Echsen auf Galapagos

Im Auge des Drachens

von Bernd Schildger

Ihr Blick scheint, zugegeben vermenschlichend, leicht indigniert. „Wer bitte schön bist du, hier an diesem einzigartigen Ort, wo du doch keine Ahnung hast wie es ist hier zu leben?“ Diese Frage scheint ihr ins Gesicht geschrieben. Irgendwie erscheint sie fast gelangweilt von meiner Anwesenheit in nur wenigen Metern Entfernung. Zumindest das nur halb geöffnete Augenlid scheint darauf hinzudeuten.
Wie aus einer anderen, ca. 70 Millionen Jahre zurückliegenden Welt der Dinosaurier erscheint ihr Exterieur. Breite Schuppen säumen den Rand des Maules. Die Nasenregion wirkt stumpf und flach. Imposant thronen die weisslichen, pyramidenförmigen Schuppen auf dem Schädeldach. Die schwarze Grundfärbung wird durch ein leichtes rosarot am Hals und an den Oberarmen abgedämpft. Gänzlich in andere Erdzeitalter versetzt fühle ich mich beim Anblick der Rückenlinie. Lange, stalagmitenähnliche Fortsätze erinnern an den Stegosaurus, der vor 150 Millionen Jahren auf der Erde lebte. Und das Verhalten meines Gegenübers – Keines! Kein Millimeter Bewegung, nur ein zunehmendes Schliessen des Augenlides ist erkennbar.
Plötzlich, wie ein Blitz erscheint die Assoziation: Godzilla! Der grosse Drache aus den japanischen Sciencefiction Filmen sitzt mir gegenüber. Im Nachhinein eine naheliegende Verbindung, war doch die Galapagos Meeresechse das optische Vorbild für die erfundene Figur des Godzillas.

»Imposant thronen die weisslichen, pyramidenförmigen Schuppen auf dem Schädeldach.«

Das nur wenig mehr als einen Meter lange Reptil, dem ich am Strand von Puerto Egas auf einer der Galapagos Inseln gegenüber lag, stammt ursprünglich vom
südamerikanischen Festland. Vor wenigen Millionen Jahren, die Inseln sind nämlich nicht sehr alt, ist wohl eine Gruppe von Grünen Leguanen aus den ecuadorianischen Regenwäldern auf einem Treibholz hier angelandet. Mittlerweile wissen wir, dass die Strömung des an der südamerikanischen Küste ziehenden Humboldt-Stromes solches Treibgut in nur wenig mehr als 14 Tagen die ca. 1‘000 km zu den westlich gelegenen Galapagos Inseln führt.
Diese Leguane sahen sich einer unwirtlichen Natur gegenüber. Auf dem Äquator, heisse Sonne, aber kein Wald, nur wenig Grünpflanzen und lange Regen- und Trockenzeiten. Nun, Reptilien sind ektotherme Anpassungskünstler.
Ektotherm, weil ihre Körperinnentemperatur direkt von der Umgebungstemperatur abhängt und sie keine Energie für Wärmeproduktion wie die Vögel oder die Säugetiere aufwenden müssen.
Daraus folgt zumeist auch, dass lange Hungerperioden kein Problem sind. Auch bei der Verdauung sind Leguanartige in der Lage, ausschliesslich pflanzliche Nahrung in ihrem Dickdarm aufzuschliessen.
Der, für das Überleben der Art aber entscheidende Moment war, als unsere Leguane die Algen in der Uferregion als Nahrungsgrundlage entdeckten. Um diese von den scharfkantigen Lavafelsen unter Wasser abweiden zu können, mussten sie mit 18 Grad kaltem Wasser zu Recht kommen. Während des Tauchaktes im küstennahen Meer kühlt ihr Körper sehr schnell aus. Und da sie keine eigene Wärmeproduktion besitzen, heissen Körpertemperaturen unter 25 Grad den schnellen Tod.

Die Entwicklung einer präzisen Regelation der Aktivität und der Zeit sicherte das Überleben einer Tierart, die vergleichbares im homogenen Regenwald, mit
wenig Temperaturschwankungen, nie nötig hatte. Die Verdauung des pflanzlichen Materials war kein Problem, der hohe Salzgehalt dann eben schon. Die Meeresechse entwickelte Salzdrüsen, mit denen sie das Salz aus dem Blut direkt in die Nase absondern und anschliessend aus-niesen kann. Hier erinnerte ich mich an ein unregelmässiges Niesgeräusch in der Umgebung der Tiere. Sie schneuzen das überschüssige Salz aus – genial!
Weshalb diese langatmigen Ausführungen? Ganz einfach – auf Galapagos können sie Jahrmillionen Evolution auf einem Archipel erleben. Die Artenarmut und die spezielle Entstehungsgeschichte der vulkanischen Inseln in Verbindung
mit 1‘000 km Entfernung vom Festland, machen sie einzigartig. Charles Darwin hat hier mit seinen Untersuchungen der Spottdrossel die Grundlage für seine gesamte, die heutige Welt prägende Evolutionstheorie gelegt: Arten entstehen durch Anpassung.
Auf Galapagos können Sie tatsächlich Evolution hautnah erleben, ob an Godzilla, der Meeresechse oder den Riesenschildkröten.
Und wenn sie in diesem Jahr nicht ganz so weit reisen möchten, dann erleben Sie doch den Reisingers Waran im Tierpark Bern. Ein Reptil, auch recht jung, nur ca. 50-70 Mio. Jahre alt, perfekt an die Jagd auf Bäumen angepasst, schlank, mit einem geschickten Klammerschwanz und… einem der Galapagos Meeresechse nicht unähnlichem Gesichtsausdruck!

Prof. Dr. med. vet. Bernd Schildger ist Direktor vom Berner Tierpark  „Dählhölzli“ sowie vom Bärenpark Bern.
Der Tierpark Dählhölzli ist in Bern für seine innovative und artgerechte Tierhaltung bekannt. Das gelebte Motto lautet „Mehr Platz für weniger Tiere“. Der Tierpark Dählhölzli ist 365 Tage im Jahr geöffnet.


Tierpark Dählhölzli,
Tierparkweg 1, 3005 Bern,
Tel.: 031 357 15 15,
www.tierpark-bern.ch