Shintō-Priester Masatsugu Okutani mit seinem Vater / © Christopher Pillitz

Land des Shintō

von Michael Stührenberg

Der 42-jährige Japaner Masatsugu Okutani – seine Freunde nennen ihn „Masa“ – zählt zu den glücklichen Zufällen in meinem Leben. Die Geschichte begann im Sommer 2015 - mit einem Besuch bei einem französischen Prinzen, der im Garten seines Schlösschens an der Loire Tomaten züchtete.

 

Er war das Thema meines Artikels. An jenem Tag aber musste ich mir den adeligen Gärtner mit einer Gruppe Japanern teilen. Sie kamen gerade aus Paris, wo sie am Sitz der UNESCO die Aufnahme eines Shinto-Sanktuariums namens Munakata ins Weltkulturerbe beantragt hatten. Bei Tisch – es gab Tomaten! – schlug mir der Chef der japanischen Delegation vor, eine Reportage über jene heilige Stätte zu machen. Das Sanktuarium? Eine Insel, die nur Männern zugänglich sei. Und auch nur nackten Männern! Ich war ratlos. Eine Übersetzerin namens Nobuko, die mit am Tisch sass, sagte: „Sie haben grosses Glück! Denn in Ihrer Heimatstadt Paris wohnt der einzige in der Europäischen Union lebende Shinto-Priester. Er kann Ihnen alles Notwendige zu diesem Thema erklären.“ Sie gab mir einen Namen: Masatsugu Okutani. Und eine Telefonnummer. Ich rief nicht sofort an. Zuerst las ich Chronique Japonaise von Nicolas Bouvier. Was ich dank dieses grossen Schweizer Reiseschriftstellers herausfinden konnte, machte mich eher noch skeptischer. Shinto lernte ich, bedeutet „Weg der Götter“. Es ist ein Glaube, der einzig Japanern vorbehalten ist. Gewiss, weil er ihnen erklärt, dass sie, und sie allein, direkt vom Himmel abstammen. Allerdings beginnt Nippons Genesis mit einem Inzest. So jedenfalls steht es in den Schriften Kojiki („Aufzeichnung alter Geschehnisse“) und Nihonshoki („Chronik Japans in einzelnen Schriften“), die im achten Jahrhundert auf kaiserlichen Befehl zur ewigen Wahrheit erhoben wurden. Im Detail: Zwei kami - so heissen Japans unzählige Gottheiten -, also genau gesagt: Das göttliche Geschwisterpaar Izagani und Izanami habe ihre „erhabenen Weichteile“ in einer „majestätischen Vereinigung“ zusammengefügt, auf dass die schwesterliche Ehefrau die acht japanischen Inseln habe gebären können.

Von da an, von einem Kami zum nächsten sozusagen, sei alles, was zur Welt komme, heilig: die ganze Natur inklusive alle Menschen. Ob er diesen Unsinn tatsächlich glaube, fragte ich Masa bei unserem ersten Treffen in einem Café auf Saint-Germain. Lachend wies er mich auf ein weiteres ihm bekanntes Zitat Bouviers hin: „Ein Gott-Mensch, der in einem Stall von einer Jungfrau geboren und von einem Esel und einem Ochsen gewärmt und durch den Willen eines barmherzigen Vaters zwischen zwei Dieben an zwei Balken genagelt wird... Man versetze sich in den ersten Japaner, der diese uns so vertraute Geschichte gehört hat!“ Ein Japaner mit westlichem Humor? Wir wurden schnell Freunde. Masa versprach, mir jene Kenntnisse zu vermitteln, die es mir ermöglichen würden, problemlos über die Shinto-Insel für nackte Männer zu schreiben. Je mehr ich jedoch über ihn selbst und über seine Familie erfuhr, umso weniger reizte mich das Eiland der Nudisten. Folglich änderte ich meine Pläne. Im Dezember begleitete ich Masa nach Kisomura. Es ist sein Heimatdorf in den Japanischen Alpen, auf halbem Wege zwischen Nagano und Kyoto. Dort leitet sein Vater das Shinto-Sanktuarium Yabuhara, zelebriert er die immer selben Rituale zu Ehren der Kami. So haben es auch der Grossvater, der Urgrossvater  und weitere Ahnen der Okutani-Familie gehalten - in einer seit 24 Generationen ununterbrochenen priesterlichen Reihenfolge von Vater auf Sohn. Und eines Tages werde Masa die Nr. 25 sein, davon gehen seine Eltern fest aus. Wie  könnte es anders sein in einem Land, wo Tradition und Pflicht so eng  zusammen gehören? Schon jetzt zelebriert Masa, der vier Jahre an einer Shinto-Universität in Tokyo studiert hat, zweimal im Jahr an der Seite seines Vaters O’harae, das Fest der Grossen Reinigung. Es ist das bedeutendste Ritual im Shintoismus.

«Die Geschichte begann mit einem Besuch bei einem französischen Prinzen, der im Garten seines Schlösschens an der Loire Tomaten züchtete.»

Im vergangenen Sommer reiste ich erneut nach Kisomura. Dieses Mal wollte ich das traditionelle Dorffest miterleben. Ein wahrhaft prächtiger Umzug fand statt - und ein zweitägiges Sake-Besäufnis von barbarischem Ausmasse! Auch dieser Höhepunkt im dörflichen Jahresablauf war den Kami geweiht. Und mir schien, als begriffe ich zwischen den torkelnden Dörflern endlich etwas Wesentliches. Seit Ende des zweiten Weltkriegs besitzt Japan die wohl laizistischste Verfassung der Welt. Der Grund dafür: Während des Aufstiegs eines aggressiven Nationalismus war Japans Ur-Glaube an die Kami für die Indoktrinierung und die Militarisierung der Gesellschaft missbraucht worden. Diese starre Struktur des "Staats-Shinto", an dessen Spitze ein „göttlicher“ Kaiser stand, zerbröselte unter den Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Heute bezeichnen sich über 90 Prozent der Japaner in Umfragen als nicht-religiös. Aber lässt sich ihre Gegenwart wirklich über Mangas und Sushis begreifen? Was im Alltag dieses aussergewöhnlichen Landes zählt, sind  weniger religiöse Inhalte als das Fortbestehen der „ewigen“ Riten. Meine erste Frage damals an Masa, ob er denn wirklich an jene Milliarden von Kami glaube, zielte an der Realität vorbei. Die richtige Frage lautet: Kann man Japan ohne Shinto überhaupt verstehen?

Background-Experte Michael Stührenberg