Indien

Ein Mann für die Tage

von Daniela Schröder

«K. N. G. Pudur Road?», fragen die Tuk-Tuk-Fahrer im Stadtzentrum von Coimbatore, machen grosse Augen, zucken mit den Schultern. Nie gehört, was soll da sein, wo ist das überhaupt? Wer zu Jayaashree Industries will, ruft vorher den Firmenchef an und gibt das Telefon dem Tuk-Tuk-Fahrer. Der steuert
durch das Gewühl der Stadt, hinaus auf eine kilometerlange Strasse, irgendwann rumpelt das Tuk-Tuk über einen staubigen Feldweg, er endet vor Mauern und Eisentoren.
Arunachalam Muruganantham oder Muruga, wie sich der Firmenchef nennt, ist 54 Jahre alt, das schütter werdende Haar trägt er in die Stirn gekämmt, zwischen den Brauen ein orangefarbenes Hindu-Segenszeichen, weinrotes Hemd über beiger Hose, Halbschuhe mit ausgefransten Nähten.
An einer Wand hängt ein Plakat mit einer Industriemaschine, meterlanges Hightech, wie es in den Fabrikhallen grosser Bindenhersteller steht. Alle Arbeitsschritte auf einmal, Produktion per Knopfdruck, sekundenschnell. «So eine Anlage kostet mindestens eine Million Dollar», sagt Muruga. «Ich habe den Fertigungsprozess auf vier einfach konstruierte Maschinen aufgeteilt.» Mit Murugas Maschinen eine Binde zu produzieren, dauert zehn Minuten. Geräte wie aus einer vergangenen Zeit.
Für indische Frauen und Mädchen bedeutet Murugas Erfindung einen Fortschritt, für manche sogar eine Revolution. Auf dem Land, dort, wo die  meisten Inder wohnen, werden Frauen während ihrer Periode isoliert. Menstruierende Frauen gelten als unrein, sie dürfen keine Lebensmittel berühren, nicht in den Tempel gehen, nicht neben ihrem Ehemann schlafen. Die
Tabus stammen aus einer Zeit, als Frauen während ihrer Periode allein in Hütten sitzen mussten. Aber auch heute noch ist die Menstruation in Indien ein
heikles Thema. Wie ihr Körper funktioniert, das erfahren Mädchen im Schulunterricht, allerdings erst, wenn sie ihre Periode längst haben. Falls sie dann überhaupt noch zur Schule gehen. Jedes vierte Mädchen nimmt nach der ersten Menstruation nicht mehr am Unterricht teil, Schulen auf dem Land haben meist keine Toiletten.
400 Millionen Inderinnen sind in einem Alter, in dem sie menstruieren, 400 Millionen potenzielle Kundinnen für Binden, Tampons, Slipeinlagen. Ein Milliardengeschäft. Doch Indiens Markt für Monatshygieneprodukte ist schwach entwickelt, nur jede zehnte Inderin benutzt Binden, von Tampons ganz zu schweigen. Die Mehrheit der Frauen fängt das Blut mit Tüchern auf, selbst gemacht aus alter Kleidung. Andere Frauen nehmen Zeitungspapier, trockene Blätter, kleine Beutel voll Sand oder Asche, manche setzen sich immer wieder auf ein Büschel Gras oder Heu.

»Für indische Frauen und Mädchen bedeutet Murugas Erfindung einen Fortschritt, für manche sogar eine Revolution.«

Begonnen hat alles im Oktober 1998 in einem Vorort von Coimbatore. Muruga schlurft die Treppe zur Wohnung hoch, er hat Hunger, ist müde. Mittagspausenzeit. «Shanti», ruft Muruga. «Shanti, was gibt es zu essen?» Seine Frau huscht über den Flur, die Hände hinter dem Rücken, als verstecke sie etwas. Er: «Was hast du da?» Sie: «Das geht dich nichts an.» Er greift um sie herum, will sehen, was sie ihm nicht zeigen will. Sie wehrt sich, er reisst
ihr einen Stofflumpen aus den Händen. «Was ist damit, warum versteckst du das vor mir?» Im selben Moment ahnt er die Antwort, Muruga ist mit drei
Schwestern aufgewachsen. «Damit würde ich nicht mal den Motorroller putzen!», ruft er. «Das weiss ich, ich gucke Fernsehen, ich kenne die Werbung», sagt sie. «Aber wenn ich Monatsbinden kaufe, dann können wir uns keine Milch mehr leisten.»
In den nächsten Tagen denkt Muruga bei der Arbeit in seiner kleinen Metallwerkstatt über Damenbinden nach. Wie kann es sein, dass ein Produkt aus so billigem Material so teuer ist? Warum gibt es Binden grosser internationaler Hersteller, aber keine indischen Marken? Zu Hause erzählt ihm Shanti, dass nicht nur sie selbst, sondern dass auch von den Frauen im Dorf keine Binden benutzt. Muruga ist begeistert. Eine Maschine zum Herstellen von Binden, die kann er in seiner Werkstatt bauen. Eine Testperson für das Produkt hat er zu Hause.
In einer Baumwollfabrik kauft Muruga Watte und Zellstoff, daraus bastelt er etwas, das er für eine Damenbinde hält. «Probier es aus und sag mir, was du davon hältst», sagt er zu seiner jungen Frau. «Das geht erst nächsten Monat wieder», sagt Shanti. Im vierten Jahr seiner Ehe lernt Muruga, dass Frauen
nicht jeden Tag Binden benutzen. Aber wochenlang auf Testergebnisse warten, das dauert ihm zu lange.

Als Muruga eines Abends nach Hause kommt, liegt ein Zettel von Shanti in der Küche. «Bin ein paar Tage bei meinen Eltern.» Drei Wochen später bekommt er einen Brief, sie will sich scheiden lassen. Aber Muruga hat Wichtigeres zu tun.
Sein Plan B lautet: Wenn seine Frau die Binden nicht testen will, dann testet sie eben Muruga selbst. In die Blase eines Fussballs füllt er Ziegenblut, frisch vom Dorfmetzger. Muruga bohrt ein kleines Loch in die Blase, bindet sie mit einem Stoffstreifen vor den Bauch, klebt sich eine Binde in die Unterhose. So geht er durchs Dorf,  fährt mit dem Rad, arbeitet in der Werkstatt, sitzt beim Essen,
schläft, bei jeder Bewegung sickert Blut aus der Blase, bald wenig, bald viel.
«Es war die schlimmste Zeit meines Lebens», sagt Muruga zu dem jungen Mann von der Hilfsorganisation. «Ich fing an zu stinken, und ich war total nervös, ständig schaute ich nach, ob ein Blutfleck in meiner Hose sei. Es war furchtbar. Und das alles machen Frauen jeden Monat durch. Jahrelang. Jahrzehntelang!»
Muruga hat schon bald Flecken in der Hose. Am Dorfbrunnen wäscht er seine Sachen. Nachts, damit ihn niemand sieht. Zwecklos. Am nächsten Morgen wechseln die Leute die Strassenseite, als er ihnen entgegenkommt. «Muruga ist unten krank», diagnostizieren seine Nachbarn. «Das ist die Strafe für seinen Sex-Wahn!» – «Muruga ist ein Vampir», wissen andere Dörfler. «Er trinkt das Blut junger Mädchen!» Die Mitglieder des Panchayat, Instanz für Gesetz und
Moral im Dorf, lösen das Problem: «Muruga hat das Dorf augenblicklich zu verlassen. Weigert er sich, dann ist er kopfüber an den Heiligen Baum zu
binden, wo er hängen muss, bis das Böse wieder aus ihm gewichen ist.»
Zehn Tage lebte Muruga mit Blut und Binde zwischen den Beinen. «Andere Männer waren die ersten Menschen auf dem Mond», sagt er. «Ich bin der erste
Mann auf der Welt, der eine Damenbinde getragen hat.» Muruga, der Menstruations-Mann. Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Vielleicht ist die
Geschichte, wie alles begann, ein Gründungsmythos. So oft erzählt, dass er selbst für seinen Erzähler zur Wahrheit geworden ist. Wie er das Material für die Binden entwickelt und die Geräte konstruiert hat, das lässt Muruga im Vagen. «Vier Jahre lang arbeitete ich an der Maschine», sagt er. Nachfragen
wehrt Muruga ab wie hartnäckige Moskitos. «Ist lange her. Wie soll man sich da noch haargenau erinnern?»

Der Inder Murunga ist in seiner Heimat als der «Binden-Mann» bekannt, denn er erfand eine Maschine, mit der einfach und preisgünstig Damenbinden
hergestellt werden können. Was für europäische Ohren unspektakulär klingt, ist in Indien gleich ein doppelter Tabubruch: Nicht nur wird in Indien über das Thema Menstruation auch unter Frauen nicht gesprochen, aber dass sich auch noch ein Mann damit beschäftigt, geht vielen konservativen Indern viel zu weit. Dabei ist es Murungas Erfindung, die Indiens Frauen endlich die Hygiene und den Komfort ermöglicht, der für westliche Frauen längst Standart ist.


Daniela Schröders Reportage «Ein Mann für die Tage» erschien erstmals in der Ausgabe #23 von Reportagen , dem Magazin für erzählte Gegenwart. Sechsmal
pro Jahr schreiben die Autorinnen und Autoren unerhörte, hervorragend erzählte und wahre Geschichten.


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