Die Hauptstadt von Angola: Luanda / Copyright Fabio Vanin

Zurück in die Kolonie

von Florian Leu

José Macedo kam in Angola zur Welt, als es noch Teil Portugals war,  vierzehnmal so gross wie das Mutterland. Wegen des Kolonialkriegs zog die Familie nach Europa zurück, eine Vorhut der 850 000 Portugiesen, die später
aus den Kolonien heimkehrten, der grösste Exodus der zweiten Jahrhunderthälfte. Die meisten kamen im Flugzeug zurück, viele segelten in selbstgemachten Schiffen nach Hause, prekärer als die Seefahrer ein halbes
Jahrtausend zuvor.
Während die Zeitungen heute voller Artikel über Schiffbrüchige im Mittelmeer sind, in denen es heisst, Europa könne keine Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika mehr aufnehmen, fliegen Hunderttausende Wirtschaftsflüchtlinge von Lissabon nach Luanda, für Ausländer zurzeit die teuerste Stadt der Welt. In Luanda ist es wie im Innern eines Motors. Die Strassen, bald aufgeplatzter Teer, bald aufgewirbelter Staub, sind immer verstopft. Trotzdem werden jeden Tag zwölf Leute totgefahren. Jeder zweite Wagen ist ein Jeep, für mehrere Tausend Dollar aus Europa eingeflogen, Statussymbol mit Vierradantrieb und einziges Vehikel, mit dem man über die zum Teil noch immer zerstörten Strassen im Landesinnern kommt. Im angolanischen Portugiesisch bedeutet Bomba de Gasolina, Tankstelle, auch Herz. Erdöl ist Angolas Blut. Kein Rohstoff ist so wichtig. Sogar die Junkies sind in dieser Hinsicht Patrioten. Sie liegen überall neben den Strassen, schlafen den Rausch aus. Ihre Droge ist Benzin. Wer einen Lappen tränkt und daran riecht, verliert das Gleichgewicht.
Angolas Wirtschaft wächst seit Jahren mit zweistelligen Raten. Weniger Menschen leben jetzt angeblich in Armut. Doch für zwei von drei Angolanern müssen zwei Dollar pro Tag reichen. Die Präsidententochter Isabel dos Santos hingegen steht an der Spitze der steilen Pyramide der Einkommensverteilung – sie ist Afrikas erste Milliardärin. 1970 hatte Angola sieben Millionen
Einwohner. Jetzt sind es zirka dreimal so viele, die Hälfte ist in Städten zu Hause. Vielleicht greift das Wort zu kurz; die Armenviertel gleichen eher Flüchtlingslagern.
Die Wohnung von José und Manuela liegt in Maianga, einem Viertel mit Hochhäusern aus den sechziger Jahren. Wenn man nachts auf der Terrasse steht und in die Nachbarschaft schaut, kann man oft Lichtkegel in den Treppenhäusern sehen. Wegen der Stromausfälle müssen die Leute oft zu Fuss und mit Taschenlampe in den zwölften Stock. Es dauerte anderthalb Jahre, um Josés Wohnung instand zu setzen. Er heuerte einen Maurer an, bei dem er sicher war, dass der Verputz nicht gleich wieder abblättert. Als habe man einen Katalog betreten:

»Gärten gibt es keine mehr. Die hat nur noch der Präsident.«

Manuela liess alle Möbel aus der Lissabonner Ikea einfliegen. In der Stube leuchtet ein Fernseher, der meist dasselbe zeigt: Leute mit geschlossenen Augen, die an Bergseen sitzen und Yoga machen. Durch die Fenster dringt, beharrliches Hintergrundrauschen, Luandas Lärm.
Würde die Wohnung leer stehen, könnte man in der Anzeige lesen, dass sie einen Quintal habe, einen Garten. In Luanda bedeutet das Wort mittlerweile
Parkplatz, Gärten gibt es keine mehr. Die hat nur noch der Präsident José Eduardo dos Santos, nach Robert Mugabe in Afrika der Autokrat mit der zweitlängsten Dienstzeit, der in Palästen hinter drei Mauern lebt und eine Armada von Gärtnern beschäftigt, die Wasser auf die Wiesen spritzen, die ausser ihnen und irgendwelchen seltsamen Vögeln nie jemand betritt.
Sie würden gern gehen. Doch sie bleiben, weil José in Portugal vermutlich keine gleichwertige Arbeit fände. Die Fabrik hier in Angola mit ihren 250 Mitarbeitern zu leiten, ist undankbar. Weil der Strom dauernd ausfällt, läuft alles mit Generatoren. Weil kein brauchbares Wasser zur Verfügung steht, kommen jeden Tag Lastwagen mit Frischwasser. Weil die meisten keine Ausbildung haben, verstehen sie nichts von Hygiene. Weil die Regierung der wichtigste Abnehmer ist, hat José ein Problem mehr: Sie zahlt die Rechnungen immer erst, nachdem er ein paar Mal nachgefragt hat. Schweiss auf der Stirn, den Blick in den Pool versenkt, sagt José: «Die Hoffnung, dass sich hier was ändert, habe ich aufgegeben.»

Manuela und José machen kein Drama deswegen, doch eigentlich sind sie fertig mit Angola. Ohne Schmiergelder läuft nichts. Es gibt kaum Leute, mit denen man reden könnte. In Luanda halten sie es nur mit einer Klimaanlage aus, die Polarluft in die Stube bläst. Ihre Hoffnung ist ein Konzern aus Frankreich, der Interesse an der Firma zeigt und José vielleicht einen Job in Lissabon anbietet.
Sie sagt: «Wenn das klappt, hätten wir nur noch eine Sorge.» Der Sohn studiert Betriebswirtschaft wie schon der Vater und sehnt sich sehr danach, in Afrika zu sein. Löhne, so hoch, wie es sie in Portugal wohl nie geben wird. Und eine raue, harte Wirklichkeit, in der man sich sehr lebendig fühlen kann.

Manuela ging es auch so, als sie 1982 zum ersten Mal nach Angola kam. Auf einmal wusste sie, wie es ist, mit einem abenteuerlichen Herzen zu leben.
Wenn sie damals mit dem Auto unterwegs waren, mussten sie aufpassen, dass sie nicht zu schnell fuhren, denn Stau gab es nie. Besuchten sie Freunde, mussten sie sich entscheiden: vor der Sperrstunde nach Hause oder die Nacht durchmachen. Manuela hat Sozialarbeit studiert; während ihres ersten Aufenthalts in Angola arbeitete sie für die staatliche Erdölgesellschaft, die auch ein Sozialdepartement betreibt. Sie bemühte sich um Verbesserungen im öffentlichen Verkehr, setzte sich für bessere Löhne ein, besorgte Nahrung für Hungernde. Die Gesellschaft zahlte jedes Jahr einen Flug nach Portugal. Wenn Manuela und José dann jeweils zurück nach Luanda flogen, reizten sie das Limit aus: 230 Kilo Gepäck, wegen ihrer beiden Töchter mussten sie immer berechnen, wie viel sie wachsen würden bis zum nächsten Flug, Kinderkleider gab es keine in Angola.
Dreissig Jahre her. Seit sechs Jahren sind sie nun wieder hier, doch nur halb. In jedem Restaurant laufen Sendungen des portugiesischen Fernsehens, und immer, wenn wir irgendwo zu Mittag essen und dazu Wein aus dem Alentejo trinken, sehen wir die Nachrichten über die Krise. Manuela streckt manchmal ihre kleine Faust in die Luft und ruft mit den Demonstranten vor dem Parlament in Lissabon: «Die Troika soll sich verziehen!»
Draussen der Strand und der Wind, der in den Palmen spielt, im Fernsehen eine Horrormeldung nach der andern: Ohne fremde Hilfe ist Portugal in anderthalb Monaten pleite. Im September haben 9400 Leute die Sozialhilfe verloren. Es gibt mehr und mehr Pensionäre, die immer noch jeden Tag in ihrem Laden arbeiten. Ein anderer Kanal zeigt ständig Dokumentationen über Auswanderer, die nach Brasilien, Moçambique oder Macau aufbrechen.

Die Wirtschaftskrise treibt Portugiesen dazu, ihr Heimatland zu verlassen – um in Afrika Arbeit zu finden. Auch Manuela und José zieht es, wie  hunderttausende ihrer Landsleute, in das von Landminen und rasantem Wirtschaftswachstum geprägte Land, weil sie hier weit mehr verdienen, als in ihrer Heimat. Und obwohl es mittlerweile eine grosse Gemeinschaft von Expat-Portugiesen in Luanda gibt, bleiben sie in diesem Land Fremde, die aber auch nicht mehr zurück können.


Die vollständige Reportage «Zurück in die Kolonie», die hier in stark gekürzter Form vorliegt, erschien als deutscher Erstabdruck in der Ausgabe #15 von
Reportagen , dem Magazin für erzählte Gegenwart. Journalistisch fundiert, erzählerisch mitreissend und immer wieder überraschend ermöglicht Reportagen sechs Mal pro Jahr Begegnungen mit faszinierenden Menschen und Orten.


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