Jaguar im Pantanal

Eldorado

von Ruedi Leuthold

Die Deutschen nennen ihn Arnie, wie Schwarzenegger, und einer schrieb auf Trip-Advisor: Einen ganz besonderen Dank an Arnie, unseren Guide, dieser hat die Ausflüge immer super gestaltet.
Die Ausflüge in die Wildnis des Pantanals, Brasilien, grösstes Schwemmland der Welt, umfassen Jaguartour, Piranha-Fischen, Ausritt mit Birdwatching und Nachtsafari.
Die meisten Besucher aber nennen ihn Noldi, so wie er immer genannt wurde in der Tiefe des schweizerischen Mittellandes, aus der er mit 50 Jahren auftauchte, um zu erkunden, was das Leben sonst noch zu bieten hat.

Seit er im wilden Westen Brasiliens lebt, hat ihm ein Wildschwein ein Loch in den Hodensack gerissen, gross genug, um den Finger reinzustecken, von dem ihm später ein Piranha ein Stück abbiss, und bei einem Sturz vom Pferd hat er sich neulich den Nacken verrenkt. Doch nichts schmerzt den Mann so sehr, wie von seiner Frau Sirley geheissen zu werden, etwas zu tun, was ihm selber nie einfiele.

Er erinnert sich an die Sonntagsausflüge im Aargau, sechs Kinder in Reih und Glied, alle gleich angezogen, schwarz-weiss karierte Bäckerhosen, ein Hawaiihemd mit Schlips, der Vater voran.

Ein jüngerer Bruder ahmte ihn nach. Hör auf, befahl der Vater, und als der Kleine zurückgab, du tust es doch auch, bekam er einen Faustschlag, dass es ihn umhaute.
Es war eine Angewohnheit seines Vaters, als Verdingkind bei fremden Menschen aufgewachsen, die Kinder so lange zu prügeln, bis sie aufhörten zu winseln und keinen Mucks mehr von sich gaben.

Und während er sie prügelte, sagte er: Gäbe es euch nicht, wäre ich längst in Brasilien.
Die Mutter verliess die Familie, als Noldi 16 war. Er weiss nicht einmal, ob sie noch lebt. Der Vater ist tot, aber er Noldi, hat seinen eigenen Traum wahr gemacht, er ist in Brasilien.

Sirley und Noldi machen sich jetzt, am freien Sonntag, Anfang der Regenzeit im Westen Brasiliens, zu diesem Stück ungenutzten Gliedstaats auf, das sie zusammen mit einer Truppe von Politaktivisten, Glückssuchern und Landlosen besetzt halten, in der Hoffnung, eine Richterin erlaube ihnen eine Bewirtschaftung.
Seit ich klein bin, ruft Sirley, träume ich von einem eigenen Stück Land!

Ihre Tochter lebt als Illegale in den USA, ihre Enkelkinder hat sie noch nie gesehen.
Das ist unsere Chance, die müssen wir nutzen, wenn wir nicht arm und besitzlos sterben wollen.
Und sie fragt sich bloss, warum zwei Menschen, die nur Gottes tröstliches Werk zusammengebracht haben kann, weil beide mehr Leid erfahren haben, als einer einzigen Person zugemutet werden sollte, nicht zusammen sein können, ohne sich ständig zu streiten.

»Die Mutter verliess die Familie, als Noldi 16 war. Er weiss nicht einmal, ob sie noch lebt.«

Aber eigentlich haben sie es ja gut zusammen.
Und es ist ihm auch lieber, die Tiere zu beobachten als sie zu schlachten.
Einen Wildhund hat er, zum Erstaunen der Einheimischen, daran gewöhnt, ihm aus der Hand zu fressen. Ein Kaiman, den er Charly getauft hat, vollführt, zur Freude der Touristen auf der Piranha-Tour, artistische Kunststücke, um den Fisch zu erreichen, den Noldi ihm vor die Nase hält. Er kann es einfach mit den Tieren. Und bestimmt ist es kein Zufall, dass die Reisenden, die mit ihm unterwegs sind, immer wieder von erstaunlichen Begegnungen berichten können, ein Mähnenwolf, ein Jaguar, eine Gruppe Tapire, eine Riesenschlange. Nur wenn er das Kieferklappern der Wildschweine hört, trocken wie brechendes Holz, dann rät Noldi seinen Touristen zum stillen, aber schleunigen Rückzug.

Mit Tieren und Touristen versteht sich Noldi, und Probleme – das weiss seine Frau Sirley, und davor fürchtet sie sich heute wieder – gibt es nur, wenn das Gefühl ihres Mannes für Ordnung und Rechtschaffenheit, das ihm zu Hause eingeprügelt wurde, mit der brasilianischen Lebensart konfrontiert wird. Diese besteht zu einem grossen Teil darin, eine Unmenge bürokratischer Regeln und Hindernisse möglichst geschickt zu umgehen.

Sirley arbeitete als Köchin in einer Goldschmelze in Minas Gerais, machte sich die Lunge kaputt mit all den giftigen Dämpfen, und als sie, 2010, innert eines Jahres dreimal überfallen wurde, hatte sie genug vom Leben in der Stadt. Auf Besuch bei Freunden im Norden des Gliedstaates Mato Grosso erfuhr sie von diesem Glatzkopf, der nach einem Jahr noch immer den Tod seiner Frau beweinte. Die Freunde luden zum Abendessen – alles abgekartet?, fragte sie, aber nein, sagten die Freunde, der ist auch einsam. Sie verstanden sich gut, Sirley und der Schweizer, sie erzählte ein bisschen von ihrer Geschichte, genug, um ihm ein paar Tränen zu entlocken, und Noldi berichtete, wie er von der Trinkerei losgekommen sei, dank dem Sohn, vor dem er Stolz und Selbstachtung nicht völlig verlieren konnte.

Wenn schon keine Milchkuh, nimmt Sirley die Diskussion um ihr verheissenes Land wieder auf, dann wenigstens eine Weisse. Noch haben wir nichts, wendet Noldi ein, und ich glaube nicht daran, dass wir von diesem Land je etwas sehen werden.


Sei nicht so negativ!, gibt sie zurück. Ich habe gesagt, jetzt machen wir es auf meine Weise, jetzt machen wir es brasilianisch.


Aber ihre Vorschläge, den Betrieb zu sanieren, neue Kühe zu kaufen, Schweine zu mästen, wehrte er ab, fürchtete sich wohl, wieder übers Ohr gehauen zu werden. Dann fühlte sie, dass nichts vorwärtsging, sie glaubte zu ersticken, endlich wollte sie weg, beide weinten, als sie ging.
 
Noldi verkaufte die Farm, sein Sohn, der mittlerweile einen guten Job in der Stadt gefunden hatte, verhalf ihm zu einer Arbeit als Mechaniker in einer Schweinezuchtanstalt.
Er rief sie wieder an, geläutert, wie er versprach, und weil auch sie ihn nicht vergessen hatte, kam sie zurück, reiste mit ihm in den Norden Brasiliens. Sie bekamen Arbeit im Pantanal, hier fand Noldi mit Tieren und Touristen seinen Frieden, aber ihr fehlte das Stücklein Land.

So schrieben sich Sirley und Noldi in die «Vereinigung der kleinen familiären Landwirte von Serra Azul» ein. Die Vereinigung hält seit einigen Jahren ein Stück Land besetzt, das niemandem gehört und nie bewirtschaftet wurde, deshalb laut Gesetz zum kollektiven Gebrauch beansprucht werden kann, fünfzig Hektaren für jedes der hundert Mitglieder.
Noldi selber grub die Löcher in den harten Boden, um die Pfähle für ihre Hütte zu schlagen, die ihren Anspruch bekräftigen sollte, nebst den finanziellen Beiträgen von umgerechnet einigen hundert Franken.


Jetzt steuert Noldi seinen Fiat Palio über einen fast ausgetrockneten Fluss, der Weg führt hinein in raues Buschland, schliesslich zum Zeltlager der Besetzer. Der Kampf um das Land zieht sich schon einige Jahre hin, ein Nachbar tischte plötzlich alte Besitzurkunden auf, und jetzt muss das Gericht entscheiden, ob sie echt sind oder nicht.
Der brasilianische Weg.
Warten.


Das wird nichts mit diesem Land, knurrt er und schaut sie an.
Aber du musst deine Tochter wiedersehen, sagt er und packt ihre Hand, anders werde ich dich nie glücklich sehen. Das ist unsere Aufgabe, diesen Traum will ich dir erfüllen.

Den Helden seiner Geschichte, Arnold, lernte Autor Ruedi Leuthold bei der Recherche für eine Reportage über den Sumpf Pantanal kennen. Er war beeindruckt von der Selbstverständlichkeit und Ruhe, mit der sich dieser Schweizer in dieser Natur bewegte. Noldi und seine Frau Sirley schenkten Leuthold ihr Vertrauen und liessen ihn auch an ihren Problemen teilhaben. Entstanden ist die tiefgründige Geschichte eines Aussteigers.

Die Reportage «Eldorado» umfasst auch die Vorgeschichte Noldis und ist vollständig zu lesen als deutscher Erstabdruck in der Ausgabe #28 von Reportagen, dem Magazin für erzählte Gegenwart. Journalistisch fundiert, erzählerisch mitreissend und immer wieder überraschend ermöglicht Reportagen sechs Mal pro Jahr Begegnungen mit faszinierenden Menschen und Orten.

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