Xi'an

Die Taxifahrerinnen von Xi‘an

von Michael Gleich

Tief in der Nacht roch es nach Fleisch. An einer Kreuzung nicht weit vom Osttor ballten sich Taxifahrerlokale. Vor den Türen standen Kohlegrills. Viel Sprit kam zum Einsatz, und überall schossen Flammen hoch. Grün war noch immer die Farbe der Taxis in Xi'an – wie vor sieben Jahren. Aber statt der Citroëns und VW Jettas von damals sah man jetzt Taxis der chinesischen Marke BYD (Build Your Dreams).
In den Lokalen sassen nur Männer. Ich ging in eines, das mir vertraut war. Ein Junge servierte Fleischspiesse. Wie üblich lief der Fernseher mit voller Lautstärke. Am grössten Tisch prosteten die Männer jemandem zu. «Er ist der Älteste Taxifahrer in Xi'an!», sagte einer aus der Runde. Der Älteste Taxifahrer von Xi'an hatte sehr müde Augen, aber er wirkte jung. «Was wollen Sie wissen?», fragte er mich.
Ich suchte Liebe Chrysantheme, Standhafte Winterkirsche und Rote Verteidigung. So heissen drei Taxifahrerinnen, die ich bei meinem früheren Besuch in Xi'an getroffen hatte. Sie kannten sich nicht, aber es verband sie Ihre Erwartungen an das Taxi: Es sollte sie aus der alten Zeit in die neue Zeit befördern, dorthin, wo das Individuum etwas zählte. Ihnen selbst kam es oft genug wie ein vergeblicher Marsch vor. Sie waren drei Frauen, die auch drei Jahrzehnte nach Maos Tod permanenter Willkür ausgeliefert waren. Jetzt wollte ich wissen, was aus ihnen geworden war, aber ihre Telefonnummern und Adressen hatten sich geändert, und so nannte ich dem Ältesten Taxifahrer von Xi'an ihre Familiennamen Wang, Duan und Yu.
«Können Sie mich führen?», fragte ich. «Ein Wiedersehen mit Frau Yu vermitteln und mir bei der Suche nach Frau Wang und Frau Duan helfen?» «Wie ein Detektiv?», fragte er zurück und bot mir an, mich nach Hause zu fahren. Nach einigen Minuten Fahrt war ich mir sicher, dass er die falsche Richtung nahm. Schliesslich nannte ich ihm noch einmal mein Hotel. Es war ganz neu. «Ja, ja!», sagte er. «Auch für mich ist die ständige Veränderung zum Verrücktwerden!» Nach sieben Jahren erkannte ich die Hauptstadt der Provinz Shaanxi kaum wieder. Die Stadt namens «Westlicher Friede» kam mir vor wie ein wuchernder Hochhaus- Slum. 2005 lebten in der Grossregion Xi'an acht Millionen Menschen. «Jetzt sind wir zwei Millionen mehr!», sagte mein Fahrer. «Nicht eingerechnet die Millionen unregistrierter Wanderarbeiter. »
Am späten Nachmittag des folgenden Tages fuhr er mich zu Yu, die in einem zwanzig Jahre alten Block aus der Zeit vor dem Hochhausboom lebt. Verwahrlosung und Verfall waren offensichtlich. Yu trug

ihr Haar jetzt kurz. Sie wirkte erschöpft. «Ich will nicht in ein paar Jahren links älter aussehen als rechts!», hatte sie vor sieben Jahren gesagt. Sie setzte Reis für das Abendessen auf und begann, Gemüse zu hacken. «Das Gemüse habe ich heute extra im Supermarkt gekauft!», sagte sie. «Ich will Sie ja nicht vergiften!» Man hörte fast täglich Meldungen von giftigen Rückständen in Lebensmitteln. Supermarktgemüse war sicherer, aber auch erheblich teurer als beim Kleinhändler an der Ecke.
Ich bat sie, mir von der Zeit zu berichten, seitdem wir uns zuletzt gesehen hatten. Das Taxi, das sie zu jener Zeit fuhr, war fünf Jahre alt. Es gehörte Yus Schwiegermutter. «Die Regierung hat die VW Jettas verboten. Auch die Citroëns.» Auf einmal waren nur noch BYD Taxis erlaubt. Meine Schwiegermutter hat dann zu mir gesagt: ‹Ich kaufe das neue Taxi, du fährst es und zahlst es ab. Wenn der BYD bezahlt ist, gehört er dir.› – Ich habe mir sozusagen von meiner Schwiegermutter Geld geliehen. Zu sechs Prozent Zinsen. Aber dann, nach sechs Jahren, sagte meine Schwiegermutter plötzlich: ‹Du bekommst das Auto nie!›» Yu musste den Schlag hinnehmen.
Sie hatte ihr Ziel – ein eigenes Taxi zu besitzen – aufgegeben. «Seit Kurzem bekommen nur noch grosse Taxiunternehmen neue Lizenzen. Diese bezahlen zu wenig Lohn», sagte Yu. «Ein Wanderarbeiter kann davon vielleicht überleben. Wir nicht. Wir müssen uns etwas einfallen lassen.» Sie drehte sich weg und schwieg.
Eines Morgens meldete der Älteste Taxifahrer einen Teilerfolg und ich konnte Frau Wang treffen. Die Fünfundfünfzigjährige ist die Älteste der drei Taxifahrerinnen. Sogar im Morgenlicht sah ihr Gesicht noch straff aus. In meiner Erinnerung war sie eine Frau, die ununterbrochen redete, manchmal schreiend und wild gestikulierend, gleichgültig, ob sie gerade fuhr oder stillstand. Ihre ständige Unruhe, die ich als sehr ansteckend in Erinnerung hatte, war grosser Selbstsicherheit gewichen. Damals liess sich ihr Mann, der Musterarbeiter und Parteisoldat, fast gar nicht mehr zu Hause blicken. Sie marschierte in seine Fabrik und stellt ihn vor die Wahl:«Willst du die Familie oder die Revolution?»
«Die Revolution!»
Wang lässt sich scheiden, macht den Führerschein, pumpt Freunde und Verwandte an und kauft ein Taxi. Sie tut, was Maos Nachfolger von ihr erwarten: als Individuen zu handeln. Doch ausgerechnet zu der Zeit, als sie Schulden für ihr erstes Auto macht und Kleinunternehmerin wird, führen die

Funktionäre ein neues System ein: Jeder Taxibesitzer und jeder Taxifahrer muss Mitglied einer Brigade werden und hohe Gebühren zahlen. «Und damit nicht genug!», sagte Frau Wang. «Sie kaufen einen Wagen. Einen Alto. Und dazu eine Zehn-Jahres-Lizenz. Vier Jahre später ist der Alto abbezahlt. Nun kann er Gewinn einfahren, aber in dem Moment sagt die Regierung: ‹Ab sofort sind nur noch Citroëns erlaubt!› Ich muss wieder Schulden machen. Nach ein paar Jahren laufen Citroën aus und BYD wird Vorschrift.» Frau Wang erhob sich. «Ein Wort von denen, und alles ist weg, wofür du geschuftet hast. Protest wird ganz schnell totgemacht.»
Schliesslich fand der Älteste Taxifahrer auch Frau Duan. Ich hatte sie als sehr schüchtern in Erinnerung. Sie sagte immer, sie fühle sich minderwertig, weil sie stottere. «Das Stottern hat nach der Scheidung meiner Eltern angefangen.» Sie war es nicht losgeworden, aber neuerdings schämte sie sich nicht mehr dafür. «Gott will nicht, dass der Mensch perfekt ist.»
Auf einmal hupte es mehrere Male laut. «Da ist ja mein Mann!» Duan zeigte auf einen mittelgrossen, grünen Reisebus. Er war leer, abgesehen von Duans Mann am Steuer. Als Duan und ich zustiegen, sagte er zu mir: «Das ist ein Goldener Drache mit 33 Sitzen.» «Wir haben nächste Woche Hochzeitstag!», sagte Duans Mann gutgelaunt und lächelte sie an. Sie nickte, ohne sein Lächeln zu erwidern. «Ich habe am selben Tag Prüfung für den Busführerschein », sagte sie. «Dann kaufe ich den zweiten Bus. Der ist grösser. Er hat 39 Sitze. Ich will die

„Gott will nicht, dass der Mensch perfekt ist.“

erste Frau in Xi'an sein, die einen Reisebus mit 39 Sitzen fährt. Die erste!» Ihre Mimik drückte keine besondere Vorfreude aus.
«Kennen Sie Glückssohn von Lao She?», fragte mich der Älteste Taxifahrer von Xi'an. – «Glückssohn ist Rikscha-Kuli. Er zieht eine Leih-Rikscha und bringt es eines Tages zu einer eigenen Rikscha.» – «Was lesen Sie am liebsten?», fragte ich. – «Sie werden lachen! Ich lese wieder das Kommunistische Manifest. Allerdings nur den ersten Teil. Nicht den Zweiten!»

Der Buchautor und Journalist Michael Gleich traf, als er für sein China-Buch («Drache auf tönernen Füssen») recherchierte, drei Taxifahrerinnen. Ihn beeindruckte damals ihre Offenheit und die Wut, die sie gegenüber Autoritäten und Behörden hegten. Sieben Jahre später geht er nochmals nach Xi'an, die Hauptstadt der chinesischen Provinz Shaanxi, die durch die nahe gelegene Terracotta-Armee des Kaisers Qin Shihuangdi auch bei uns bekannt ist, und sucht die drei Frauen, um herauszufinden, was sich für sie verändert hat. Wie haben sie den Sprung vom Mao-Kommunismus zum chinesischen Kapitalismus erlebt?

Diese Reportage, die hier stark gekürzt abgedruckt ist, erschien in der Nummer 9 von REPORTAGEN, dem 2011 gegründeten Magazin mit unerhörten, hervorragend erzählten und wahren Geschichten von dieser Welt. Sechsmal pro Jahr schreiben die Autorinnen und Autoren von REPORTAGEN, was sie auf ihren Recherche-Reisen herausfinden, entdecken und erleben – immer der journalistischen Wahrheit verpflichtet, immer ganz nahe dran und mit hoher erzählerischer Qualität. REPORTAGEN gibt es als Jahres-Abonnement oder einzeln unter www.reportagen.com; sowie an grösseren Kiosken und ausgewählten Buchhandlungen.