Bunisa Termechikova bereitet das Essen vor
© Patrick Rohr

Lesetipp: «Die neue Seidenstrasse - Chinas Weg zur Weltmacht»

 |  Buch, Hintergrund

In seinem Buch «Die neue Seidenstrasse – Chinas Weg zur Weltmacht» nimmt unser Experte Patrick Rohr die Lesenden mit auf eine faszinierende Reise von Schanghai westwärts entlang der neuen Seidenstrasse bis nach Polen. In diesem publizierten Ausschnitt berichtet Patrick Rohr aus Kirgisistan, ein Land, das er besonders in sein Herz geschlossen hat.

Die Fahrt ins Alay-Tal ist atemberaubend. Langsam schraubt sich die Passstrasse auf über 3‘500 Meter hinauf, bevor sie sich dann wieder auf 3‘000 Meter herunterwindet, auf eine von imposanten Bergketten flankierte Hochebene. Mein Ziel ist Sary-Mogul, ein weitläufiges Dorf mit 8‘500 Einwohner*innen. Hier übernachte ich bei einer einheimischen Familie, eine andere Möglichkeit gibt es nicht, denn im ganzen Tal steht kein einziges Hotel.

Dafür gibt es zahlreiche Angebote für einen «Homestay», wie die Übernachtungsmöglichkeit in einem Privathaushalt heisst. In Sary-Mogul gibt es sieben davon, im ganzen Tal Dutzende. Meine Gastgebenden sind der 32-jährige Nurtilek Tashkulov und seine Mutter Bunisa Termechikova. Sie fingen vor sechs Jahren an, Betten an auswärtige Gäste zu vermieten, zuerst nur in einem Zimmer, inzwischen in drei.

Und wenn im Sommer viele Leute aus dem Ausland ins Tal strömen, würden sie vor dem Haus auch eine Jurte aufstellen, in der ebenfalls Leute übernachten könnten, sagt der Sohn. Maximal könnten so 13 Gäste gleichzeitig bei ihnen übernachten. 

Anfänglich waren Nurtilek und Bunisa bei der Organisation CBT angeschlossen. Die Abkürzung steht für «Community Based Tourism», die Organisation vereinigt und vermarktet die verschiedenen lokalen Angebote. Vor zwei Jahren hat Nurtilek allerdings beschlossen, CBT zu verlassen und die Betten der Familie auf der Hotelplattform booking.com anzubieten – mit durchschlagendem Erfolg.

2019 kamen total 700 Gäste in ihr Haus, und sie bewerteten das Angebot im Durchschnitt mit der herausragenden Note 9.6 (von 10). «Wir können es noch immer nicht glauben», sagt Nurtilek, „aber offensichtlich haben sich unsere Investitionen gelohnt.“ Neben dem Haus gibt es seit kurzem ein WC mit Sitzklo, und auf dem Vorplatz hat die Familie ein «Bagna» gebaut, die russische Version einer Sauna, mit einem Holzofen im Schwitzraum, der Wasser zum Kochen bringt.

Beim Essen, das Bunisa und ihre Schwiegertochter Janyl Dosmatova in der Zwischenzeit zubereitet haben, frage ich Nurtilek, ob er keine Angst hätte, dass das Tal plötzlich von Touristen überrannt werden könnte. Und dass es, wie an anderen einst ruhigen Orten auf der Welt, zu einem Übertourismus kommen könnte, der das Zusammenleben und die Natur im Tal kaputt macht. Nurtilek lacht: «Dazu ist die Saison bei uns wohl zu kurz. Die Leute kommen vor allem im Juni und Juli. Wenn es warm genug ist, kommen sie auch im Mai und August. Dazwischen ist es hier Winter, und da kommt niemand ins Tal.» Die Winter im Alay-Tal sind lang und hart, Temperaturen um minus 40 Grad sind die Regel. 

«Der Tourismus bietet den Menschen eine Chance, sich ein kleines Einkommen zu erwirtschaften, viele andere Möglichkeiten haben sie nicht.»

Zwar gibt es im Tal mit seinen 40‘000 Einwohnern ein paar Kohleminen, aber die bieten zusammen nicht einmal hundert Arbeitsplätze. Und die einzige Goldmine, die es in der Gegend gibt, gehört einer chinesischen Firma, die nur zu einem Teil einheimische Arbeiter*innen beschäftigt, die anderen kommen aus China. Die meisten Menschen im Tal leben von der Viehzucht, was ihnen Nahrung, aber kaum Einkommen gibt.  

In der Nacht erwache ich zweimal, weil mir kalt ist. Das Feuer, das mein Zimmer geheizt hat, ist ausgegangen. Draussen zieht ein eisiger Wind durchs Tal, es ist einige Grad unter null. Ich decke mich mit einer zweiten dicken Decke zu und schlafe noch ein paar Stunden weiter. Am nächsten Morgen ziehe ich früh los in die Berge. Etwa eineinhalb Stunden Fahrt über weite Weideflächen und durch ausgetrocknete Bachbetten bringen mich zum Pik-Lenin-Basislager auf knapp 4‘000 Metern. Dort empfängt mich die 17-jährige Gulburak Begmataeva. Sie studiert in Osch Recht und möchte Anwältin werden.

In den studienfreien Sommermonaten arbeitet Gulburak in ihrem Heimattal als Bergführerin. «Seit ich klein bin, kommen meine Eltern mit uns Kindern im Sommer hierher ins Basislager, wo sie für die Gäste Pferdetouren, Übernachtungen in Jurten und Mahlzeiten anbieten.» Das Basislager ist der Ausgangsort für die Besteigung des Pik Lenin, mit 7‘134 Metern der zweithöchste Berg Kirgisistans. Stolz thront er über dem Tal. Gulburak erzählt weiter: «In den letzten Jahren kam ich hier mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt, was ich sehr spannend finde. Ich habe meine Eltern darum gefragt, ob ich selber Touren leiten dürfte, und sie haben es erlaubt.» 

Jetzt führt Gulburak die ausländischen Gäste auf die Berge und in die Täler am Fusse des Pik Lenin, meist zu Fuss, aber auch hoch zu Ross. Im Herbst startet sie eine Ausbildung zur Bergführerin, dort lernt sie, wie man im unwegsamen Gelände ein Biwak errichtet oder auf einer Tour einfache Mahlzeiten kocht. Und um sich mit den Touristen verständigen zu können, lernt Gulburak in Privatkursen Englisch und Japanisch. Japanisch? «Ja, aus Japan kommen sehr viele Menschen ins Alay-Tal. Sie sprechen kein Englisch, deshalb lerne ich ihre Sprache.» Gulburak strahlt übers ganze Gesicht. Die Freude an den Bergen und an der überwältigenden Natur ist ihr anzusehen. 

Sie packt mich am Arm und führt mich auf eine Flanke, hinter der sich ein weites zerklüftetes Tal auftut. Dahinter thronen die weissen Gipfel des Pamirgebirges. Gulburak zeigt mir, wohin sie mich führen könnte, wenn ich etwas mehr Zeit hätte: zum Wasserfall hinter dem grossen Felsvorsprung zum Beispiel. Oder auf die Ebene weiter hinten, dort könnte man mit dem Pferd hin. Auch ins nächste Lager auf dem Weg zum Pik Lenin wäre eine Tour mit dem Pferd möglich. Es liegt auf 5‘500 Metern über Meer, der Aufstieg würde etwa sechs Stunden dauern. Ich blinzle in die Sonne und wünsche mir für einen Moment, meine Reise durch Kirgisistan würde jetzt erst beginnen – und nicht bereits wieder enden.


Inhalt des Buches und Buch bestellen

China überrollt die Welt. Die »Belt and Road-Initiative«, 2013 vom chinesischen Präsidenten Xi Jinping lanciert, sieht vor, von China aus über ein Netz von Bahn-, Strassen- und Schiffsverbindungen Länder in Zentral- und Südostasien, Nord- und Ostafrika sowie Europa wirtschaftlich miteinander zu verbinden. Ein gigantisches Infrastrukturprojekt, in das China – auch in den angeschlossenen Ländern – Milliarden investiert. Die neue Seidenstrasse soll nicht nur China, sondern auch den Staaten entlang der verschiedenen Routen grossartige Handelsmöglichkeiten sowie Frieden und Prosperität bringen. So sehr das Projekt in einzelnen Ländern auf Begeisterung stösst, so stark wächst auch die Skepsis: Was, wenn China nicht nur Handelswege eröffnet, sondern neben Konsumgütern auch sein Werte- bzw. sein politisches System exportiert? Was, wenn China sich mit der neuen Seidenstrasse nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die politische Macht auf der Welt sichern will? Die EU ist skeptisch und hält sich vorerst zurück. Die Schweiz hingegen sieht für sich grosse wirtschaftliche Möglichkeiten.

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