Reality Show „PunPun“

«PunPun»

von Matthias Herfeldt, Helvetas

«ARBEITARBEIT» – EINE REALITYSHOW IM KAMPF GEGEN DIE HOHE JUGENDARBEITSLOSIGKEIT. HELVETAS GEHT IM KOSOVO UNGEWOHNTE WEGE, DAMIT JUGENDLICHE KÜNFTIG BESSERE CHANCEN AUF DEM HEIMISCHEN JOBMARKT HABEN.

 

«Nur noch fünf Minuten», dröhnt es aus dem Megafon. Die Spannung in der alten Textilfabrik ist mit Händen zu greifen. Visar Arifaj zwirnt seinen Schnurrbart und lächelt betont fies, seine spitzen Eckzähne blitzen im Scheinwerferlicht. Vor ihm, an einem grossen, runden Tisch, sitzen nicht etwa Näherinnen, die den Arbeitsschluss erwarten. Die Fabrik ist längst nicht mehr in Betrieb. Vorübergehend wurde das Gebäude zum Fernsehstudio umfunktioniert. Am Tisch sitzen je vier junge Frauen und Männer in smarten  Business-Outfits. Sie blicken angespannt ins Leere und versuchen, einen letzten klaren Gedanken zu fassen, oder hämmern wie Akkordarbeiter in die Tasten ihrer Laptops. Im Hintergrund läuft der Countdown. Der Sekundenzeiger auf der grossen Uhr über dem Tisch schreitet unerbittlich auf die letzten Sekunden zu. Noch ein Satz, eine letzte Korrektur. Dann ertönt die Sirene. Die Bewerbungsunterlagen müssen abgegeben werden.

 

«And the winner is…»
Wir sind in einer Sendung der Realityshow «PunPun», die seit 2015 zur Hauptsendezeit auf dem kosovarischen TV-Kanal Koha Vision ausgestrahlt wird. «PunPun» heisst «ArbeitArbeit» auf Albanisch. Dem Gewinner winkt ein Job. Kein abenteuerlicher Traumjob wie bei vergleichbaren Sendeformaten in den USA. Aber im jüngsten Staat Europas, wo rund siebzig Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind, ist jede feste Arbeitsstelle ein Traum. In der Finalsendung haben schliesslich spontan vier der acht Kandidierenden von der Jury aus Unternehmern ein Jobangebot erhalten. Eine davon ist die 26-jährige Merfida Jerliu, die eben erst ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen hat.

«Von der Kandidatensuche für die Sendung habe ich über Facebook erfahren». Merfida wollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, in der Hoffnung, dass ihr ein monate- oder gar jahrelanger Spiessrutenlauf auf dem  Arbeitsmarkt erspart bleibt. Zu viele ihrer Freundinnen und Bekannten seien zermürbt von der erfolglosen Jobsuche. Selbst auf eine Stelle als Verkäuferin im Supermarkt bewerben sich Hunderte von Studienabgängern, weiss die ambitionierte junge Frau, die nun seit vier Monaten als Finanzangestellte bei einer grossen Firma für Badezimmer-Einrichtungen arbeitet.


In jeder Folge der TV-Show – die jeweils durch Einspielungen mit Infos und Tipps zu Arbeitsmarkt und Jobsuche ergänzt sind – müssen die Kandidatinnen und Kandidaten praktische Aufgaben lösen, wie sie sich bei Bewerbungen stellen, oder ihre Kompetenzen in Projektmanagement oder Teamarbeit unter Beweis stellen.

 

Unterhaltendes Bildungsprogramm
«Merfida ist uns mit ihrer schlagfertigen und resoluten Art sofort aufgefallen», sagt der 28-jährige Visar Arifaj, der «PunPun» nicht nur moderiert, sondern mit seiner Agentur Trembelat auch die Idee dafür entworfen hatte. Im Auftrag von Helvetas, die im Kosovo ein von der DEZA finanziertes Programms zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit durchführt. «Persönliche Qualitäten allein genügen allerdings nicht, um eine Stelle zu finden », fährt Visar fort. «Ohne praktische Erfahrung ist es schwierig. Diese fehlt gerade Universitätsabgängern. Die Ausbildungsgänge sind zu wenig auf die Anforderungen in der Praxis ausgerichtet.» Deshalb ermöglicht der Unternehmer selber Uni-Abgängern über Praktika den Berufseinstieg.

Im Hintergrund läuft der Countdown. Der Sekundenzeiger auf der grossen Uhr über dem Tisch schreitet unerbittlich auf die letzten Sekunden zu. Noch ein Satz, eine letzte Korrektur. Dann ertönt die Sirene. Die Bewerbungsunterlagen müssen abgegeben werden.

Dass dank der Show Kandidaten eine Arbeit erhalten haben, ist erfreulich; das eigentliche Ziel der Sendung ist aber ein viel grösseres. «Unser Auftrag lautete, eine Aufklärungskampagne zu konzipieren und durchzuführen. Junge  Erwachsene und ihre Eltern, aber auch Unternehmer sollten mehr über die Hintergründe der Arbeitslosigkeit erfahren. Und die Arbeitssuchenden konkrete Tipps erhalten, wie sie sich auf die Arbeitswelt vorbereiten können», erklärt die Helvetas-Projektleiterin Argjentina Grazhdani. Der «Edutainment»-Ansatz habe das Team von Helvetas Kosovo sofort überzeugt. Und offenbar auch das Fernsehen sowie verschiedene Unternehmen, die sich an den Kosten beteiligten.


Zwischen Krieg und Migration
Die jüngere Geschichte Kosovos ist bewegt, Leid und Hoffnung geben sich die Hand. Der Krieg von 1998/99, die Unabhängigkeitserklärung vor elf Jahren, die fehlenden wirtschaftlichen Möglichkeiten, die damit zusammenhängende Emigration nach Westeuropa, wo ein Fünftel aller Kosovarinnen und Kosovaren lebt und arbeitet und mit Geldüberweisungen die Existenz der im Land gebliebenen Familienmitglieder sichert, die eingeschränkten Reisemöglichkeiten – diese Themen sind allgegenwärtig. Merfida erzählt vom Haus der Familie, das nach dem Krieg wieder aufgebaut werden musste, vom Cousin, der seit Jahren in Berlin wohnt, und von Bekannten, die ihr Glück in der Schweiz und anderswo suchten und desillusioniert zurückkehrten. Merfida selber möchte nicht weg aus Kosovo. «Was würde aus unserem Land, wenn alle Jungen ihr Glück im Ausland suchten?».

Helvetas ist eine der grossen und erfahrenen Entwicklungsorganisationen der Schweiz und ist in 29 Ländern Afrikas, Lateinamerikas, Asiens und Osteuropas tätig. In mehr als 300 Projekten geht es einerseits um ganz konkrete Verbesserungen im Leben der Menschen. Wir ermöglichen den Bau von Wasserversorgungen und Brücken. Wir beraten Bauernfamilien, wie sie die Ressourcen schonen und ihre Produkte besser verkaufen können. Kinder können die Grundschule besuchen, und Jugendliche können eine einfache Berufsbildung absolvieren. Gleichzeitig geht es Helvetas darum, zivilgesellschaftliche Organisationen zu stärken und Behördenmitglieder kritisch zu unterstützen. Ziel ist es, möglichst vielen Menschen ein Leben in Würde und Sicherheit zu ermöglichen. Um interessierten Freunden und Gönnern einen direkten Einblick in die Realität von Entwicklungsländern zu ermöglichen, helfen wir in der Schweiz mit, Reisen in unsere Projekte zu organisieren.