© Metropolitan Transportation Authority of the State of New York

Die Brückenbauer

von Gay Talese

Sie fahren mit dicken Autos in die Stadt, schlafen in möblierten Zimmern. Sie bestellen Bier zum Whiskey, und sie stellen Frauen nach, die sie bald wieder vergessen haben. Sie bleiben immer nur kurze Zeit an einem Ort, gerade so lange, bis sie die Brücke gebaut haben, dann geht es weiter in die nächste Stadt, zur nächsten Brücke, wo sie wieder alles Mögliche zusammenfügen – ausser ihr eigenes Leben. Im Gegensatz zu ihren Brücken sind sie nicht fest im Boden verankert. Sie sind eine Mischung aus Zirkusartisten und Nomaden – leichtfüssig in der Höhe, doch am Boden ruhelos; beinahe so, als hätten sie auf der schier endlosen Strasse unter ihnen einfach nicht so viel Bodenhaftung und Gleichgewicht wie auf einem zwanzig Zentimeter breiten Stahlträger, der 300 Meter über dem Meer in der Luft zu schweben scheint.

Wenn es keine Brücken zu bauen gibt, arbeiten sie auf Wolkenkratzern, Highways und Staudämmen oder irgendetwas anderem, wo der ganze Mann gefordert ist und Überstundenzuschläge winken. Kein Ort, der nicht infrage käme für sie, und wenn sie dafür 1000 Meilen in vierundzwanzig Stunden fahren müssen – auch gut. Hauptsache, sie sind rechtzeitig da, wenn irgendwo ein neuer Bauboom ausbricht. Boom-Städte üben eine magische  Anziehungskraft auf sie aus, deswegen nennt man sie auch Boomer.

Boomer sind meist gross, und immer kräftig. Ihre Gesichter und Hände sind gerötet von Sonne und Wind. Manche von ihnen, deren Aufgabe es ist, Nieten und Bolzen zu erhitzen, haben eine Haut, die aussieht wie angekokelt. Einige ihrer Kollegen, die die Bolzen in den Stahl treiben, sind schwerhörig, und diejenigen, die die glühenden Bolzen in kleinen Metalltrichtern auffangen, haben Blasen und Brandnarben am ganzen Körper als Erinnerung an die Male, wo sie daneben gegriffen haben. Manche von den Schweissern haben auch nachts im Schlaf noch leuchtende Blitze vor Augen. Die Schienbeine derjenigen, die die Stahlträger zusammenfügen, sind zerfurcht von tiefen Narben, die sie sich zugezogen haben, wenn sie an Pfeilern und Masten entlangrobben. Alle haben dem Tod schon mal ins Auge geblickt.

Sie üben eine gewisse Anziehungskraft auf Frauen mit lockeren Moralvorstellungen aus, die sich wiederum zu ihnen hingezogen fühlen, weil sie Geld haben und ihre Ehefrauen, wenn sie welche haben, weit weg sind.

Von der Zuneigung jener Damen zeugte ein schwimmendes Bordell unter einer der Brücken in St. Louis oder die Tatsache, dass im Rotlichtbezirk von Paducah umgedrehte Bauhelme als Blumentöpfe dienten.

Das Kind eines solchen Boomers wird aller Wahrscheinlichkeit nach in vierzig Bundesstaaten gelebt und ein Dutzend Highschools besucht haben, und obwohl der Vater Stein und Bein schwört, dass er auf gar keinen Fall einen  Boomer zum Sohn will, tritt gewöhnlich haargenau das ein. Es passiert – vermutlich weil er es im Grunde seines Herzens eben doch wollte, und das ist auch der Grund dafür, warum Boomer an den Wochenenden zu Hause so grosse Töne spucken und mit whiskeygeschwängerten Worten eine wunderbare Welt heraufbeschwören, der kein Sohn widerstehen kann, weil diese Welt erfüllt scheint von allem, was er sich wünscht: Abenteuer, dicke Autos, jede Menge Geld – manchmal 350 bis 450 Dollar pro Woche –, die Aussicht auf lange Pokerpartien an Regentagen, wenn die Brücke zu rutschig ist, die Aussicht darauf, unterwegs zu sein zusammen mit Indianern, die sich in grosser Höhe so behende bewegen wie Spinnen, und mit rastlosen Rebellen aus dem Süden, die der Armut ihrer Dörfer zu entkommen versuchen, indem sie Bolzen und Nieten in die Brücken des Landes treiben.

Und alle schaffen sie etwas Grosses, Dauerhaftes, um dann zu sagen: «Siehst du die Brücke da drüben, mein Junge – in das gottverdammte Ding hab ich, als ich noch jünger war, zwölfhundert Nieten an einem Tag reingejagt.»

»Manche von den Schweissern haben auch nachts im Schlaf noch leuchtende Blitze vor Augen.«

Sie erzählen ihren Söhnen nur von den schönen Seiten, über die schlechten gehen sie hinweg; selten nur sprechen sie davon, wie Männer in grosser Höhe manchmal vor Angst erstarren und sich mit geschlossenen Augen an Stahlträgern festklammern oder dass sie nach dem Abstieg drei Drinks brauchen, um das Nervenflattern zu vertreiben; nein, sie schwärmen von Glanz und Gloria; sie erinnern sich daran, wie sie mithalfen, die Golden Gate Bridge hochzuziehen oder das Empire State Building und wie ihre Väter 1902 auf der  Williamsburg Bridge arbeiteten, als die Stahlträger noch von pferdebetriebenen Schwerlastkränen in die Höhe gezogen wurden.

Ihre Schilderungen klingen so, als würde in ihrer Welt der Wilde Westen weiterleben, denn die Boomer sehen sich in der Tradition der Pioniere. Und wenn sie dann in der Stadt eintreffen, wo gerade der Bauboom ausgebrochen
ist, feiern sie kurz ihr Wiedersehen in Bars und reden über alte Zeiten und alte Gesichter: über Al Deal beispielsweise, den Indianer, der im Westen gleich drei Frauen hatte und jeden Morgen mit einem eleganten Seidenhemd auf der Baustelle erschien. Dann gab es noch Nutley Kid, der lange italienische Zigarren rauchte, Kautabak kaute, sich in der Klospülung die Hände wusch und zum Lunch Bier und Milch trank – ohne den Kautabak aus dem Mund zu nehmen. Oder Whitey Howard, der nur ein Bein hatte und eines Tages auf einer Eisenbahnbrücke den Zug nicht kommen hörte, so dass er in letzter Sekunde von den Gleisen springen und sich am Rand festhalten musste, wobei sein Holzbein abfiel, was Whitey für den Rest seines Lebens nutzte, sich damit zu rühmen, wie er sein linkes Bein zwei Mal verloren hatte.

Manchmal reihen sich solche Erzählungen endlos aneinander, sie sitzen da und trinken und erinnern sich an undramatische Begebenheiten und Dinge, in denen Leute eine Rolle spielen, die ausser den Boomern niemand kennt – Leute, die der Rest der Menschheit allenfalls aus grosser Entfernung zu sehen bekommt. Und dann fangen sie ein Kartenspiel an, und es ist nur das erste von hunderten, die in dieser Boom-Stadt gespielt werden, während die Brücke gebaut wird. Eine Brücke, die die meisten Boomer niemals überqueren werden, denn noch bevor die Brücke fertiggestellt ist, etwa sechs Monate bevor sie für den Verkehr geöffnet wird, fängt es manche von ihnen schon wieder an zu jucken, und sie müssen weiterziehen. Die Herausforderung verschwindet. Und die Überstunden werden auch immer weniger. Und sie beginnen sich zu fragen: «Wohin als Nächstes?» Und genau diese Frage stellten sie sich zu Frühlingsbeginn 1957, doch einige Boomer hatten schon die Antwort: New York.

Ende fünfziger und Anfang der sechziger Jahre fand in New York ein Bauboom statt, in dem nicht nur die bis heute das Stadtbild prägenden Hochhäuser, sondern vor allem auch die spektakulären Brücken gebaut wurden. Die sogenannten Boomer – dem jeweils nächsten Job hinterherziehende Arbeiter – waren es, die in schwindelerregender Höhe Nieten in die Stahlträger schlugen. Der Journalist Gay Talese schuf den unbekannten Akrobaten 1964 ein Denkmal, das sich noch heute liest wie ein Roman.

 

Der hier vorliegende Text ist stark gekürzt und macht sicher Lust auf mehr: Die vollständige Reportage, «Boomer 1964», erschien in der Ausgabe #18 von REPORTAGEN, dem Magazin für erzählte Gegenwart. Journalistisch fundiert, erzählerisch mitreissend und immer wieder überraschend ermöglicht REPORTAGEN sechs Mal pro Jahr Begegnungen mit faszinierenden Menschen und Orten.

 

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