Iranerin

Scharia Hotline

von Amir Hassan Cheheltan

Iraner leben eine wundersame Mischung aus Moderne und Tradition. Heute bietet die Technik Möglichkeiten, die es für Menschen, die der Tradition treu ergeben sind, sehr schwer machen, auf sie zu verzichten. Deswegen reichern sie die Traditionen mit modernen Fussnoten an. Lassen Sie mich zur Illustration ein Geschehen schildern, dessen Zeuge ich aus nächster Nähe war.
Vor ungefähr vier Jahren zog in unserem Haus ein junges Paar ein. Ich ging mich vorstellen und wir waren uns gleich sympathisch. Einige Tage darauf läutete es bei uns; es war Madjid, unser neuer Nachbar. Nachdem er mich begrüsst hatte und nach längerem Hin und Her brach es aus ihm heraus: «Ich bin mit meiner Frau Nahid seit acht Jahren verheiratet, aber keine Spur von Kindern.» Sobald er das sagte, neigte er seinen Kopf todtraurig zu Boden. Ich sagte zu ihm: «Sie sind beide noch jung; es ist noch nicht zu spät zum Kinderkriegen.»
«Ich weiss, aber meine Familie lässt mir keine Ruhe. Sie sagen mir ständig: ‹Lass dich scheiden.› Wenn ich sage, dass ich sie liebe, antworten sie mir, ich solle eine zweite Frau nehmen.»
«Aber der Fehler könnte ja auch bei Ihnen liegen.»
Kaum hatte ich das gesagt, fuhr er zusammen und konterte: «Kinder werden von Frauen zur Welt gebracht. »
Beim Nachtessen erzählte ich meiner Frau von jener Begegnung. Sie meinte: «Vor zwei Tagen traf ich Nahid. Die Ärmsten sind von zu Hause fortgezogen, um sich vor dem Geschwätz der Leute zu schützen. Sie sagte, dass Madjids alte Tante jedes Mal, wenn ihre Augen Nahid erblickten, moniere, es sei besser zu sterben, als dass einem der Ofen ausgehe.»
Weiter gäbe es im Dorf keinen vernünftigen Arzt. Nahids Mutter war mit ihr bei einem Fürbittenschreiber, habe dann ihr Anliegen vor dem heiligen Schrein eines Nachkommen des kopflosen Imamsadeh von Qom, der besonders bei kinderlosen Eheleuten helfen könne, vorgebracht. Der Fürbittenschreiber habe eine Menge Geld kassiert, dann mit Safranwasser ein Gebet auf Nahids Bauch gepinselt und behauptet, sie werde in höchstens 40 Tagen schwanger. Danach ging es zum nächsten Fürbittenschreiber und danach wiederum zu einem anderen. Natürlich brachte das alles nichts.
Meine Frau schickte Nahid zu einem Spezialisten, ohne Befund. Und als es daran ging, Madjid zu untersuchen, kam dieser mit dem Satz: «Wenn ich wollte, könnte ich in einer Nacht bis zu zehn Frauen schwängern.»

Er weigerte sich, seine Spermien untersuchen zu lassen und meinte, dass seine Mutter ihm monatelang täglich eine Schüssel

»Aber ich wusste, es hat immer Dinge gegeben, die haram waren und danach plötzlich halal.«

befruchteter Eier eingeflösst habe. Sein Problem war: Damit das Labor die Spermien untersuchen konnte, war Madjid gezwungen, diese durch Masturbation zu gewinnen, was in der Scharia absolut haram, also verboten ist.
Aber ich wusste, es hat immer Dinge gegeben, die haram waren und danach urplötzlich halal, erlaubt, wie das Schachspiel oder die Verzehrung des Störs. Es gibt auch Dinge, die sind zwar haram, aber unter bestimmten Umständen dennoch halal.
Die Nachahmungsinstanzen der Schiiten unterhalten Büros, in denen sie die Fragen und Zweifelsfälle der Gläubigen bezüglich der Scharia, beantworten, sogar über das Telefon. Und als Nahid dort anrief, fand sie heraus: Weil so etwas zum Zwecke einer medizinischen Untersuchung als notwendig erkannt werde, lag überhaupt kein juristischer Einwand vor.
Nahid hatte meiner Frau erzählt: «Als Madjid mit dem Reagenzglas aus dem Waschraum kam, konnte er vor Müdigkeit kaum stehen. » Das war also der Zustand unseres Helden, des allabendlichen Eroberers des ehelichen Lagers!
Das Ergebnis der Untersuchung war enttäuschend. Madjid wurde sogar selbst hinter das Mikroskop gebeten, um zu sehen, dass es keine Spermien in der Probe gab. Dieser Mangel lag schwer auf Madjid und er blieb vor lauter Hoffnungslosigkeit die ganze nächste Woche im häuslichen Asyl.
Seine Frau empörte sich: «Was ist los? Du hast doch keinen Krebs.» Und erhielt zur Antwort: «Hätte ich nur Krebs; das wäre für mich leichter zu ertragen. Nun habe ich meine Ehre verloren.» Jawohl, die Ehre. Der grosse Eroberer der Betten war blossgestellt.
Ein paar Tage später sagte ich Madjid, dass möglich sei, das Sperma eines Fremden zur Fortpflanzung zu benutzen. Er war schockiert. Am Abend sagte er in einer Stimmung zwischen Wahn und Weinen zu seiner Frau: «Anscheinend gibt es für uns keinen anderen Weg, um Kinder zu bekommen, als dass du das Lager eines anderen Mannes teilst.»

Nach Monaten voller Streitereien und Versöhnungen war Madjid schliesslich bereit, zu hören, welche Vorschläge die Medizin zu diesem Fall macht. Die Eizelle seiner Frau würde mit dem Sperma eines anderen Mannes – jawohl, eines anderen Mannes – in einem Reagenzglas befruchtet, und anschliessend würde der Fötus in die Gebärmutter seiner Frau eingesetzt werden. Aber würde die heilige Scharia eine solche Methode auch bewilligen? Es schien ganz so, wie wenn nun alles von der Beantwortung dieser Frage abhinge.
Ein weiteres Mal brachte die telefonische Anfrage im Büro der Nachahmungsinstanz Klarheit in die Sache. Es gäbe unter folgenden Bedingungen kein juristisches Problem: 1. Nahid und Madjid müssten sich zunächst entsprechend der Scharia trennen. 2. Nach Ablauf von drei Monaten und zehn Tagen müsse sich Nahid mit dem Samenspender trauen lassen. Dazu sei es nicht nötig, dass Nahid diesen kennenlerne. Tatsächlich geschehe die Zeitehe zwischen den beiden Reagenzgläsern, das eine gefüllt mit dem Sperma des Mannes und das andere mit dem Ovum von Nahid. 3. Diese Zeitehe könne sogar nur für die Zeit, die es brauche, um das Sperma des Mannes zu gewinnen und die Befruchtung mit der Eizelle von Nahid herbeizuführen, geschlossen werden. Nach der Einpflanzung des Fötus könne die Zeitehe aufgelöst werden, während sich Nahid sofort wieder mit Madjid trauen lassen könne.
Die Geschichte ist lang; ich begnüge mich damit, dass Madjid die ganze Zeit auf dem Land verbrachte, während Nahid vorgab, in Teheran zu bleiben, weil sie einen Englischkurs besuchen müsse. Schliesslich gingen jene berühmten 100 Tage vorüber. Madjid kehrte wieder nach Hause zurück, der Fötus wurde Nahid eingepflanzt und die erneute Trauung gemäss der Scharia wurde vollzogen. Wir alle atmeten erleichtert auf.
Vor einigen Tagen sah ich sie, wie sie Hand in Hand auf dem Gehsteig spazieren gingen. Der Bauch von Nahid wölbte sich deutlich. Ich fragte, wann wir sie und ihr Neugeborenes im Krankenhaus besuchen sollten. Nahid meinte: «Ungefähr in drei Monaten.» Beide schienen sehr glücklich. Madjid hatte die ganze Zeit während dieser Begegnung ein Lächeln auf dem Gesicht, doch dieses konnte nicht den schwachen, aber spürbaren Kummer verbergen, der tief in seinen Augen mitschwang.
Meine Frau meinte, dass sich Madjid in das Neugeborene verlieben werde, und sie sei sogar bereit, mit mir darüber eine Wette abzuschliessen. Ich sagte ihr, dass ich mit ihr einverstanden sei, warum also wetten. Danach fragte ich mich unverzüglich, ob ich im Falle einer Widerrede wirklich als Verlierer aus dieser Wette hervorgegangen wäre.

Der Ingenieur und Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan ist bei uns vor allem durch seinen Roman «Teheran Revolutionsstrasse» und seine Essays in verschiedenen deutschsprachigen Zeitungen bekannt. Cheheltan ist ein Meister in der Kunst, anzuklagen, ohne zu verletzen. Dabei hilft ihm seine feine Ironie, die sich durch alle seine Texte zieht. Für uns erinnerte sich Cheheltan an ein Ereignis, bei dem die traditionelle, streng islamische Sicht der Dinge durch einen innigen Kinderwunsch an ihre Grenzen kommt: wie kann eine künstliche Befruchtung unter der Scharia zustande kommen? Und wäre mit Fürbitten am Grab eines Imams nicht doch eher geholfen? Die Scharia-Hotline hilft!

Der ganze Text erschien im August 2011 in der #6 von REPORTAGEN, dem Magazin mit unerhörten, hervorragend erzählten und wahren Geschichten von dieser Welt. Sechsmal pro Jahr schreiben die Autorinnen und Autoren von REPORTAGEN, was sie auf ihren Recherche-Reisen herausfinden, entdecken und erleben – immer der journalistischen Wahrheit verpflichtet, immer ganz nahe dran und mit hoher erzählerischer Qualität.

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