Kenianerin beim Holz tragen

Unser Seelenheil in Kakamega

von Rocio Puntas Bernet

Eines Tages landet eine Einladung für eine Medienreise von myclimate auf meinem Tisch. Afrika, zwei Länder, drei Projekte in sechs Tagen. «Wir beabsichtigen Projekte zur Emissionsreduktion durch effiziente Kocher und Wasseraufbereitung, sowie lokale Projektpartner zu besuchen», steht da geschrieben.

Myclimate will einer interessierten Öffentlichkeit zeigen, wie ihre Projekte gleichzeitig die Welt vor der Klimakatastrophe retten, die Ärmsten in den Entwicklungsländern unterstützen und darüber hinaus uns Konsumenten ein gutes Gewissen verschaffen. Das alles gegen einen kleinen Aufpreis beim Ticketkauf. «Moderner Ablasshandel», urteilten meine Redaktionskollegen leicht verächtlich.

Es war nicht die erste Einladung, weshalb ich mich in die Thematik schon zuvor eingelesen hatte. Ich fragte in meinem Bekanntenkreis, was von dieser Organisation zu halten sei und praktisch alle urteilten gleich: myclimate bedient sich des schlechten Gewissens, welches uns befällt, wenn wir wieder einmal über den Ozean fliegen und damit unseren ökologischen Fussabdruck vergrössern, um so eine Art Entwicklungshilfe zu leisten, von der wir ja ohnehin wüssten, dass sie nichts bringe.

Aha. Und was soll denn daran so schlecht sein? Ich fühlte mich von diesem Totschlägerargument herausgefordert: Warum soll die Unterstützung eines Projektes an Orten, wo es der Bevölkerung offenbar dient, verteufelt werden, weil der zugrunde liegende Antrieb unser Seelenheil ist? Ich beschloss, die Einladung anzunehmen und nach Kenya zu fliegen – notabene mit kompensierten CO2-Flugmeilen.

Gleich im ersten Dorf in der Nähe des Nationalparks Kakamega streunen Ziegen und Hühner um die einfachen Hütten, die Sonne brennt gnadenlos, eine Kinderhorde belebt die Szenerie, und über allem regiert ein Rhythmus, der jeden Europäer augenblicklich aus seinem beschleunigten Leben zurückholt. In einer improvisierten Werkstatt baut eine Frau an einem Ofen. Es ist einer dieser Öfen, wegen deren wir hierhergereist sind. In den einzelnen Hütten installiert, reduzieren sie den Holzverbrauch um fast die Hälfte und vermindern ausserdem den schädlichen Russausstoss.

Und wie die Frau da mit ihren blossen Händen Lehm formt, gleichzeitig mit ihren Nachbarinnen schwatzt und lacht (wahrscheinlich über die weissen Neuankömmlinge), keimt in mir eine Erkenntnis, die sich im Laufe der Reise festigen würde: dass hier nämlich der Klimaobulus ungeachtet der Klimafrage in erster Linie die Frauen stärkt. Sie sind das gesellschaftliche und ökonomische Herz jedes afrikanischen Dorflebens, sie formen aus einer ideologischen und abgehobenen Klimadebatte praktisches Leben.

»Und über allem regiert ein Rhythmus, der jeden Europäer augenblicklich aus seinem beschleunigten Leben zurückholt.«

Frauen wie Marie, korpulent, in farbige Tücher gehüllt, mit einem ansteckenden Lachen ausgestattet. Mit ihren starken Armen und kräftigen Händen knetet sie Lehm, als wäre es Brotteig. Zwanzig Ofen-Einsätze vermag sie jeden Tag so herzustellen. (Ich habe nur einen gebaut und war davon noch am nächsten Tag völlig erschlagen!) Sie erzählt, wie dank den neuen Öfen der unsägliche Russ endlich aus den Hütten verschwindet, wie alle Frauen im Dorf seither mehr Zeit haben, weil die Hitze der Feuerstelle kaum noch entweicht, die Sicherheit zunimmt und das Kochen dadurch deutlich weniger lang dauert. Gewonnene Zeit, die sie vermehrt für die Ernte und die Kinder verwenden können.

Doch was sie am meisten freut, und während sie es erzählt, beschleunigt sie den Knetrhythmus, ist die Tatsache, dass die Frauen des Dorfes durch den deutlich geringeren Holzverbrauch der myclimate-Öfen nicht mehr drei- bis viermal pro Woche in den Regenwald auf Holzsuche gehen müssen. Eine Holzsuche, die illegal ist, weshalb die Ausflüge jeweils von der Angst begleitet waren, verhaftet zu werden.

Frauen wie Lidia, die als Lehrerin arbeitet und den Dorfkindern nun erzählt, warum das Abholzen der umliegenden Wälder fürs Kochen nicht gut ist. Dies, obschon ihr Alltag als Kind darin bestand, genau das zu tun: Holz zu hacken und anzuschleppen. Damit sie in die Schule gehen konnte, musste sie im Gegensatz zu ihren heutigen Schülern täglich 12 Kilometer zu Fuss zurücklegen.

Frauen wie Franziska, eine dynamische Vorkämpferin und Visionärin, die mich von allen Frauen, die wir auf unserer Reise getroffen haben, am meisten beeindruckt hat. Sie ist die Chairwoman der örtlichen Community-Savings-and-Loans-Gruppe, welche aus 22 Frauen besteht und so etwas wie das lokale Finanzsystem betreibt. Dank den Vorzügen der selbst entwickelten Finanzierungsmöglichkeiten der Gruppe, welche von myclimate mitgetragen werden, kommen auch ärmere Haushalte auf einen grünen Zweig. Denn die Frauen schaffen es, trotz der allgegenwärtigen Armut, Geld zu sparen, aufzunehmen, sich untereinander Kredite auszusprechen und gemeinsam zu investieren: in erster Linie in neue Öfen, aber auch in Medikamente, Schuluniformen oder Lebensmittel.

All das passiert an gemeinsamen Zusammenkünften, einem veritablen Spektakel, welches Franziska mit einer Rede einleitet, die ausnahmslos jeden europäischen Politiker daneben verblassen liesse.

Dann wird es tumultartig, eine Art Versteigerung beginnt. Hände schiessen in die Höhe, Gebote ertönen, Geldscheine enden in mehreren grossen Plastikschüsseln in der Mitte der versammelten Frauen. Es wird gerechnet, argumentiert, nachgezählt, weitergeboten – bis das nötige Geld für die anstehenden Projekte zusammen ist. Ein wöchentliches Ritual von einer knappen Stunde, welches mit Gesängen und Gebeten endet.

«Die Menschen in unseren Dörfern konnten sich bisher kaum eine Mahlzeit pro Tag leisten. Seit unseren Treffen schaffen es viele Frauen unter uns, besser zu haushalten und sich einen Ofen anzuschaffen», sagt Franziska.
Ich habe nach einer Woche Afrika immer noch keine Ahnung, ob der Handel mit CO2-Zertifikaten beziehungsweise die Entrichtung einer Klimagebühr beim Kauf eines Flugtickets wenn nicht das globale Klima, so zumindest die Seelen der westlichen Vielflieger rettet und meine Redaktionskollegen am Ende recht hatten.

Doch ich bin mit Bildern von starken Frauen und vielen lachenden Gesichtern zurückgekehrt. Von Begegnungen mit Frauen, die von der Vision leben, nicht stehenzubleiben in ihrer Armut, und etwas aus ihrem Leben machen. Von Frauen, die sich auf einmal nützlich fühlen in einer Gesellschaft, wo sie oft genug, ausser für Sex, als unnütze Wesen behandelt werden. Die sich für die Bildung ihrer Kinder einsetzen, damit diese nicht automatisch nach Europa fliehen müssen, sondern lokale Perspektiven entwickeln. Frauen, die die Hoffnung auf ein anderes, besseres Afrika am Leben erhalten.

Dieser Text ist vollständig zu lesen in der Ausgabe #13 von Reportagen, dem Magazin für erzählte Gegenwart. Journalistisch fundiert, erzählerisch mitreissend und immer wieder überraschend ermöglicht Reportagen sechs Mal pro Jahr Begegnungen mit faszinierenden Menschen und Orten.

Mehr zum Thema «Afrika» und «Entwicklung» finden Sie in der Reportagen-Ausgabe #06 unter dem Titel «Entwicklungsbusiness». In seiner Reportage schreibt Hannes Grassegger über einen Harvard-Ökonom, der mit seinen Entwicklungsplänen an der Elfenbeinküste scheiterte. Und in der Ausgabe #05 finden Sie die Reportage «Afrika kaufen», in der Schriftsteller Gerhard Meister einen amerikanischen Farmer in Kenya besucht, der für seine Geschäfte sogar Frauen als Vogelscheuchen einsetzt.

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