Benno Lüthi

«Eine Plastiktüte sieht aus wie eine Qualle.»

 |  Hintergrund, Nachhaltigkeit

Über viele Jahre hinweg gehört Benno Lüthi zum Freiwilligenteams des Zoos Zürich. Seine Verbindung zu Tieren ist eng. Das zeigt er auch mit seiner Stiftung Antarctic Research Trust, die ihn immer wieder in die faszinierende Welt des ewigen Eises führt. Ein Gespräch. 

Das Interview ist in der Kulturzeitschrift Du erschienen, Juli/August 2020.

Oliver Prange: Sie gründeten 1997 die Stiftung Antarctic Research Trust, ART, für wissenschaftliche Forschung an antarktischen und subantarktischen Tieren, um sie und ihren Lebensraum zu schützen. Was bewog Sie dazu?
Benno Lüthi: Auf meiner ersten Antarktisreise im Jahr 1997 hatten ich, der Meeresbiologe Klemens Pütz und der Bauunternehmer Hanspeter Corti mitten in einem gewaltigen Sturm die Idee zur Gründung dieser Stiftung.

Die Reise ging von den Falklandinseln über Südgeorgien zur Antarktis und zurück. Bis dahin wurde Antarktisforschung fast nur von Universitäten oder staatlichen Institutionen durchgeführt.

Was wollten Sie verändern?
Unser Fokus liegt auf der Erforschung der Ernährungsökologie von Pinguinen. Gerade haben wir das siebenunddreissigste Projekt in Neuseeland gestartet.

Wir befestigen an den Tieren Fahrtenschreiber oder Sender und können so verfolgen, wohin sie schwimmen, wo ihre Hotspots im Meer liegen und wo sie potenziellen Gefahren ausgesetzt sind, zum Beispiel durch kommerzielle Fischerei, Ölförderung, Verschmutzung, Plastik.

Was richtet Plastik an?
Die Anreicherung von Plastik im Meer in jedweder Form, von Mikro- bis Makroplastik, nimmt immer grössere Ausmasse an. Kleine und grössere Plastikteile werden von den Tieren verschluckt und oft auch an den Nachwuchs verfüttert, der dann elendig zugrunde geht.

Man findet auch immer häufiger Wale, die den ganzen Verdauungstrakt voller Plastik haben.

Wieso merken das die Tiere nicht?
Sie kennen Plastik nicht. Eine Plastiktüte sieht aus wie eine Qualle, andere Plastikteile werden irrtümlich für Kadaver von Fischen oder anderer potenzieller Beute gehalten.

Selbst Mikroplastik, das vom  Wäschenwaschen stammt, wurde inzwischen zum Beispiel mim Körper von Königspinguinen nachgewiesen.

Was kann man dagegen tun?
Schon beim Einkauf sollte man auf möglichst wenig Plastikabfall achten. Und diesen dann immer regelgerecht entsorgen. Man macht sich keine Vorstellung davon, wie viel Plastik letztlich im Meer landet, es ist furchtbar.

Plastik findet sich in verschiedenen Wassertiefen, man kann es nicht einfach abfischen.

Forscht die Stiftung nur, oder unternimmt sie auch etwas gegen Probleme wie dieses?
Wir konzentrieren uns auf die Forschung. Aber alle unsere Daten werden publiziert, wir stellen sie Regierungen und Umweltverbänden zur Verfügung.

Was bringt das?
Wir haben zum Beispiel die Winterwanderungen von Magellanpinguinen untersucht und in der Folge erreicht, dass Tanker in den bevorzugten Migrationskorridoren der Tiere nur noch mit Einschränkungen fahren dürfen.

Das ist wertvoll, denn vorher starben dort vierzigtausend Pinguine pro Jahr an Ölverschmutzung.

Wie bedroht die Fischerei die Pinguine?
Pinguine stehen entweder zur kommerziellen Fischerei in direkter Konkurrenz um die gleichen Beutetiere, oder aber sie verenden in den Fischernetzen. Daher sollte man nur zertifizierte Produkte aus nachhaltiger Fischerei konsumieren.

Woher stammt Ihr Interesse an der Sache?
Schon als kleiner Bub war ich an der Tierwelt interessiert. Im Schrebergarten mit meinem Vater lernte ich, dass Bienen nicht beissen, sondern stechen. Dann war ich im Kanton Graubünden jahrelang im Landdienst bei Bergbauern, in Obersaxen, wo ich mit Kühen, Schafen, Geissen unterwegs war.

Geld für ein Studium hatten wir nicht, aber an der ETH Zürich konnte ich eine Laborantenlehre absolvieren, war stets mit Professoren und Doktoranden zusammen und lernte dadurch sehr viel. Später betrieb ich über viele Jahre ein medizinisches Labor.

Wie kamen Sie zu Background Tours?
Meine erste Antarktisreise fand, wie gesagt, 1997 statt. Seitdem hat Ruedi Bless mir die Möglichkeit eröffnet, als Reisebegleiter Gäste in die Antarktis zu führen. Reisen mit Background Tours sind keine Ferien-, sondern Bildungsreisen. Diese Tätigkeit fasziniert mich bis heute.

Wie läuft das ab?
Oft chartert Background Tours hierfür ein ganzes Schiff. Als wir die erste Vollcharter-Reise in einer Wochenzeitung inserierten, war sie innert drei Tagen ausgebucht. Die bis zu maximal zweihundert Passagiere kommen jeweils vorher im Luzerner Verkehrshaus zusammen und werden dort auf die Reise vorbereitet.

Was passiert auf solch einer einundzwanzigtägigen Reise?
Man besucht sehr viele Tierkolonien in grossartigen Landschaften. Die Gäste werden mit Zodiac-Booten zu Landestellen gebracht, wo sich grosse Pinguinkolonien, Robben oder Albatrosse zur Jungenaufzucht einfinden.

An den Seetagen gibt es zahlreiche Vorträge über Geschichte, Biologie, Geologie, Tierwelt.

Mit bis zu zweihundert Menschen?
Wir sind gut organisiert, das funktioniert prima. Es dürfen immer bis zu hundert Gäste gleichzeitig für bis zu zweieinhalb Stunden an Land. 

Wird es nicht langweilig, wenn man jeden Tag Pinguine sieht?
Jeder Tag ist spektakulär, und in den Kolonien an Land ist immer etwas los. Auf See sieht man auch Wale und Delfine oder aber die majestätischen Albatrosse und Sturmvögel. Einmal sahen wir eine Gruppe von ungefähr hundert Walen, nahe am Schiff. Das ist schon ein Erlebnis, das man nie mehr vergisst.

Es sind ja eben keine Ferienreisen, manchmal wecken wir die Passagiere um vier Uhr morgens, gehen um fünf Uhr an Land, um einen Sonnenaufgang in einer Königspinguin-Kolonie zu erleben. Das Licht ist dann fantastisch! Jeder Landgang ist anders – immerhin ist die Antarktis doppelt so gross wie Australien.

Alles Eis?
Fast zu hundert Prozent, lediglich zwei bis drei Prozent der Antarktis sind im Sommer eisfrei. Achtzig Prozent des Süsswassers der Welt sind in der Antarktis in Form von Eis gespeichert. Der Eispanzer beträgt im Mittel zwei Kilometer auf einer Fläche von vierzehn Millionen Quadratkilometern.

Niemand lebt dort?
Nein, nicht dauerhaft. Die Antarktis ist ja ein Schutzgebiet. Es gibt keine militärischen Einheiten, aber Forschungsstationen.

Wem gehört die Antarktis?
Niemandem oder aber jedermann, je nachdem, wie man das sieht.

Naturressourcen gibt es keine?
Doch. Vor siebzig Millionen Jahren war die Antarktis grün, driftete von Indien ab. Wie gesagt, jetzt ist die Antarktis mit einem grossen Eispanzer überzogen. Aber darunter lagern natürlich Bodenschätze.

Was bedeutet der Klimawandel für die Antarktis?
Man stellt eine Erwärmung fest, insbesondere im Bereich der Antarktischen Halbinsel, zu der die meisten Reisen führen. Aber es gibt auch das Phänomen der Abkühlung in der östlichen Antarktis. Erwärmung führt zu mehr Niederschlag, aber im Zentrum ist es zuweilen minus neunzig Grad im Winter.

Die Antarktis ist ein Kontinent, im Gegensatz zur Arktis, die ein zugefrorenes Meer ist. Das Eis liegt ganzjährig auf dem Kontinent und nicht, wie in der Arktis, saisonal auf dem Wasser.

Was machen Sie, wenn Sie nicht in der Antarktis sind?
Ich unterstütze die Tierpfleger im Zoo Zürich bei ihrer Arbeit und führe im Winter die Pinguine auf einem Spaziergang durch den Zoo. Auch ein Spaziergang mit den Zoo-Kamelen ausserhalb der Anlage ist immer ein schönes Erlebnis.

 

Über Benno Lüthi

Benno Lüthi, 1945 in Zürich geboren, arbeitet nach einer Laborantenlehre als Assistent an der ETH Zürich und ist später Leiter und Miteigentümer des Laboratoriums Diagnostica. Von 2001 bis 2018 arbeitet er im Freiwilligenteam des Zoos Zürich. Seit 2018 unterstützt er ehrenamtlich die Tierpflege im Zoo Zürich.

1997 war er Mitbegründer der Stiftung Antarctic Research Trust (ART), die er präsidiert. Er ist Koautor von zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Pinguine. Ebenso erschienen unter seiner Leitung der Reisebegleiter Antarktische Halbinsel, Falkland-Inseln, Südgeorgien und das Nachschlagewerk Tierwelt der Antarktis und Subantarktis.

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