Hängebrücken, die den Zugang zu Schulen, Märkten und Gesundheitsdiensten ermöglichen.

«In Bhutan bedeutet Entwicklungsarbeit noch gestalten und agieren»

von Hanspeter Bundi, Helvetas

Wer bei Google die beiden Suchbegriffe Bhutan und Paradies eingibt, erhält über eine Million Treffer, die auf das kleine Land im Himalaya hinweisen. Und bei der Bildersuche erscheinen ganz vorne die Bilder des Klosters Paro Taktsang, das scheinbar unerreichbar in eine Felswand hinein gebaut ist. Bhutan macht
den Eindruck eines perfekten Landes, in dem Natur und Kultur in Einklang stehen. Und meistens stimmt dieser Eindruck sogar.


Bhutan, von dem viele nicht einmal wissen, auf welchem Kontinent es liegt, hat zwei Mal international Schlagzeilen gemacht. Am 10. Juni 1998, als Jigme Singye
Wangchuck, der 4. König von Bhutan, sich selber entmachtete und bestimmte, dass die Regierung in Zukunft nicht von ihm, sondern vom Parlament eingesetzt
werde. Und zehn Jahre später, am 18. Juli 2008, als die neue Verfassung das Gross National Happiness als Leitlinie für die Entwicklung des Landes festlegte. Anders als bei uns, wo der Fortschritt allein am Wachstum des Bruttosozialprodukts gemessen wird, umfasst das BruttoNationalGlück die vier Pfeiler soziale Gerechtigkeit, Pflege des kulturellen Erbes, Schutz der Umwelt und gute Regierungsstrukturen. Es ist wie eine Definition nachhaltiger Entwicklung.


Bis in die 1950er Jahre hatte Bhutan, das in seiner Geschichte nie kolonisiert wurde, in einer selbst gewählten Isolation gelebt. Die wenigen Besucherinnen und Besucher, die das Land in jener Zeit besuchten, kamen mit dem Eindruck zurück, die Geschichte sei dort während Jahrhunderten stehen geblieben. Bhutan hatte keine Spitäler und nur gerade 20 öffentliche Primarschulen. Wer eine Sekundarschule besuchen wollte, musste das im Ausland tun. 1962 fuhr zum ersten Mal ein Auto über die überschaubar wenigen Strassen Bhutans, ein Jahr nachdem der König eine Öffnung des Landes angeordnet hatte. Die Bedingungen für eine nachhaltige Entwicklung waren gut. Bhutan hat keine Bodenschätze und war für die modernen Goldsucher deshalb uninteressant. Und Bhutan hatte einen König, der fest entschlossen war, die Veränderungen zu kontrollieren und nicht ins Kraut schiessen zu lassen.

»Wer die Menschen nicht kennt, wird auch Bhutan nicht kennenlernen.«

Die Schweiz war bei dieser Entwicklung von Anfang an dabei. Grund war eine zufällige Begegnung an einer englischen Privatschule, wo junge Frauen sich all das aneigneten, was Frauen aus gutem Haus wissen und können sollten. In dieser Schule trafen sich im Jahr 1948 die Prinzessin Ashi Kesang Choden Dorji und die Zürcherin Lisina von Schulthess. Die beiden wurden zu Freundinnen, und daraus ergab sich eine lebenslange Freundschaft zwischen der Königsfamilie aus Bhutan und der Schweizer Industriellenfamilie.


Die Familie von Schulthess engagierte sich in der Folge mit einer privaten Stiftung für die Entwicklung Bhutans. Fritz Maurer, der im Jahr 1969 als Käser nach Bhutan kam, erinnert sich an diese Pionierzeiten: «Es gab kaum Strassen, man war viel zu Fuss unterwegs. Wenn es dunkelte, mit einer Wacholderfackel, um die Bären zu vertreiben», erzählt er. «Medizinische Versorgung gab es in den ländlichen Gebieten ebenfalls nicht, und auch sonst war man ganz auf sich selbst gestellt.»


1975 übernahm Helvetas das Programm. Im Verlauf der Jahre kamen zu den landwirtschaftlichen Projekten auch Berufsbildung, die Ausbildung für lokale Behörden und die Förderung der Zivilgesellschaft dazu. Um Bhutan als Puffer gegen das mächtige China zu stärken, investiert auch Indien massiv in die Entwicklung von Bhutan.


Nach mehr als 50 Jahren einer kontrollierten Entwicklung kann Bhutan durchaus mit Übergangsgesellschaften wie Indien oder Brasilien verglichen werden. Seit 1960 hat sich die Lebenserwartung auf 70 Jahre verdoppelt, das Bruttosozialprodukt ist mit 2’400 Dollar fast dreissig mal so hoch wie vor 50 Jahren. Es gibt in Bhutan mehr als 30 Spitäler, 500 Primar-, Sekundar und Mittelschulen. «In Bhutan können wir sozusagen den Modellfall einer Entwicklung studieren, die von oben her intelligent gesteuert wird», sagt Franz Gähwiler, der selber 4 Jahre in Bhutan arbeitete und seit 2008 als Koordinator für die Helvetas Projekte in Bhutan und Nepal zuständig ist. «In Bhutan bedeutet Entwicklungsarbeit noch gestalten und agieren.»

Der sanfte Weg in die Moderne kommt nicht nur der Bevölkerung zugute, sondern all denen, die Bhutan heute bereisen. Ein Drittel des Landes ist als Schutzgebiet gekennzeichnet, mehr als zwei Drittel des Landes sind bewaldet. Und so stehen den Reisenden in allen drei Klimastufen Kulturlandschaften und unberührte Naturlandschaften offen. Urwälder mit einer vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt im tropischen Tiefland. Kunstvoll angelegte Reisterrassen und intakte Dörfer im Vorgebirge mit seinen breiten Tälern. Unwirkliche Hochebenen, hinter denen der ewig weisse Himalaya mit seinen 7’000ern, darunter der Gangkhar Puensum, der höchste Berg der Welt, der bisher noch von niemandem bestiegen wurde.


Die Tourismusbehörden in Bhutan sind fest entschlossen, dieses Juwel auch für kommende Generationen zu erhalten. Sie grenzen sich vom Massentourismus ganz bewusst ab, so mit der Forderung, dass alle Touristen pro Tag einen Minimalbetrag von 250 Dollar ausgeben müssen. Obwohl pro Jahr nur gerade 54’600 Erholungsreisende diese hohe Schwelle überschreiten, ist Tourismus der wichtigste Devisenbringer des Landes.


Franz Gähwiler, der die Background Tours-Reise nach Bhutan begleitet und kommentiert, will seiner Gruppe allerdings nicht nur Naturparks und grossartige Landschaften zeigen. Sondern auch Orte, wo Menschen ihr Schicksal in die Hand nehmen: bei der gemeinsamen Nutzung der Wälder, mit einer praktisch ausgerichteten Berufsbildung oder in der Landwirtschaftsschule.


«Letztendlich sind es nicht die Naturschönheiten, sondern die Menschen, die Bhutan ausmachen. Wer die Menschen nicht kennt, wird auch Bhutan nicht kennenlernen», sagt er.

Helvetas ist eine der grossen und erfahrenen Entwicklungsorganisationen der Schweiz und ist in 29 Ländern Afrikas, Lateinamerikas, Asiens und Osteuropas tätig. In mehr als 300 Projekten geht es einerseits um ganz konkrete Verbesserungen im Leben der Menschen. Wir ermöglichen den Bau von Wasserversorgungen und Brücken. Wir beraten Bauernfamilien, wie sie die Ressourcen schonen und ihre Produkte besser verkaufen können. Kinder können die Grundschule besuchen, und Jugendliche können eine einfache Berufsbildung absolvieren. Gleichzeitig geht es Helvetas darum, zivilgesellschaftliche Organisationen zu stärken und Behördenmitglieder kritisch zu unterstützen. Ziel ist es, möglichst vielen Menschen ein Leben in Würde und Sicherheit zu ermöglichen. Um interessierten Freunden und Gönnern einen direkten Einblick in die Realität von Entwicklungsländern zu ermöglichen, helfen wir in der Schweiz mit, Reisen in unsere Projekte zu organisieren.