Tanzende BaAka Frau / Copyright: Max Chiswick

Lied aus dem Dschungel

von Michael Obert

Der König der Pygmäen ist 1 Meter 90 gross, weiss und ein miserabler Jäger. Er kann nicht auf Bäume klettern, keinen wilden Honig ernten, das Wesen der Waldgeister ist ihm fremd, die Frauen kichern über ihn. Singen? Tanzen? Fehlanzeige. Und leicht zu finden ist er auch nicht.
Seit vier Tagen sind wir unterwegs im Kongobecken. Von der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé aus stetig nach Osten, auf roten Schlammpisten immer tiefer hinein in den grössten Dschungel Afrikas, im Boot den Sangha-Fluss hinauf, hinüber in die Zentralafrikanische Republik und auf Waldpfaden bis auf diese Lichtung, wo plötzlich von allen Seiten BaAka-Pygmäen auf uns  zuströmen, in zerlumpten Kleidern, die Kinder sind nackt. Und dann steht vor uns eine Legende: der erste Weisse, den die BaAka in ihr Volk aus Jägern und Sammlern aufgenommen haben. Ein Verlorener, Verschollener, Wiedergeborener, der monatelang nur Kaulquappen ass, eine BaAka-Frau heiratete, Malaria, Hepatitis, Typhus, Lepra überlebte – und der 1000 Stunden einzigartiger Pygmäengesänge aufgezeichnet hat. Vor uns steht der musikalische Herodot der zentralafrikanischen Wälder, der weisse Pygmäe – Louis Sarno.

1954 in Newark, New Jersey geboren, studierte Sarno Englisch und Literatur und folgte seiner holländischen Frau nach Amsterdam. Die Ehe hielt nicht lange. Zu jung seien sie gewesen, sagt Sarno, zu verschieden. Nach der Trennung unterrichtet er Englisch, arbeitet auf einer Schafsfarm und fährt als Händler mit selbstgemachten Postern von Flugshow zu Flugshow. Sarno hatte schon immer ein feines Gehör. Seit seiner Kindheit schlägt sein Herz für Klavier- und Violinsonaten, Sinfonien und Streichquartette. Doch dann, in einer Winternacht Mitte der achtziger Jahre, hört er im Radio eine Musik, wie er sie nie zuvor vernommen hat. «Ein polyphones Geflecht aus Frauenstimmen, raffinierte Jodellaute, eine sich endlos wiederholende auf- und abschwellende Melodie», erinnert er sich, während wir durch das BaAka-Dorf Yandoumbé zu seinem Haus gehen; an einer Feuerstelle zerlegen Frauen mit blossen Händen eine Ratte. «Diese fremdartigen Harmonien machten mir damals Gänsehaut, sie wirkten hypnotisch auf mich – pure Magie.» Es war einer jener Momente, die ein Leben für immer verändern.

»Es war einer jener Momente, die ein Leben für immer verändern.«

Der Gesang aus dem Radio lässt Sarno keine Ruhe. Er forscht nach, findet heraus, dass er Pygmäenmusik gehört hat – und steigt mit seinem Aufnahmegerät und den letzten 500 Dollar in der Tasche in ein Flugzeug nach Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Seine Mittel lassen nur ein Oneway-Ticket zu.
«Ich wurde von einem Lied ins Herz von Afrika gelockt», schreibt er in seinem Buch, das Anfang der neunziger Jahre erschien. Der erste Satz. Der Sprung in ein neues Leben. Denn Sarno fand seine Musik in den Regenwäldern des Kongobeckens. Bei den BaAka. Das war 1985. Heute, 30 Jahre später, lebt Sarno noch immer unter den Pygmäen. «Sie führten mich in ihre Musik ein, im Gegenzug verlangten sie mein Leben», sagt er vor seinem Haus am Rand von Yandoumbé. «Ich denke, das ist ein fairer Tausch.»
Im Innern des grob gezimmerten Bretterverschlags – gestampfter Boden, ein Bett aus Bambusstangen, kein fliessendes Wasser, kein Strom, kein Fernsehen, kein Telefon – verkabelt Sarno seinen batteriebetriebenen alten Walkman mit zwei kleinen Tischlautsprechern, um uns einige seiner in Fachkreisen berühmten Aufnahmen vorzuspielen. Gleich darauf füllt sich der Raum mit sphärischen Frauenstimmen. Sie heben und senken sich wie Zweige im Wind, laufen ineinander wie das vielfältige Grün des Urwaldes vor der geöffneten Fensterluke, wo Mangabe-Affen mit weissen Backenbärten durch die Bäume hangeln. Papageien flattern vorbei.
«Die BaAka kommen als musikalische Wunderkinder zur Welt», sagt Sarno und wiegt sich in den Klängen. «Als Teenager jagen sie dir mit ihrer Musik einen Schauer über den Rücken, später haben sie die Kraft, mit ihrem Gesang verwundete Seelen zu heilen.»

Filigrane Jodellaute umflirren uns wie Insektensummen und Vogelstimmen. Sie scheinen einen geheimen Code zu enthalten, so etwas wie den Schlüssel zum Wesen des Regenwaldes. Tief im Innern dieser Musik erahnen wir die geheimnisvolle Nähe einer Welt, die auch einmal die unsere gewesen sein muss. Als noch alle Menschen Jäger und Sammler waren. «Die Musik der BaAka ist älter als die Pyramiden», sagt Sarno. «Sie ist einer der kostbarsten Schätze der Menschheit.»
Dann sind die Batterien leer. Sarno sucht andere, kann keine finden, brüllt etwas in der Pygmäensprache Yaka, schaltet das Transistorradio ein, seine einzige Verbindung zur Aussenwelt. Eben sprach er noch über Jodellaute, jetzt über Ratten im Gebälk. Seine Gedanken springen. BBC: irgendetwas über Afghanistan. Radio wieder aus. Wo sind die Batterien? Mit der Musik ist Sarno, wie es scheint, auch sein innerer Rhythmus abhanden gekommen. «Ich bin kein normaler Mensch», sagt er, «kein normaler Mensch könnte hier im Wald leben. Nur so ein seltsamer Mensch wie ich.» Ein Mensch, der sich von seinen Wurzeln weit entfernt hat.
Sarno hatte alles: ein intaktes Elternhaus, eine solide Erziehung, ausgezeichnete Zeugnisse. Er hätte Arzt, Professor, Schriftsteller werden können oder ein erfolgreicher Geschäftsmann wie sein jüngerer Bruder Steven. Warum zog er es vor, in einer Welt zu leben, in der bösartige Krankheiten, Armut und Hunger herrschen? Ist er ein Zivilisationsflüchtling? Ein Träumer? Ein Verrückter? Seine Mutter erklärt es so: «Er wollte immer alles genau wissen und selbst herausfinden. Antworten auf die grossen Fragen – Louis sucht sie in den ursprünglichen Formen der Musik und der Natur.»
Über dem Regenwald liegt dichter Nebel. Vorzeitlichen Riesen gleich wachsen die Bäume in den Dunst. Eine sich nach oben hin auflösende Welt. Ohne Himmel, ohne Sonne. Dann ertönen kurze, spitze Schreie. Etwas rennt vor den BaAka her und verfängt sich in einem Netz. «Mboloko!», sagt Sarno. «Blauducker!» Eine der Frauen hebt ihre Keule, ein dumpfer Schlag, das Zappeln der graublau schimmernden Waldantilope erlahmt.
Am Abend gart das Fleisch über den Feuern des Jagdcamps. Die Männer beginnen zu trommeln, Frauen tanzen in Zweierreihen. Allmählich erheben sich ihre Stimmen über das Zirpen und Fiepen, Husten, Glucksen und Schluchzen des Waldes, eine ganze Welt der Gefühle. Sarno sitzt inmitten der BaAka am Lagerfeuer, die Augen geschlossen, die Mundwinkel nach oben gezogen, wie in Trance federt sein Oberkörper zu den unirdischen Klängen. Es ist die Musik, die ihn vor 25 Jahren ins Innerste Afrikas gelockt hat: Der Soundtrack seines Lebens.

Es war ein Lied, das er im Radio hörte, welches Louis Sarno 1985 dazu brachte, seine Heimat USA zu verlassen, um fortan mit den BaAka-Pygmäen im grössten Dschungel Afrikas zu leben. Der Reporter Michael Obert fuhr tagelang auf dem Kongo, bis er ihn endlich fand: Den grössten Pygmäen; der Mann, der sich für eine Melodie entwurzelte, um im Dschungel eine neue Identität anzunehmen.


Die Reportage «Lied aus dem Dschungel» umfasst nicht nur das hier vorliegende Portrait von Louis Sarno, sondern auch seine kurzzeitige Rückkehr nach New York – vollständig zu lesen als deutscher Erstabdruck in der Ausgabe #23 von Reportagen, dem Magazin für erzählte Gegenwart. Journalistisch fundiert, erzählerisch mitreissend und immer wieder überraschend ermöglicht Reportagen sechs Mal pro Jahr Begegnungen mit faszinierenden Menschen und
Orten.


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