Der „Tren a las nubes“ auf dem Viadukt „La Polvorilla“

In einer Welt zwischen Himmel und Erde

von Christina Völkin

Punkt sieben Uhr morgens hallt ein schriller Pfiff durch die Bahnhofshalle der «Estacion Central » in Salta. Das Startzeichen für den «Tren a las Nubes», den Zug in die Wolken. Schwerfällig setzt er sich in Bewegung, als müsste er sich überlegen, die Strapazen auf sich zu nehmen, die vor ihm liegen. Die Fahrt ist weit und steil. Die Höhendifferenz beträgt über 3000 Meter. Und kein einziges Zahnrad hilft ihm dabei, sie zu überwinden. Der «Tren a las Nubes» befährt eine der höchstgelegenen Bahnstrecken der Welt und bringt die Touristen in sieben Stunden zum Viadukt «La Polvorilla» auf 4220 Meter hinauf. Mit dem Zug in die Wolken beginnt die Reise den Anden entlang. Vom Nordwesten Argentiniens nach Bolivien bis zum Machu Picchu in Peru. Eine Reise voller Aussichten und Einsichten. Eine Reise wie keine zweite.
Gemütlich rattert der «Wolkenzug » durch die verschlafenen Vororte von Salta. «La Linda», die Schöne, nennen die Einheimischen ihre Stadt im Nordwesten Argentiniens. Prächtige Kolonialbauten, rosafarbene Kirchen und eine Schweizer Gondelbahn, die auf den Hausberg San Bernardo führt, zieren die Stadt. Und auf Plätzen im Schatten der Bäume spielen alte Männer Schach, Kinder in rot-grünen Schuluniformen springen lachend hintereinander her, und junge Liebespaare küssen sich, als gäbe es kein Morgen mehr.
Die Steigung nimmt zu, die wild wuchernde Vegetation ab. Bald ist es so weit. Bald kommt die erste von zwei Spitzkehren. Im Zickzack schiebt und zieht die Lok ihre Waggons über die Serpentinen. Später folgen zwei weitere Kehrschleifen, die dem Zug helfen, die Steigung zu meistern. Dem amerikanischen Bauingenieur Richard Maury und den über 1000 Arbeitern standen nur einfache Werkzeuge zur Verfügung, als sie 1921 mit dem Bau der Strecke begannen. Mit Pickeln, Schaufeln und Dynamit mühten sie sich in buchstäblich atemraubenden Höhen ab, um 44 Brücken und Viadukte, 21 Tunnels und 1328 Kurven in den Berg zu meisseln.

Kokatee und rote Paprika

Ich muss kurz eingenickt sein. Jemand stupft mich am Arm. Als ich die Augen öffne, lächelt mir eine Hostess entgegen und reicht mir ein Tablett mit Sandwich und Kuchen. «Kokatee?», fragt sie mich. Kokatee? Das sind doch die Blätter, aus denen man das Rauschgift herstellt, denke ich und runzle die Stirn. Sie sieht meine Zweifel und meint beruhigend: «Das ist gut zur Vorbeugung der Höhenkrankheit und absolut ungefährlich.

Oder waren Sie schon mal betrunken, weil Sie ein paar Trauben gegessen haben?» Ihr Vergleich überzeugt. Ich trinke den Tee, der etwas bitter schmeckt. Falls ich trotzdem höhenkrank werden sollte, stehen Sauerstoffmasken bereit, zwei Ärzte sind anwesend im Zug, der von einem Krankenwagen eskortiert wird auf der nebenliegenden Strasse.
Entspannt lehne ich mich zurück, schaue auf die vorbeiziehenden Trauerweiden, Pappeln und Pampasgräser, die sich am Fluss des Rio Toro im Winde wiegen. In warmes Morgenlicht gehüllt, bezaubert die wildromantische Landschaft, als hätte der grosse Meister Carl Caspar David Friedrich sie gemalt.

»Prächtige Kolonialbauten, rosafarbene Kirchen und eine Schweizer Gondelbahn, die auf den Hausberg San Bernardo führt, zieren die Stadt.«

Es ist die «Quebrada del Toro», die Schlucht des Stieres, die den Übergang zur rauen Gebirgswelt markiert, die Puna. Alberto Cabreira ist heute gut gelaunt. Alles läuft nach Plan. Die schwere Diesellok ist in die Gänge gekommen und kriecht Meter um Meter in weit ausholenden Kurven den Berg hinauf. Cabreira, ein gross gewachsener Mann mit weissem Haar und Mütze, steht im Führerstand und tätschelt liebevoll das Armaturenbrett der Lok, als sei sie eine alte Geliebte. «Mein Urgrossvater war der erste Lokomotivführer des ‹Tren a las Nubes›. Danach kam mein Grossvater, dann mein Vater, und seit 1975 fahre ich diesen Zug», sagt der 61-Jährige stolz und fügt bedeutungsvoll hinzu: «Mein Sohn, der ist jetzt 18 Jahre alt, er wird hoffentlich der nächste Lokomotivführer sein.
» Immer weiter, immer höher schlängelt sich der rot-weiss-gelbe Zug die nächsten Stunden durch karge Berglandschaften. Baumhohe Kandelaberkakteen krallen sich an steinige Hänge, Punagras und Polsterpflanzen trotzen dem Wind, der über die unendliche Weite des Hochlandes weht, wo zottige Lamas und Alpakas genügsam weiden. Und über

allem thront der schneebedeckte Sechstausender Navados de Acay. Wir erreichen nach gut sechs Stunden die 4000-Meter-Marke. Verstohlen beäugt man sich gegenseitig: Wie geht es den anderen Touristen im Abteil? Hat der junge sympathische Italiener vor ein paar Stunden nicht etwas rosiger ausgesehen? Und die beiden älteren deutschen Frauen? Sie unterhalten sich frisch und munter, als wären sie noch immer in Salta unten.
Salta ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Der Grossteil der Bevölkerung lebt in fruchtbaren Tälern, wo Weingüter die Landschaft prägen und Schwärme von kleinen grauen Papageien plappernd durch die Lüfte flattern, um im nächsten Moment an den prallen Trauben der Reben zu picken. Weiter westlich wird die Vegetation karkarger, und nur die roten Paprika, zum Trocknen ausgebreitet auf grossen Tüchern, geben der tabakbraunen Landschaft ihre bunte Farbe. Hier verlaufen vier parallele Gebirgsketten, die Kordilleren. In diesem Nirgendwo leben die Bewohner in totaler Abgeschiedenheit. Sie haben weder Fernseher noch Telefon oder Handyempfang. Einzig eine kleine Radiostation gibt Mitteilungen der Bevölkerung an die Zuhörer durch. Sei es die Tochter aus Buenos Aires, die ausrichten lässt, sie habe an der Abschlussprüfung gute Noten bekommen. Oder der Onkel aus Salta, der den Tod seines Hundes den Angehörigen bekundet. Jeder weiss über jeden Bescheid und freut sich oder trauert beim Radiohören mit.

«Gott ein bisschen näher»

Die Luft ist dünn. Der Zug hält mitten auf dem höchstgelegenen Viadukt der Erde auf 4220 Metern über Meer. «La Polvorilla» ist ein 1600-Tonnen-Stahl-Koloss. Sechs Türme stemmen die Gleise 63 Meter in die Höhe. Das Brückenprofil ist kaum breiter als die Schienen. Der Zug schwebt förmlich über der gähnenden Leere. Zur Krönung ertönt die argentinische Nationalhymne und posaunt ihre Klänge in den stahlblauen Himmel. «Glaubt man an Gott, so ist man ihm hier oben bestimmt ein bisschen näher», witzelt die eine der älteren deutschen Touristinnen. Freude herrscht. Alle haben es geschafft, niemand wurde höhenkrank. Dafür bekommt jeder ein Diplom von der Hostess in die Hand gedrückt, bevor der Zug kurze Zeit später seine Rückreise nach Salta antritt.