Alltag in Ecuador
@Daniel Richter

Einfach leben - Alltag im Hochland von Ecuador

von Daniel Richter

Salasaka sei seine Basis in Südamerika, sagt Daniel Richter. Um nicht länger der ewige Tourist in der indigenen Hochlandgemeinde in Ecuador zu sein, zieht er für ein Jahr bei einer lokalen Familie ein. Er lernt heilige Orte kennen, feiert farbenfrohe Feste und lebt den gleichen entbehrungsreichen Alltag wie die Einheimischen.

Mich an die bescheidenen Wohnverhältnisse im Haus meiner Gastgebenden zu gewöhnen, fällt mir nicht ganz leicht. Das löchrige Wellblechdach verwandelt mein Zimmer bei Sonnenschein in eine Sauna, während es nachts kaum vor der teils klirrenden Kälte schützt. Die morsche Holztür des Gemeinschaftsbads hat weder Griff noch Schloss. In der fensterlosen Küche mit dem unebenen Betonboden ist an warmes Wasser erst gar nicht zu denken. Dass ich trotz allen Mängeln und Unannehmlichkeiten zufrieden bin, ist insbesondere meiner neuen Familie zu verdanken.

Ich werde von allen zuvorkommend behandelt. Lediglich beim wortkargen, etwas eigenbrötlerischen Gastvater Manuel bin ich mir nicht sicher, was er von mir hält. Das ist aber nicht tragisch, weil ich ihn ohnehin kaum sehe. Bereits um 6 Uhr morgens verlässt er das Haus, um sich um die Kühe, Schweine, Schafe, Hasen und Meerschweinchen der Familie zu kümmern. Bevor er zur Arbeit als Installateur in die nahegelegene Stadt aufbricht, bleiben ihm 20 Minuten, um sich umzuziehen und zu frühstücken. Nach seiner Rückkehr am späten Nachmittag schlürft er hastig seine Suppe, zieht sich Gummistiefel an und marschiert zum Flusstal, wo er Gras für die Tiere schneidet. Wenn diese gegen 20 Uhr gefüttert sind, hat er manchmal Feierabend. Manchmal auch nicht, wenn er mitten in der Nacht (wegen des Wässerungsturnus) die Felder bewässern muss.
Wesentlich weniger zurückhaltend mir gegenüber ist Anita, meine herzliche Gastmutter. Sie schmeisst den Haushalt und fährt täglich in die eine Stunde entfernte Stadt Ambato, um auf dem Markt ein paar Liter Milch zu verkaufen und Tochter Miley zur Schule zu bringen. Daneben pflegt Anita ihre Eltern, kümmert sich um die Tiere und Äcker oder arbeitet an der Herstellung neuer Kleidungsstücke. In jeder freien Minute sieht man sie deshalb Wolle spinnen. Jenny, die 25 Jahre alte Tochter, schuftet unter ausbeuterischen Bedingungen bei der grössten indigenen Genossenschaftsbank Ecuadors. Die elf Stunden Arbeitszeit – wegen des hohen Arbeitsaufkommens kann sie die halbe Stunde Mittagspause oft nicht nehmen – stören die modebewusste junge Dame dabei weit weniger als die permanenten Gehaltskürzungen bei Verstössen gegen das strikte interne Reglement, das es ihr verbietet, sich bei Kälte eine Jacke anzuziehen.
 

Die stets beglückt lächelnde Miley, 7-jährig, bringt ständig neue Tiere nach Hause: Kaulquappen, ausgewachsene Frösche, junge Vögel, Katzen oder Hunde. Die Lebenszeit dieser neuen Mitbewohner ist meist aussergewöhnlich kurz. Die neulich vom Fluss mitgebrachten Kaulquappen und Frösche verendeten bereits nach einer Stunde, noch ehe ich sie wieder an ihren Ursprungsort zurücktragen konnte. Zwei Vögelchen wurden nach einem Tag von Kater Rimay gefressen.

Als semiprofessioneller Langschläfer verschlafe ich das kollektive Aufstehen in aller Herrgottsfrühe meistens. Bin ich dann aber wach, bemühe ich mich nach Kräften, meine Gastfamilie bei den mannigfaltigen Arbeiten zu unterstützen. Dabei muss ich immer wieder feststellen, dass ich für ein Leben als Viehzüchter und Landwirt eher ungeeignet bin. Als wir einmal Gras für die Rinder schneiden, werde ich gebeten, eine Ladung huckepack – wie das hier üblich ist – nach Hause zu tragen. Skeptisch begutachte ich den Grashaufen und frage mich, ob ich es schaffen werde, mit dieser schweren Last den Berg hinaufzukraxeln. Noch ehe ich leisen Protest anmelden kann, lässt mich Gastvater Manuel wissen, dass Miley normalerweise diese Menge trägt.

Eine bessere Figur gebe ich an den Wochenenden ab, wenn wir am Fussballplatz unseres Ortsteils Wasalata Pommes frites verkaufen. Dazu müssen Unmengen Kartoffeln geschält, Reis gekocht, Ketchup und Mayonnaise produziert, Salat gewaschen und Geschirr gespült werden. Gastvater Manuel verkauft zudem Alkohol zu Hause, weshalb dort während der Partien Hochbetrieb herrscht. Leider übertreiben es die Einheimischen mit dem Alkoholkonsum gewöhnlich derart, dass ich beim Durchschreiten der Haustür regelmässig über Jugendliche stolpere, die dort ihren Rausch ausschlafen. Zusammen mit der überlauten Musik entwickelt sich im Handumdrehen eine Atmosphäre, die ich kaum ertragen kann, die meinem Gastvater aber wegen der zusätzlichen Einnahmen ein grosses, zufriedenes Lächeln ins Gesicht zaubert.
 

Bei Bedarf engagiere ich mich im Gemeindetourismusprojekt von José Ignacio, unserem Nachbarn. Ihn habe ich auf meiner ersten Ecuadorreise 1996 kennengelernt, als ich ihm auf Salasakas Hauptplatz einen Wandteppich abkaufte. Dass wir es schafften, über Jahre hinweg in Kontakt zu bleiben, obwohl José Ignacio weder des Lesens noch des Schreibens mächtig war, grenzt fast an ein Wunder. 2010 wurde mir gar die Ehre zuteil, als einer der ersten Gäste in seinem neu eröffneten Hostal zu übernachten. In den darauffolgenden Jahren entwickelte sich das im traditionellen Stil errichtete Haus zu meinem Hauptquartier. Von hier aus konnte ich mein neues Lieblingsland Ecuador mit seiner Kompaktheit, Vielfalt und einfachen Bereisbarkeit gut erkunden. Die Ruhe in Salasaka hat sich als optimal zum Erholen nach anstrengenden Reisen erwiesen und bot mir darüber hinaus eine willkommene Abwechslung zum vertrauten, modernen Leben in einer Grossstadt.

Mit der Zeit stellte sich bei mir jedoch das Gefühl ein, ein Fremdkörper in der Dorfgemeinschaft zu sein. Zwar grüssten mich die Nachbarn in der Regel freundlich lächelnd, tiefer gehende Gespräche ergaben sich aber selten. Es mehrten sich die Zweifel, ob ich auf diese Weise mein erklärtes Ziel, den Lebensalltag in einer indigenen Gemeinde am eigenen Leib zu erfahren, erreichen könnte. So fasste ich eines Tages den Entschluss, dem Hostal den Rücken zu kehren und stattdessen Unterkunft bei einer Gastfamilie zu suchen.

Manuels Familie kannte ich damals nur flüchtig, sie waren aber gewillt, mich aufzunehmen. Sie waren interessiert am «Gringo» – mir – und an seiner Lebensweise

und erhofften sich wohl auch Unterstützung bei der Erziehung von Tochter Miley, der ich zuvor ab und zu beim Englischlernen geholfen hatte.
 

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der Reportage „Einfach leben – Alltag im Hochland von Ecuador“, die erstmals im Frühling 2021 im Globetrotter-Magazin erschien. 

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