Marktplatz in Marokko
Marokkos Marktplätze sind voller Leben © Philipp Rohner

Ein Königreich für die Leinwand

von Hannes Hug

Die Kulisse einer Marokko-Reise ist grosses Kino. Der Zauber des Morgenlands offenbart sich in verschlungenen Tälern, in den Weiten der Wüste und auf den orientalischen Märkten mit ihren Schlangenbeschwörern und Geschichtenerzählern. Deshalb: Vorhang auf, Film ab!

Schafe hier, Berge von Bohnen und Zwiebeln da, Gewürzpyramiden türmen sich auf – eine einzige Farb- und Duftorgie. Ein junger Mann mit keckem Hut schiebt einen alten Kinderwa-gen vor sich her. Darin werden Büschel von Thymian und Pfefferminz spazieren gefahren und der potenziellen Kundschaft lautstark angepriesen. Wir sind unterwegs zum Tizi n’Tichka, dem höchsten Pass Marokkos auf 2‘260 Meter über Meer, und machen halt auf einem Wochenmarkt. Der Bazar mutet an wie aus Tausendundeiner Nacht. Traum und Realität verweben sich zu einem grossen Ganzen. Man fühlt sich wie in einem Film. Und wir bewegen uns von Szene zu Szene durch Marokko. Schnitt!

Nächste Szene: Der Markt liegt am Fuss des Atlasgebirges. In einem ausgemusterten Schulbus aus Deutschland blöken Schafe um die Wette. Ab und an wird eines aus der Menge gerissen und fachmännisch begutachtet. Wortreich, untermalt von grossen Gesten, und stets in grossen Gruppen handeln und feilschen die Männer. Frauen sind kaum zu sehen. Aimrane, 33, unser Guide, erklärt dem Fotografen und mir, dass die Männer einkaufen würden, weil die Schafe für die Frauen zu schwer und die Preisverhandlungen zu kompliziert seien. So dürfen sie sich wie Jäger und Sammler fühlen, die eigentlichen Befehlshaberinnen seien aber die Frauen. Nach aussen hin markieren die Männer den starken Max. Zu Hause stehen sie unter dem Kommando der Frau.

Allen Veränderungen zum Trotz: Die Grossfamilie bildet den Kern der Gesellschaft. Kinderreiche Familien sind die Regel. Jeder tut, was er oder sie am besten kann. Einer für alle. Alle für einen.

Nach und nach kommt allerdings Bewegung in die traditionellen Strukturen. Neue Modelle werden gelebt, was Widerstände nach sich zieht. Kurz: Wer alleine ist, hat zu kämpfen. Schnitt!

»Die Grossfamilie bildet den Kern der Gesellschaft. Kinderreiche Familien sind die Regel. Jeder tut, was er oder sie am besten kann. Einer für alle. Alle für einen.«

Filmreifer Berbertanz

Hinter der Bar steht Eric. Ein Franzose. Er trägt weisse Schuhe, ein pastellgelbes Poloshirt. Auf dem Kopf thront ein weisses Hütchen. Mit Witzen unterhält er die Gäste, die kein Französisch verstehen. Wir verbuchens als Lokalkolorit. Die Bar gehört zum Riad Ksar Ighnda in Aït-Ben-Haddou, das am Rand der Wüste bei Ouarzazate liegt. Das palastähnliche Hotel verströmt den Charme eines Märchenschlosses. Ein prächtiger Innenhof mit Palmen und plätscherndem Brunnen widerspiegelt den Zauber des Orients. Das Essen schmeckt vorzüglich, und das Personal ist von aufrichtiger Herzlichkeit. Ein Ort zum Verweilen, aber das Abenteuer ruft. Schnitt!

«Helele helele helele, helele», singen die Berberfrauen und klatschen dabei in die Hände. Sie tragen farbenfrohe Tracht. Gewandet in Pistache, Pink und Blau. Dazu bunte Kopftücher mit roten Fransen. Die Frauen wiegen sich im Rhythmus und tänzeln in kleinen Ausfallschritten seitwärts. Sie umkreisen die Musiker, die in der Mitte auf einer Dachterrasse sitzen.

Fünf Männer im fusslangen Kaftan, mit traditioneller Kopfbedeckung. Sie tragen knallgelbe Babouches, das traditionelle Schuhwerk aus Ziegenleder. Die Musiker schlagen die Darbuka, eine kleine Trom¬mel, Basstrommeln, die Bendir, und Schellenringe. Das Zusammenspiel der Männer und Frauen, verhackstückt durch den abrupten Windwechsel, entwickelt einen tranceähnlichen Sog.

Der Himmel ist von dramatischem Stahlgrau. Immer wieder reisst er auf, und die Sonne wärmt mich. Ich bin verzaubert. Die Szene ist filmreif und frei von bemühter Folklore, der man üblicherweise zur Bespassung von Touristen begegnet. Nach einer von Nebelschwaden und Wetterwechseln durchzogenen Passfahrt treffen wir bei der Mittagsrast in Telouet zufällig auf die musizierende und tanzende Berbertrup¬pe. Sie bietet einer Schar von Studenten aus Fès beste Unterhaltung. Zwar blicken die jungen Leute immer wieder auf ihr Smartphone, sind aber von der Darbietung unter freiem Himmel ebenso begeistert wie wir. Nach Musik und Tanz geht es zu Tisch. Gereicht wird eine köstliche Tajine, das traditionelle Kochgefäss aus Ton, mit Poulet, Pflaumen und Mandeln, begleitet von Couscous und Gemüse. Die Portionen sind reichlich, die Stimmung munter und aufgekratzt. Wir wähnen uns in einer Neuauflage des Klassikers «Lawrence von Arabien». Schnitt!

Ausschnitt aus der Marokko-Reportage, erschienen in der Schweizer Familie 44/2018.

Erleben Sie das facettenreiche Marokko!

Details zu den Leserreisen der Schweizer Familie mit Heiner Walther finden Sie hier.