Kampala

Schach dem Slum

von Tim Crothers

Ende September fliegt Phiona Mutesi mit neun Mannschaftskameradinnen nach Sibirien, alle über zwanzig und viel älter als sie. Als Phiona das Match gewann, das ihr den Platz in diesem Flugzeug sicherte, hatte sie keinen blassen Schimmer, was das bedeutete. Niemand hatte ihr zuvor gesagt, was auf dem Spiel stand, und so spielte sie wie immer. Sie hatte keine Ahnung, dass sie sich für die Olympiade qualifiziert hatte; keine Ahnung, was die Olympiade überhaupt war. Die Agape-Kirche in Katwe ist eine baufällige Konstruktion, die sich bedrohlich zu einer Seite neigt, zusammengehalten von alten Holzbrettern, Seilen, ein paar Nägeln und Gottvertrauen. Sie ist klapprig, wie alles andere um sie herum, könnte jeden Augenblick einstürzen. Wenn die Kinder zur Tür hereinkommen, kräuselt ein Grinsen ihre Gesichter. Sie kommen herein, um ein Spiel zu spielen, von dem keiner von ihnen je gehört hatte, bis sie Trainer Robert begegneten, ein Spiel, so fremdartig, dass es auf Luganda, ihrer Muttersprache, dafür kein Wort gibt: Schach.
In der Kirche gibt es nur sieben Schachbretter, und Schachfiguren sind so rar, dass manchmal ein verwaister Bauer für einen König herhalten muss. Die Kinder sitzen an jedem Ende einer wackeligen Kirchenbank, klemmen das Brett zwischen ihre knubbeligen Knie und sammeln die geschlagenen Figuren auf ihrem Schoss. Ein fünfjähriger Junge mit einem zerschlissenen Trikot der Broncos spielt gegen einen elfjährigen in einem löcherigen T-Shirt, auf dem «J’adore Paris » steht. Die meisten Kinder sind barfuss, einige tragen Flip-Flops. In der Agape-Kirche gelingt es beinahe, das Chaos draussen zu vergessen, in Katwe, dem grössten von acht Slums in Kampala, Uganda, einer der schlimmsten Gegenden auf der Welt.
Hier befindet sich auch der Trainer Robert Katende. Und vorn in der Nähe der Kanzel sitzt Phiona.

»Als ich Schach zum ersten Mal sah, dachte ich: Was ist das nur, was die ganzen Kinder so still macht?«

Sie jongliert gleichzeitig drei Partien, beherrscht sie mit ihrem aggressiven Spiel, setzt ihre jungen Gegenspieler schachmatt und zeichnet währenddessen mit dem Zeh eine Blume in den Sand des Fussbodens.

Phiona ist vierzehn, und ihre unbewegte Miene verrät nicht, dass sie am folgenden Tag nach Sibirien reisen wird, um gegen die allerbesten Schachspielerinnen der Welt anzutreten.
Phiona Mutesi ist der ultimative Underdog. Afrikaner sind die Underdogs der Welt. Ugander sind die Underdogs in Afrika. Leute aus Katwe sind die Underdogs in Uganda. Und schliesslich ist eine Frau der Underdog in Katwe. Sie steht allmorgendlich um fünf Uhr auf und macht sich auf die zweistündige Wanderung durch Katwe, um einen Krug mit Trinkwasser zu füllen. Dabei geht sie durch eine Tiefebene, die von den sintflutartigen Regengüssen in Uganda oftmals so stark überflutet wird, dass viele Bewohner in Hängematten unter dem Dach schlafen, um nicht zu ertrinken. Es gibt keine Abflusskanäle, und der Müll der Bewohner der Innenstadt von Kampala wird direkt in den Slum entsorgt. Sanitäre Einrichtungen fehlen. Fliegen sind allgegenwärtig. Der Gestank ist infernalisch.
Phiona läuft an Hunden, Ratten und Langhornrindern vorbei, alle konkurrieren mit ihr ums Überleben auf dem engen Raum, der von Minute zu Minute noch enger wird. Sie bahnt sich vorsichtig ihren Weg durch diese Gegend, in der Frauen kaum einen Wert haben, ausser, wenn es um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse oder um Kindererziehung geht, eine Gegend, in der fünfzig Prozent der weiblichen Teenager Mütter sind. Hier sind alle ständig in Bewegung, aber niemand geht jemals fort; wenn du in Katwe auf die Welt kommst, heisst es, stirbst du auch in Katwe, entweder an einer Krankheit, an Gewalt oder Vernachlässigung.
Der Hausrat in Phionas Heim: zwei Wasserkrüge, Waschschüssel, kleiner Holzkohleofen, Teekessel, ein paar Teller und Tassen, Zahnbürste, winziger Spiegel, Bibel und zwei modrige Matratzen. Letztere reichen für fünf Menschen, die regelmässig in der Hütte schlafen: Phiona, Mutter Harriet, die Brüder Brian und Richard, beide Teenager, sowie ihre sechs Jahre alte Nichte Winnie. Kleine Beutel mit Currypulver, Salz und Teeblättern sind die einzigen Hinweise auf Lebensmittel.
Phiona kennt ihren Geburtstag nicht. Niemand in Katwe macht sich die Mühe, so etwas festzuhalten. Es gibt nur wenige Kalender. Noch weniger Uhren. Die meisten Menschen wissen weder das Datum noch den Wochentag. Jeder Tag ist wie der vergangene. Ihr ganzes Leben lang besteht Phionas wichtigste Herausforderung darin, Essen zu beschaffen.

Als Phiona das erste Mal, versteckt hinter einer Kirchenbank, die Schachfiguren erblickte, fand sie sie schön. Plötzlich wurde sie entdeckt. «Kleines Mädchen», sagte Trainer Robert, «komm herein. Hab keine Angst.
»Robert Katende war ein uneheliches Kind und verbrachte seine frühe Kindheit bei seiner Grossmutter im Dorf Kiboga ausserhalb von Kampala. Seine Mutter starb, als er acht Jahre alt war. Es folgte eine typisch ugandische Lebensgeschichte aus Not und Aussichtslosigkeit. Einzig der Sport, in seinem Fall das Fussballspiel, hielt ihn moralisch und finanziell über Wasser. 2003, nach einem Vereinsspiel, erzählte sein Trainer ihm von einem Job bei Sports Outreach, und Robert, ein wiedergeborener Christ, fand seine Berufung. Er begann für die Mannschaft der Mission zu spielen und wurde auch nach Katwe entsandt, wo er Kinder aus den Slums mit dem Versprechen auf Fussball und einer anschliessenden Porridgemahlzeit anlockte. Nach mehreren Monaten fiel ihm auf, dass einige Kinder nur vom Spielfeldrand aus zuschauten, und er suchte nach einer Möglichkeit, sie einzubinden. Robert fand die Lösung in einem fast vergessenen Relikt, einem Schachspiel, das ihm ein Freund damals in der Secondary School geschenkt hatte. «Ich hatte meine Zweifel, was Schach in Katwe anging», räumt Katende ein. «Angesichts ihrer Bildung und ihres Umfelds fragte ich mich: Sind diese Kinder diesem Spiel tatsächlich gewachsen?» Katende begann, nach dem Fussballspiel Schach anzubieten. Er fing mit einer Gruppe von sechs Jungen an, die sich «die Pioniere » nannten. Zwei Jahre später umfasste das Programm fünfundzwanzig Kinder. Das war die Zeit, als ein barfüssiges neunjähriges Mädchen mit zerrissenem, schmutzigem Rock zum Eingang hereinspähte und Trainer Robert es zu sich winkte.
«Als ich Schach zum ersten Mal sah, dachte ich: Was ist das nur, was die ganzen Kinder so still macht?», erinnert Phiona sich. «Dann habe ich ihnen beim Spielen zugesehen, habe gesehen, wie glücklich und begeistert sie wurden, und ich wollte auch die Chance erhalten, so glücklich zu sein.» Katende zeigte Phiona die Figuren und erklärte ihr, dass es für jede einzelne Figur Regeln gebe, die ihre Bewegungen bestimmen. Die Bauern. Die Türme. Die Läufer. Die Springer. Der König. Und schliesslich die Dame, die mächtigste Figur auf dem Brett. Wie konnte Phiona sich damals auch nur im Entferntesten vorstellen, wohin diese zweiunddreissig Figuren und vierundsechzig Quadrate sie einmal führen würden?

Phiona Mutesi ist 14 Jahre alt und lebt in Katwe, mitten in Uganda.

Obwohl sie niemals eine Schule besucht hat und obwohl sie in einer winzigen Wellblechhütte haust, gilt sie als Ausnahmetalent in einem Spiel, für das es in ihrer Sprache nicht einmal ein Wort gibt: Schach. Das Spiel der Könige ist für sie die einzige Gelegenheit, aus der Armut auszubrechen und Anerkennung zu erfahren.

Die Reportage «Schach dem Slum» von Tim Crothers begleitet Phiona an die Schach-Olympiade nach Sibirien, wo sie als jüngste Spielerin gegen die Besten der Welt antritt. In der hier stark gekürzt vorliegenden Version liegt der Fokus auf Phionas Lebensumstände in Uganda.

Die vollständige Reportage, in der auch ausführlich über Phionas Teilnahme an der Schach-Olympiade berichtet wird, erschien in deutscher Sprache erstmals im Oktober 2013 in der Ausgabe #13 von REPORTAGEN, dem Magazin für erzählte Gegenwart. Sechsmal pro Jahr schreiben die Autorinnen und Autoren unerhörte, hervorragend erzählte und wahre Geschichten.

REPORTAGEN gibt es als Jahres- Abonnement oder einzeln unter www.reportagen.com; sowie an grösseren Kiosken und ausgewählten Buchhandlungen.