London

Ist hier Europa?

von Hoo Nam Seelmann

Bevor Frau Kim zu sprechen beginnt, holt sie jedes Mal ihr blaugeblümtes Taschentuch hervor und wickelt es sorgfältig um das Mikrofon. Die Angst vor unsichtbaren, womöglich internationalen Krankheitskeimen ist ihr deutlich anzusehen. Sobald sie fertig ist, begrüsst sie ihre Gäste: «Sie werden Highlights der europäischen Kultur kennenlernen.» Seit 20 Jahren reist Frau Kim mit koreanischen Touristen durch Europa. Die Route heisst «London-in / Rome-out» und kostet 4000 Franken, das entspricht etwa zwei Monatslöhnen eines koreanischen Arbeiters.
Bei der ersten Begegnung zeigt sich Europa hässlich. Das Hotel, an dem der Bus anhält, heisst «Park Inn», am Eingang locken vier Sterne. Es ist ein Klotz mit 885 Betten und ein wahrer Umschlagplatz von Bustouristen. Im Zimmer blättern die Farben ab, die Storen lassen sich nicht schliessen, im Hinterhof sieht man eine lange Reihe von Containern mit schmutziger Wäsche. Auf dem Parkplatz vor dem Hotel spaziert ein älteres Ehepaar. Die Frau blickt verwundert um sich und fragt: «Ist hier Europa?»
Mit viel Neugierde probieren die Koreaner das erste englische Frühstück. Im Bus wird London von aussen besichtigt: Trafalgar Square, der Themse entlang, die Tate Modern taucht auf. Die Gruppe darf an der Tower Bridge hinaus. «Ich gebe Ihnen 20 Minuten.» Alle eilen an den Fluss, die Fotoapparate surren.
Mit dem Eurostar geht es nach Paris, wo es noch hell ist als die Koreaner ankommen. Frau Kim sagt: «Nun sind wir im wahren Europa angekommen. Grossbritannien gehört eigentlich nicht richtig dazu. Paris ist das Zentrum.» Der Bus für Paris kommt samt dem Fahrer aus Portugal und ist alt und schmutzig. Die Sitze sind bunt und verschlissen. In Versailles schiebt sich eine grosse Menschenmasse endlos durch das Schloss und den Garten. Davor verkaufen Afrikaner Plastik-Eiffeltürme «Made in China». Einer spricht etwas Koreanisch und hat Glück. Einige kaufen ihm etliche gold- und silberfarbene Mini-Eiffeltürme ab.
Besuch des Louvre, eine Stunde Zeit. Es wimmelt von Touristen. Das Audiogerät wird verteilt und zugleich vor den Zigeunern gewarnt, die vor dem Museum herumstehen. Das Wort «Zigeuner» weckt bereits Ängste bei den Koreanern, obgleich sie nie einem wirklich begegnet sind. Vor der «Mona Lisa» stehen so viele Menschen, dass man gar nicht ans Bild herankommt. Die meisten schauen es, obwohl als einer der Höhepunkte der Reise angekündigt, nur aus der Ferne an. Notre-Dame wird ausgelassen. Frau Kim sagt, der Bus könne nicht in die Nähe fahren und das Laufen beanspruche zu viel Zeit. Shopping im Luxus-Kaufhaus Printemps gehört hingegen zur Tour - eine Stunde Zeit.

In edel aufgemachten Abteilen werden Luxusmarken angeboten.

»“Die Schweiz ist der Garten Europas, gehört aber nicht zur EU, sondern ist neutral. Das Bankgeheimnis ist weltbekannt. Die Menschen wohnen in Chalets.“ Während Frau Kims Erzählung ohne Unterlass dahinfliesst, sind die meisten eingeschlafen.«

Weiter mit dem TGV nach Lausanne. Ein schöner neuer Bus wartet am Bahnhof und bildet einen starken Kontrast zum schmutzigen in Paris. Es geht nach Interlaken.
Frau Kim beginnt, über die Schweiz zu erzählen: «Die Schweiz ist der Garten Europas, gehört aber nicht zur EU, sondern ist neutral. Das Bankgeheimnis ist weltbekannt. Die Menschen wohnen in Chalets.» Während Frau Kims Erzählung ohne Unterlass dahinfliesst, sind die meisten eingeschlafen. Kurz nach 22 Uhr trifft der Bus am Hotel «Du Lac» in Därligen am Thunersee ein. Mit grosser Erwartung betreten die Koreaner das ihnen als «romantisch » angekündigte Hotel, aber an der Rezeption ist niemand. Auf dem Tisch liegen Schlüssel und eine Liste mit Zimmernummern. Die Koreaner beginnen zum ersten Mal auf der Reise leise zu murren. Nach 20 Minuten erscheint die verantwortliche Person, ein Inder. Alle sind zu müde, um zu protestieren. Das schöne Bild von der Schweiz, das Frau Kim gemalt hatte, verflüchtigt sich.
Am nächsten Tag beginnt die Fahrt vom Bahnhof Interlaken Ost zum lang ersehnten Höhepunkt der Reise, dem Jungfraujoch: das Bergpanorama zeigt sich in ganzer Pracht. Das Mittagessen wird im Restaurant «Eiger» eingenommen. Im Saal sind überall Schweizerfahnen und Kantonswappen, das Personal besteht aus Chinesen und Italienern. Es gibt Silserli, was in Korea unbekannt ist, aber allen gut schmeckt. Einer älteren Frau wird es schlecht und sie übergibt sich in die Tüte, in der sich die gekauften Geschenke befinden.
Frau Kim sagt: «Ich bin froh, dass das Wetter so schön war. Die Berge zeigen sich nur Menschen, denen sie sich zeigen wollen.

80 Prozent der Touristen sehen die Berge nicht.» Die Begegnung zwischen Mensch und Natur hat in Korea eine mystische Dimension. Der Taoismus lehrt, dass die Natur sich nur jenen Menschen wahrhaftig offenbart, die sich ihrer würdig erweisen. Die Berge bleiben als unverrückbare, reale Grösse in der Erinnerung der Koreaner, während die vielen europäischen Städte zu einer amorphen Gestalt zusammenfliessen und sich nur schwer in Erinnerungen verorten lassen.
Am späten Nachmittag geht die Fahrt weiter über den Gotthard nach Mailand. Frau Kim sagt, dass jenseits der Alpen Italien liegt, wo es sonnig ist. Selbst die Farben leuchteten dort heller. Die Italiener, sagt Frau Kim, seien den Koreanern sehr ähnlich, in Charakter und Temperament. Es ist schon spät, aber eine kleine Runde wird gedreht, um den Dom, die Scala und die Galleria Vittorio Emanuele II. zu sehen, bevor der Bus das Hotel erreicht.
Die Fahrt geht am nächsten Morgen weiter nach Venedig, wo die Markuskirche auch von innen besichtigt wird. Die goldenen Mosaiken beeindrucken die Koreaner sehr. Die Erschöpfung kommt aber schleichend, doch unweigerlich: Je mehr Tage der Reise vergehen, desto deutlicher sieht man den Koreanern die Ermüdung an. Die Städte Europas zerfliessen zu einer zähen Masse fremder Kultur zusammen, die man schwer auseinanderhalten und entziffern kann. Das vielbelächelte Fotografieren hilft bei der Einordnung.
Der letzte Tag in Europa beginnt mit der Stadtrundfahrt. «Rom ist die Stadt, die man sehen soll, bevor man stirbt», sagt Frau Kim. «Leider haben wir nur einen Tag Zeit dafür.» Es geht bis zum Abflug hektisch zu: Kolosseum, Fontana die Trevi und die Spanische Treppe, das Pantheon, die Bocca della Verità, das Kapitol und das Forum Romanum werden im Eiltempo abgehakt.
Die Sixtinische Kapelle ist so voll, dass man sich kaum bewegen kann. Die europäische Bilderwelt vergangener Epochen hinterlässt trotzdem einen tiefen Eindruck. Nach der Besichtigung der Peterskirche fährt die Gruppe direkt zum Flughafen. Frau Kim warnt vor den Dieben: «Die Diebe lauern besonders auf Luxusmarken. Sie kennen sogar die Abflugzeiten der Korean Airlines. Wenn ein Bus voller Asiaten ankommt, heisst es, ein kleines Kaufhaus sei eingetroffen.»
Plötzlich erscheint den Koreanern die eigene Heimat als ein Sehnsuchtsort, ein sicherer Hafen, zu dem sie nun zurückkehren. An ihren müden Blicken lässt sich nicht ablesen, ob Europa im Bewusstsein festere Konturen gewonnen hat. Frau Kim faltet ihr blaugeblümtes Tüchlein in der Hand und begrüsst die neu ankommenden Gäste.

Die gebürtige Südkoreanerin Hoo Nam Seelmann studierte in Deutschland Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte. Seit 1995 in der Schweiz, arbeitet sie hier als Publizistin, freie Journalistin und Übersetzerin. Wir wollten zusammen mit ihr herausfinden, wie Koreaner, die Europa in einer Tour de Force bereisen, diesen Kontinent und seine Menschen erleben, und was davon übrigbleibt, wenn der Flieger wieder gen Seoul abhebt. Frau Seelmann begleitete dazu eine Reisegruppe während ihres achttägigen Aufenthalts: London-in, Rome-out!

Der ganze Text erschien in der zweiten Ausgabe von REPORTAGEN, dem 2011 gegründeten Magazin mit unerhörten, hervorragend erzählten und wahren Geschichten von dieser Welt. Sechsmal pro Jahr schreiben die Autorinnen und Autoren von REPORTAGEN, was sie auf ihren Recherche- Reisen herausfinden, entdecken und erleben – immer der journalistischen Wahrheit verpflichtet, immer ganz nahe dran und mit hoher erzählerischer Qualität.

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