Kigali, Ruanda

Team Ruanda

von Philip Gourevitch

Gasore Hategeka kaufte sein erstes Fahrrad im Jahr 2008. Es war ein in China hergestellter, arg gebrauchter Eingänger, und es kostete 35 00 Ruanda-Francs - ungefähr 60 US-Dollar. Gasore, der etwa zwanzig Jahre alt war, hatte fast sein halbes Leben dafür gearbeitet.
Der Radius der ruandischen Landbevölkerung beschränkt sich auf einen Tagesmarsch – etwa 25 Kilometer. In dieser räumlich begrenzten Geografie ist das Fahrrad das gängigste mechanische Transportmittel. Wenige Ruander können sich ein Fahrrad leisten, und die vereinzelten Räder, die es gibt, finanzieren sich selber. Noch am selben Tag, wie er sich sein Fahrrad gekauft hatte, gab Gasore die übriggebliebenen 5000 Francs dafür aus, der Fahrrad-Taxi-Vereinigung seines Dorfes beizutreten. Gasore beförderte lieber Waren als Menschen und je länger die Fahrt, desto besser: Er sah sich gerne das Land an und freute sich über das Fitnesstraining. In Ruanda gibt es kaum flaches Gelände, und besonders der Nordwesten ist ein einziges Auf und Ab.

Als er mir seine Geschichte erzählte, sprach er nie von den Katastrophen, die die jüngere Geschichte Ruandas prägen: Der Genozid von 1994 oder der Bürgerkrieg, der ihm vorausging, und das erneute Aufflammen des Kriegs, der den Nordwesten zerstört zurückliess.

2007 wurde ein nationales Radteam gegründet, und kurz bevor Gasore als Radtaxifahrer zu arbeiten begann, richtete das Team seine Trainingslager 40 Kilometer östlich von Sashwara in der Stadt Ruhengeri ein. Während Gasore seinen Radtaxidienst versah, sausten die Fahrer mit ihren Helmen auf dem Kopf an ihm vorbei, schillernde Gestalten in engen Team-Ruanda- Dresses in den Nationalfarben Blau, Gelb und Grün, die sich über die geschwungenen Lenker ihrer schlanken Renner beugten und in geschlossener Formation in die Pedale traten. «Ich fuhr ihnen hinterher, sogar wenn ich einen Fahrgast hatte.» Einmal montierte er alles, was er konnte, von seinem Taxifahrrad mit den breiten Reifen ab – Beifahrersitz, Gepäckträger, Schutzbleche, Ständer. «Als ich dann zu ihnen stiess, fuhren wir wirklich zusammen», erzählte Gasore. Acht Monate lang trainierte er für sich, bis er zu sich selber sagte: «Ich bin bereit.»

Gasore qualifizierte sich für die Distriktmeisterschaften, dann für regionale Wettbewerbe, und schon bald nahm er mit seinem Taxifahrrad an nationalen Rennen teil. Er war so gut, dass er dem Trainer des Team Ruanda auffiel und dieser ihm

„Wir blättern jetzt um und machen ein neues Ruanda.“

ein Rennrad gab. Im Juni 2009 holte er ihn ins Team. Gasore hatte seit rund einem Jahr trainiert.
Im Februar 2010 flog das Team Ruanda nach Westafrika, um an der Tour of Cameroon gegen Teams aus ganz Afrika und aus Europa anzutreten. Gasore war bei den ersten Etappen weder besonders gut noch besonders schlecht. Zu Beginn des dritten Tages geriet er in den mit Abfall und spitzen Steinen übersäten Strassengraben, holte sich einen Platten und verlor Zeit, als er wartete, bis das Teamauto angekrochen kam und man ihm den Reifen wechselte. Er schloss zum Hauptfeld auf und tat dasselbe nochmals: Er fuhr in den Graben und holte sich einen weiteren Platten. Als er diesmal die Gruppe einholte, wurde er ungeduldig mit seinen Teamkollegen. Sie schienen ihm nicht besonders ehrgeizig zu sein. Gasore wusste aus dem Training, dass er sich an die Gruppe hängen musste, wenigstens bis zum Schlusssprint. Aber während des Rennens, inmitten der Gruppe aus fast hundert Fahrern, schien ihm das auf einmal sinnlos.

Während einer jähen Steigung sprintete er davon und überrundete alle. Die Tour gewann er nicht, aber als er an diesem Nachmittag das Podest bestieg, war Gasore der erste Radfahrer aus Ruanda, der je an einem internationalen Profirennen einen Etappensieg errungen hatte.

«Ruanda braucht Helden», sagte einmal ein Sportfan in der Hauptstadt Kigali zu mir, und indem sie sich mit etwas beschäftigen, mit dem sich jeder Ruander identifizieren kann – Radfahren – kommen diese jungen Männer diesem Bedürfnis nach. Vor 17 Jahren, während des Genozids, waren die Fahrer kleine Jungen. Sie beteiligten sich nicht an der Gewalt, die ihr Land beherrschte. Sie alle, Hutu und Tutsi, haben Narben davongetragen, und sie wissen gegenseitig von ihren Geschichten. Sie wissen, wie sie früher nach Ethnien getrennt wurden und dass diese Trennung im ruandischen Leben noch immer existiert, aber sie wollen für etwas anderes bekannt werden.

Als die Tour of Rwanda durch Gasores Wohnort Sashwara führte, zeigte mir sein junger Freund Janvier, wo die beiden zusammen wohnten. Wir betraten Gasores Haus durch eine niedere, schlecht schliessende Türe. Eine weitere Türe führte in eine Kammer, die gerade gross genug für ein Doppelbett war und Platz liess, um am Fussende und an einer Seite zu stehen. Die beiden lebten hier sogar etwas komfortabler als die meisten Menschen in Ruanda: mit richtigem Bettrahmen und einer Matratze für nur zwei Personen. Janvier und ich sassen auf dem Bett. An den Wänden hingen Radsport-Medaillen, Abzeichen von Rennen und Schnappschüsse des Teams, daneben klebten Zeitungsausschnitte und Poster westlicher Popstars.

Am Morgen darauf erzählte ich Gasore von meinem Besuch und fragte ihn, ob es stimme, dass sein Vater damals, während dem Genozid, verschleppt wurde. «Ja», antwortete er, in einem gleichgültigen Tonfall. «Mein Vater wurde vom Militär in ein Lager in Bigogwe gebracht, nicht weit von unserem Haus entfernt. Sie schlugen ihn – so richtig heftig. Er kam zurück, und zwei Tage später war er tot.» «Warst du dabei, als er starb?» «Ja.»

Gasore wusste nicht, weshalb man seinen Vater mitgenommen hatte. Es schien ihn auch nicht sonderlich zu kümmern; er gab keinen Hinweis darauf, dass er seine Geschichte verändert hätte. Die Geschichte, die er geheim gehalten hatte, hatte ihm in der Tat nichts gegeben. Sie hatte ihn zu einem wilden Jungen gemacht, und er hatte sich dafür entschieden, sich nicht unterkriegen zu lassen. Mit dem Radfahren hatte er diese Entscheidung umgesetzt, und das war die Geschichte, die er erzählen wollte. «Diese Geschichte – sie ist die Geschichte der älteren Generation», sagte Gasore, wenn er vom Völkermord und den Kriegen sprach. «Es ist die ältere Generation, die diese Geschichte geschrieben hat, und wir blättern jetzt um und machen ein neues Ruanda. Ich habe kein Problem mit den Menschen. Der Typ, den du dort getroffen hast, Janvier, ist zum Beispiel Tutsi. Du hast gesehen, er wohnt in meinem Haus und ist Tutsi.»

Für die dortigen Verhältnisse haben die Rennfahrer viel Geld verdient. Es ist aber Sitte, dass ein Ruander, der sich ein Vermögen erarbeitet hat, und sei es auch noch so klein, nach seinen ärmeren Verwandten schauen muss, und die Selbstdefinition von Verwandtschaft kann sich bis ins Absurde ausdehnen. Wer in Ruanda etwas erreicht, hat plötzlich ganz viele Brüder, Onkel, Cousins oder, einfach ausgedrückt, muzungu.

Der Trainer sagte oft von seinen Fahrern: «Ruander sind gute Kletterer. » Aber der Sog der Armut lässt das Klettern wie eine Sisyphusarbeit erscheinen.

Die Landschaft im hügeligen Norden Ruandas bietet atemberaubende Ansichten rund um den Virunga- Vulkan, Berggorillas – und beste Trainingsbedingungen für Radfahrer. Philip Gourevitch begleitete hier das Radfahrer-Nationalteam, das 17 Jahre nach dem Genozid ein sportliches Symbol für die Versöhnung zwischen Hutu und Tutsi darstellt. Die jungen Sportler, die einst auf selbstgebastelten Fred Feuerstein-Apparaten Waren und Passagiere transportierten, sind nicht nur deshalb bewundernswert, weil sie sich buchstäblich aus dem Nichts hochgestrampelt haben. Sie sind in einem Land, das von einem Bruderkrieg zerrissen wurde, auch ein starkes Zeichen dafür, dass in Afrika ein Neuanfang möglich ist.

Der ganze, hier stark gekürzte Text erschien in der Nummer 8 von REPORTAGEN, dem 2011 gegründeten Magazin mit unerhörten, hervorragend erzählten und wahren Geschichten von dieser Welt. Sechsmal pro Jahr schreiben die Autorinnen und Autoren von REPORTAGEN, was sie auf ihren Recherche-Reisen herausfinden, entdecken und erleben – immer der journalistischen Wahrheit verpflichtet, immer ganz nahe dran und mit hoher erzählerischer Qualität. REPORTAGEN gibt es als Jahres-Abonnement oder einzeln unter www.reportagen.com; sowie an grösseren Kiosken und ausgewählten Buchhandlungen.