Frauen-Nationalmannschaft im Westjordanland
©Palestinian Football Association

Fussball auf dem Flickenteppich

Von Franziska Knupper

Hitze, Fasten, Vorurteile – die Frauen-Nationalmannschaft in den palästinensischen Gebieten im Westjordanland trainiert unter harten Bedingungen, aber mit umso mehr Leidenschaft. Fussball bringt Hoffnung in eine Region, die das bitter nötig hat.

Bereits um neun Uhr morgens heizt die Sonne Ramallah, der bunten Grossstadt im Westjordanland gleich neben Jerusalem, mächtig ein. Bei über 30 Grad flimmert die Hitze auf den Strassen, kriecht durch das Treiben auf dem Markt und durch die überfüllten Busse. Keine Brise ist zu spüren. Auch nicht am Checkpoint von Calandia, wo Hanadi Nasser Eldin, Leiterin des palästinensischen Frauenfussballverbands, mich abholen soll. Während ich warte, bieten Händler bunte Luftballons, Wassermelonen und blinkende Spielzeuge feil. Ich frage mich, ob sie an diesem Ort – zwischen Israel und Palästina, zwischen schwitzenden Grenzsoldaten in Uniformen und wütenden Palästinensern in Warteschlangen – jemals einen Luftballon verkaufen. An diesem Ort, an dem eigentlich keiner sein will, schon gar nicht mit einem lila Luftballon am Handgelenk. Oder vielleicht doch? Vielleicht gerade hier? Als ich schon mit dem Gedanken spiele, dem armen Mann eines seiner Heliummonster abzukaufen, kommt Hanadi hupend auf mich zugefahren. «Musstest du lange warten?», fragt sie mit besorgtem Gesicht unter dunkelbraunen Locken, als ich in ihren staubigen Familienvan einsteige. Ich winke ab, und mir entfährt ein Dank auf Hebräisch. «Das sagen wir hier nicht», faucht Hanadi, und ich beisse mir auf die Zunge. Je länger ich in Israel lebe, desto weniger scheine ich noch als ausländische Journalistin zu gelten, die unbeschwert und ungesehen zwischen den entgegengesetzten Welten pendeln kann.

Tagesordnung.

Wir fahren nach Al-Ram, einem Vorort Ramallahs zwischen bunt bemalter Sperrmauer und weniger farbenfrohen Grenzposten. Hier steht das grösste Fussballstadion der Autonomiegebiete. Statt Werbebanner für Biermarken schmücken Plakate von Mahmud Abbas und Jassir Arafat die Fassaden des Platzes.

 

Zwei junge Frauen kommen auf dem braunen Rasen in unsere Richtung und treten auf den Vorplatz.

»So viele Talente bleiben hier ungenutzt. Viele Palästinenser wissen nicht einmal, dass wir eine Frauenfussballmann- schaft haben.«

Sofort nähert sich ein israelischer Soldat mit gerunzelter Stirn und fragendem Blick. Er scheint fast noch jünger als die beiden Frauen, vielleicht gerade mal 18 oder 19 Jahre alt. Die Schweissringe unter seinen Armen haben bereits einen weissen Rand. Wahrscheinlich steht er schon länger auf seinem Posten in der sengenden Hitze. Die beiden winken ab, ohne ihn auch nur anzusehen oder ihr Gespräch einen Augenblick zu unterbrechen. Kehrtwenden, No-go-Zonen und Hitze sind in Al-Ram an der Tagesordnung.
Keine einfachen Konditionen, um professionell Sport zu treiben, sage ich bei der Begrüssung. Dima, eine der beiden Frauen, stimmt mir zu. Und trotzdem gehe sie dreimal die Woche zum Training. Sogar jetzt, während des Ramadans, des muslimischen Fastenmonats.

«Die Spiele finden dann entweder nachts statt, nachdem man gegessen hat, oder kurz vor Sonnenuntergang, damit man danach sofort etwas trinken oder essen kann.» Dima zuckt mit den Schultern, die Haare trägt sie offen. Sie betreffe das nicht, sie sei Christin. Daher auch kein Kopftuch, lacht sie. Aber das Fasten beeinflusse natürlich ihre Mitspielerinnen und damit die Energie des ganzen Teams, fügt sie etwas mürrisch hinzu.

Spiel gegen Japan.

Dima spielt in der palästinensischen Fussballnationalmannschaft der Frauen. Viermal konnte das Team an der West-Asian-Meisterschaft teilnehmen. Zu anderen grösseren Wettkämpfen ist es bislang nicht gekommen. Sie seien ein junges Team, sagt die 22-Jährige, und keine von ihnen könne ihren gesamten Alltag dem Fussball widmen. Auch sie müsse gleich zur Universität.

Dort studiert sie Journalismus. Eine Karriere als Fussballerin? «Daran habe ich nie gedacht. Das ist hier keine Option. Denn im Gegensatz zu Europa steckt hier kein Geld in den Clubs.»

Fragend blickt Dima zu Gina, der Frau neben sich. Die nickt bestätigend, seufzt und hebt die Hände. Eine Geste der Resignation? Seit einem Jahr trainiert Gina die Mädchen unter 19 Jahren. Eine Aufgabe zwischen Hoffnung und Frustration. «So viele Talente bleiben hier ungenutzt. Viele Palästinenser wissen nicht einmal, dass wir eine Frauenfussballmannschaft haben. Es ist ein Männersport – hier noch viel extremer als in Europa. Aber ich versuche, den Sport auch unter Frauen bekannt zu machen.» Ein doppelt schwieriges Unterfangen. Schon die männlichen palästinensischen Sportler haben aufgrund eingeschränkter Bewe-gungsfreiheit oder fehlender Pässe stets Probleme, ausserhalb der Grenzen der Autonomiegebiete zu spielen oder zu trainieren. Ganz zu schweigen von Menschen in Gaza und von Frauen, für die eine Auslandsreise, grosse Wettkämpfe und Trainingscamps meist ein Ding der Unmöglichkeit sind. Die gegnerischen Mannschaften müssen notgedrungen nach Palästina kommen – und das passiert selten. «2011 haben wir in Palästina gegen Japan gespielt, das war ein Highlight.» Gina klingt stolz – und das, obwohl ihr Team 0:19 verloren hat.

Wir entschliessen uns, der brütenden Hitze im Stadion zu entfliehen und im gegenüberliegenden Gebäude Erleichterung bei der Klimaanlage zu suchen. Dima und Gina hätten Glück, sagt Hanadi. Ihre Eltern seien stolz auf sie und unterstützten sie in allen Belangen. Das habe sicher mit ihrer Religion zu tun – Christen im Westjordanland geniessen im Schnitt höhere Ausbildungen und Wohlstand. Sowohl Gina als auch Dima sprechen fliessend Englisch. Beide planen, einen Teil ihrer Hochschulzeit im Ausland zu verbringen. Mir wird bewusst, warum sich gerade diese zwei Mädchen bereit erklärt haben, mit mir zu sprechen. Die Hürden sind niedriger, der Umgang natürlicher.

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Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der Reportage „Fussball auf dem Flickenteppich“, die erstmals im Herbst 2019 im Globetrotter-Magazin erschien. 

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