qom. Diese konservativ eingestellte Wallfahrtsstadt birgt eine der heiligsten und architektonisch wertvollsten Baukonstruktionen des Iran, die imposante Grabmoschee der Fatima al-Masuma. Zum Gelände gehört auch die Islamisch-Theologische Hochschule von Qom, eine der grössten Ausbildungsstätten für schiitische Geistliche. Manche sagen, von hier steuern die Mullahs das Land. So liess sich der politische und spirituelle Führer der islamischen Revolution, Ajatollah Ruhollah Chomeini, in den 1920er-Jahren hier in der islamischen Rechtsschule ausbilden. Am Eingang zum Schrein erwartete uns bereits ein Mullah, der auf mich mit seiner langen Robe und dem weissen Turban, dem bartbewachsenen strengen Gesicht und seinem distinguierten Auftreten im ersten Moment einschüchternd wirkte. Er stellte sich als unser Führer vor und händigte uns sogleich bodenlange Ganzkörperschleier (sog. Tschadors) aus, bei denen einzig das Gesicht nicht verhüllt wird. Nun korrekt angezogen mischten wir uns, dem Mullah folgend, unter die Gläubigen. Wir lauschten seinen Erläuterungen und waren beeindruckt von der imposanten goldenen Kuppel und den mit feinsten Fliesenmosaiken bedeckten Minaretten. Der Mullah erzählte aber nicht nur, sondern stellte sich auch unseren Fragen zum Islam. Nicht in allen Punkten waren wir uns einig – aber seine offene und gesprächsbereite Art ermöglichte einen spannenden Diskurs.

In Isfahan erlebten wir schliesslich die berühmte Gastfreundschaft der Iraner hautnah. Spontan wurden wir von einem jungen Ehepaar zu sich nach Hause eingeladen. Mohammed und Mozhdeh wohnen in einer gemütlichen, recht grosszügigen Wohnung in den Aussenbezirken Isfahans. Am Abend empfing uns Mozhdeh herzlich an der Tür. Das Kopftuch hatte sie abgelegt und bat uns, es ihr gleichzutun. Wir standen noch etwas verloren auf dem kunstvoll ornamentierten Perserteppich, als Mozhdeh uns zum flauschigen Sofa führte und uns süsses Gebäck und Kaffee anbot. Während Mohammed sich zu uns setzte, war seine Frau bereits wieder in der Küche mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigt. Ein würziger Duft nach Safranreis breitete sich in der Wohnung aus und weckte unsere Freude auf das Abendessen. Es wurde ein vergnüglicher Abend, bei dem sich offene Gespräche über Familie, Ehe, Politik und Religion entwickelten. Rasch wurde uns klar, dass sich die beiden, so wie viele Iraner, einen politischen Wandel und mehr Perspektiven für die Zukunft wünschen.

Brücke "Si-o-se Pol" in Isfahan

Nächstes Ziel der Reise war die 5‘000 Jahre alte Wüstenstadt Yazd. Wir erkundeten das Gewirr aus Gassen, Moscheen und Wohngebäuden der aus Lehm erbauten Altstadt, probierten Kamelfleischburger in einem traditionellen Gasthaus und erfuhren im Wassermuseum mehr über die genialen antiken Bewässerungssysteme. Auch lernten wir in Yazd eine neue Religion kennen: Bevor die Araber im 7. Jahrhundert den Islam im alten Persien etablierten, war nämlich der Zoroastrismus vorherrschend. Wir besuchten den zoroastrischen Feuertempel und erklommen die Begräbnistürme, die sogenannten "Türme des Schweigens". Hier wurden früher die Toten aufgebahrt, damit die Geier die Knochen säuberlich vom Fleisch befreien konnten. Dieses uralte Bestattungsritual hatte zum Ziel, eine Verschmutzung der vier heiligen Elemente (Luft, Wasser, Erde und – das heiligste von allen – Feuer) zu verhindern. Da diese Form der Bestattung im Iran seit den 70er Jahren nicht mehr erlaubt ist, kleiden die Zoroastrier nun die Wände ihrer Gräber mit Beton aus, sodass keine Erde beschmutzt wird. Während die Zoroastrier unter dem letzten regierenden Schah noch relativ viele Freiheiten genossen, verschlechterte sich ihre Lage seit der islamischen Revolution erheblich. Heute leben im Iran nur noch ca. 25'000 Zoroastrier, während es in Indien mittlerweile rund 65’000 sind.

Schliesslich erreichen wir die letzte Station unserer Reise – Shiraz, die Stadt der Poesie. Hier sind die zwei berühmtesten Dichter Persiens begraben: Hafis (1320–1398) und Saadi (1184–1282). Wir besuchen das Grab von Hafis, eingebettet inmitten eines schönen Parks. Junge Iraner treffen sich hier gerne für Picknicks und lauschen der Musik, die aus Lautsprechern ertönt. In seinen Gedichten besingt Hafis die Freuden des Lebens, die Schönheit der Natur und den Wein. In früheren Zeiten wurde in Shiraz Wein angebaut – so gilt das antike Persien gar als das Ursprungsland des Weins. Heute ist der Weinanbau (und allgemein die Herstellung und der Konsum von Alkohol) jedoch aus religiösen Gründen verboten. In Shiraz gibt es zwar nach wie vor Rebfelder, die Trauben dienen jedoch allein der Herstellung von Rosinen.

Unsere Zeit im Iran kommt hier zu einem Ende, denn noch am selben Abend geht unser Flug zurück in die Schweiz. Mein Fazit: Der Iran ist ein Land der Widersprüche – facettenreich, beeindruckend, überraschend und gastfreundlich, manchmal auch aufrüttelnd und irritierend. Aber auf jeden Fall einen erneuten Besuch wert!

Text und Fotos: Céline Nydegger