Marrakesch in Marokko

Die arabische Welt verstehen – zweiter Teil

von Erich Gysling

Welche Rolle spielt der «Islamischen Staat» angesichts schwacher Nationalstaaten in der Region? Was hat ihre Zukunft mit Geld, Erdöl, Demografie und Bildungsstatistiken zu tun?

 

In "Die arabische Welt verstehen - erster Teil" haben wir gesehen: Demokratie und Islam wären schon miteinander vereinbar, aber die langen, von verschiedenen Mächten mituntermauerten Gewaltherrschaften erschweren in diversen Ländern eine Rechtsstaatlichkeit stark. Kommt hinzu, dass der Gegensatz zwischen Schiiten und Sunniten durch den geostrategischen Machtkampf zwischen Iran und Saudiarabien geschürt wird.


Eindimensionale IS-Religiosität
Aus der Perspektive der Aktivisten des so genannten (sunnitischen) Islamischen Staats (IS) allerdings sieht Manches anders aus: Da gibt es tatsächlich eine auf der Religions-Interpretation beruhende grundlegende Differenz. Wer – wie die Schiiten und Anhänger von mystisch orientierten Volks-Konfessionen – Heilige verehrt, wer bildliche Darstellungen akzeptiert, wer Pilgerfahrten nicht nur zum abstrakten Kaaba-Heiligtum in Mekka praktiziert, ist in ihren Augen ein Ketzer. Daher die barbarische Zerstörungswut gegen die Gräber von volkstümlich verehrten Mystikern, daher die blindwütige Vernichtung von antiken Statuen (als ob noch jemand die Kunstwerke aus der assyrischen Kultur anbeten würde!). Nur: die religiöse Interpretation von seiten des selbst ernannten Kalifen al-Baghdadi, des Chefs des so genannten Islamischen Staats, ist sowohl amateurhaft als auch sektiererisch: Sie zerrt, willkürlich, einzelne Sätze aus der Tradition heraus und verleugnet die Vielschichtigkeit der Überlieferung aus der koranischen Zeit und die ganze islamische Gelehrten-Arbeit der nachfolgenden 14 Jahrhunderte. Aber eben: Weil sie so eindimensional ist, verfehlt sie ihre Wirkung bei Vielen nicht. Das wäre im Christentum vergleichbar mit einer wörtlichen Umsetzung von einzelnen Sätzen im Alten Testament, wo wieder und wieder von der Notwendigkeit die Rede ist, die Feinde mit Gewalt zu überwinden. 

 

Gefolgschaft mit Jobsversprechungen
Das Phänomen des «Islamischen Staats» ist jedoch nicht einfach mit Religion zu erklären – der Erfolg dieser Terrorgruppe hängt eng mit der Zeitgeschichte zusammen. Schlagkräftig wurde al-Baghdadi mit seiner Sektierergruppe ja nur dadurch, dass er eine wenig religiös orientierte Gefolgschaft in Irak, dann auch in Syrien, gewinnen konnte. Wie? Durch materielle Offerten zugunsten jener in Irak, die nach dem Einmarsch der US-Amerikaner (2003) Amt, Würde und Einkommen verloren, konkret bei den ehemaligen Gefolgsleuten von Saddam Hussein. Aber wer gehörte zu ihnen? Alle, die der Baath-Partei beigetreten waren, dekretierten die US-Amerikaner. Das waren – religiös betrachtet – Sunniten. Aber die religiöse Zugehörigkeit war generell wenig bedeutend, und ideologisch hatten die meisten von ihnen mit dem Diktator wenig am Hut. Man musste Baath-Mitglied sein, um einen auch nur halbwegs guten Job zu erhalten: Beamter bei der Post, in der Administration, in einer vom Staat kontrollierten Bank, in einer Schule, beim Militär etc. Also waren hunderttausende dieser (angeblich sozialistisch orientierten) Partei beigetreten, und alle verloren sie ihre Anstellung, nachdem die US-Militärs die Machtstruktur Saddam Husseins besiegt hatten.
Nun muss man sich vorstellen: Hunderttausende Männer waren seit 2003 arbeitslos, gingen (um es salopp auszudrücken) zuhause den Ehefrauen auf die Nerven, hatten kaum Geld für einen Kaffee – und endlich, 2013/2014 kam da Irgendjemand, der bot ihnen pro Monat 400 Dollar und einen Job an. Wahrscheinlich war es Vielen relativ egal, wer ihnen dieses Angebot machte – Hauptsache, sie bekamen wieder eine Chance. So gelangten sie ins Netzwerk des «Islamischen Staats», so verbreitete al-Baghdadi seine Basis. Und so kam es, dass Leute, die (auch) militärische Erfahrung hatten, diesem «Islamischen Staat» zu gewaltiger Schlagkraft verhalfen. 
Jetzt kontrolliert der «Islamische Staat» mindestens zwölf Millionen Menschen in Irak und in Syrien. Und breitet sich in Libyen, in Regionen Nordafrikas und wohl auch im Jemen aus. Einzelne Niederlagen verkraftet der IS – ist man in einer Stadt, einer Kleinregion besiegt, zieht man sich in die Anonymität des Privatlebens zurück, verwandelt sich vom Krieger in einen Geschäftsmann. Um dann wieder das «Hemd» zu wechseln, wenn die Chancen zur Rückeroberung von verlorenen Territorien gut sind.

 

 

Hunderttausende waren seit 10 Jahren arbeitslos – dann bot ihnen Irgendjemand pro Monat 400 Dollar: der «Islamische Staat».

Staatsstrukturen und Geld
Gibt es einen gemeinsamen Nenner für die Erfolge des IS? Ja, überall dort, wo die Strukturen der (von Europäern begründeten) Nationalstaaten schwach sind, wo Chaos herrscht, überall dort hat dieser «Islamische Staat» Chancen. Weil, wie schon erwähnt, die BürgerInnen keine Loyalität mehr gegenüber den eigenen staatlichen Strukturen haben. Der Staat wird vielerorts nur noch als Unterdrücker wahr genommen: «Er liefert nichts, keine soziale Sicherheit, keine Gesundheitsdienste etc. – aber er will immer etwas, nämlich Geld in Form von Korruptions-Abgaben. Und er steckt die Menschen nach Belieben in die Gefängnisse.» Eigentlich muss man sich nicht wundern, dass da unzählbar Viele sich irgendeiner Organisation zuwenden, die ihnen wenigstens irgendetwas verspricht: Im Ägypten unter Mubarak (dessen Staatsapparat gegenüber dem einfachen Volk auch nur als Ausbeuter auftrat) den Muslimbrüdern, jetzt in Teilen Iraks und Syriens dem «Islamischen Staat».
Gibt es Länder, die gegenüber diesem Virus immun sind? Ja, die strukturell noch immer gut organisierten Staaten auf der Arabischen Halbinsel, auch Staaten wie Jordanien, Algerien, Marokko. Einige von ihnen lösen ihre Probleme mit Geld: Gibt es Demonstrationen von Frustrierten in Saudiarabien, antwortet das Regime mit einer Mischung von Repression und Vergünstigungen, also neuen Jobs, Subventionen für Wohnungen etc. Andere reagieren mit dem Versprechen von sanften politischen Reformen, wieder andere mit einer Mischung aus Beidem. Dann gibt’s noch Qatar, winzig klein, aber eine Weltmacht dank des Erdgas-Reichtums. Das Emirat muss keine internen Probleme lösen – die ca. 280 000 Qatari werden mit allem Lebensnotwendigen und Vielem mehr versorgt. Aber die Herrscher engagieren sich in den Konflikten der Region auf verschlungene Weise: Geld auch für radikal-islamische Milizen, wahrscheinlich sogar für an-Nusra und al-Qaida, eher nicht (aber auch da ist man sich nicht ganz sicher) für den IS.
Macht das ganze Geflecht irgendwie Sinn? Aus lokaler Perspektive vielleicht Ja. Das Regime Qatars vertritt wahrscheinlich die Ansicht, dass in der arabischen Region nur Regime mit solider Verankerung in der Religion Stabilität garantieren können. Die Saudis, selbst ja in ihrem strikten Wahhabismus gefangen, sehen das theoretisch ähnlich, möchten aber all jene Kräfte, die der Muslimbruderschaft nahe stehen, von der Macht fernhalten. Daher favorisieren sie am liebsten Autokraten wie in Ägypten as-Sissi. Iran und Schiiten gegenüber sind sie spinnefeind – äusserlich aus religiös-ideologischen Gründen, in Wahrheit wohl eher aufgrund machtpolitischer Überlegungen.


Bildung und Beschäftigung statt Radikalität
All das funktioniert noch, so lange die Gelder aus der Förderung von Erdöl und Erdgas in ausreichender Menge fliessen. Das heisst wohl: noch für vielleicht zehn oder fünfzehn Jahre, mehr wahrscheinlich nicht. Doch Prognosen für diese Region sind wohl immer fraglich. Niemand, auch nicht die besten Kenner, sagten den «Arabischen Frühling» voraus. Wenige auch nur das Scheitern der Visionen.
Wahrscheinlich bieten Demografie und Bildungsstatistiken die relativ besten Indikatoren für das Lesen im Kaffeesatz der (nächsten) Zukunft: Die Bevölkerungsexplosion in der arabischen Welt findet nicht statt. Demografisch gleicht sich die Region der unsrigen an (in Tunesien bringt eine Frau ziemlich genau so viele Kinder zur Welt, wie eine Französin; in Ägypten heiraten Frauen erst im Alter von 24 bis 26, in Iran (ist allerdings kein arabisches Land) erst zwischen 27 und 29. Eine Ausnahme ist Jemen: da werden die Mädchen noch mit ca. 13 verheiratet.
Das Bildungsniveau steigt kontinuierlich, allerdings sehr unterschiedlich. Marokko ist, erstaunlicherweise, viel schlechter als beispielsweise Libyen. Die alten autoritären Strukturen in den arabischen Gesellschaften verflachen allmählich. Die Arbeitslosigkeit, besonders bei der jungen Generation, wird für lange Zeit hoch bleiben – erst dann, wenn die sich abflachende demografische Entwicklung und die Bildungssituation einen neuen Schnittpunkt erreicht haben, kann sie sinken. Die Bindung an die Religion wird hoch bleiben – Islam gilt weiterhin der Mehrheit in allen Ländern der Region als Werte-Sicherheitsanker. Was man derzeit nicht abschätzen kann ist, wie viele Menschen sich mittel- oder längerfristig einer Radikal-Interpretation des Islams anschliessen werden. Je besser die Bildung, desto geringer wird diese Tendenz sein.
Also doch noch Hoffnung auf eine Beruhigung, eine Stabilisierung? Kurz- und mittelfristig nicht – langfristig vielleicht Ja.

Bilanz in Stichworten von Land zu Land

 

Marokko erscheint relativ stabil. Die Monarchie versprach, als Reaktion auf Demonstrationen im Jahr 2011, Reformen. Die sind mehrheitlich zwar auf der Strecke geblieben, aber die Menschen begnügen sich damit. Besser der Ist-Zustand als neue Ungewissheiten.

 

Algerien: Traumatisiert vom früheren Bürgerkrieg mit hunderttausenden Toten, votierte 2014 eine Mehrheit für den Fortbestand des Bouteflika-Regimes. Labil bleibt Algerien wegen der nicht kontrollierbaren Grenzen vor allem zu Libyen.

 

Israel, Palästinenser: Israel handelt nach der Devise «Augen zu und durch». Dass sich bei den Palästinensern, besonders jenen im Gazastreifen, immer noch mehr Frustration herausbildet, wird nach Möglichkeit verleugnet. Israels Führung handelt nach dem Prinzip, die Palästinenser zu «vergrämen»: Irgendwann werden die Frustrierten vielleicht emigrieren, glaubt man offenbar (oder tut so, als würde man das glauben). Die Zweistaatenlösung – also ein palästinensischer Staat an der Seite Israels – gilt als unmöglich. Solange Israel die finanzielle und politische Unterstützung der USA hat (und, trotz allem, immer noch viel Solidarität der Europäer), wird sich nichts ändern. Oder doch? Ja, Israel wird die Besiedlung des Westjordanlands weiter vorantreiben. Und im Gazastreifen braut sich, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, so viel Not und Empörung zusammen, dass der Ausbruch des nächsten Konflikts nur eine Frage der Zeit sein kann.

 

Libanon wird wohl als «Scheinstaat» Bestand haben. Es gibt so viele ausländische (finanzielle) Interessen, dass ein Verschwinden Libanons verhindert wird. Schwer belastet wird die Situation Libanons durch den Krieg in Syrien, aber auch durch die Nähe zu Israel.

 

Jordanien ist noch halbwegs stabil. Die Sicherheitsdienste der Monarchie sind wachsam gegenüber islamistischen Extremisten, nehmen (oft vielleicht auch etwas willkürlich) Verhaftungen von Verdächtigen vor. Die Flüchtlinge aus Syrien belasten das Land; aber viele Syrer haben sich anderseits erstaunlich gut in die jordanischen Strukturen integrieren können.


Kuwait: Relativer Hoffnungsträger mit halbwegs demokratischen Gepflogenheiten. Aber wirtschaftlich auf dem Weg der Abflachung.

 

Iran: Kein arabischer Staat, aber wichtig für vieles, was in der Region geschieht. Der Rivale Saudiarabiens (so sehen es zumindest die Monarchen in Riad), und eine potentielle Regionalmacht mit einer robusten Wirtschaft (die selbst jahrzehntelange Sanktionen durchstehen konnte). Land mit hervorragend gebildeter Bevölkerung von mehr als 80 Millionen. Ist Iran der Störefried in der Region? Das behauptet die israelische Regierung, das behauptet auch Saudiarabien. Doch Iran braucht man auch als Stabilisator in der Nachbarschaft Afghanistans. Und ohne Irans Mitwirkung kann weder in Syrien noch in Irak irgend ein Fortschritt erreicht werden. Im Innern ist Iran recht stabil – es gibt keine Opposition (mehr), die einen grundlegenden Wandel einfordern würde.

 

Türkei: Für die nah- und mittelöstliche Region wesentlich als Wirtschaftspartner – als politischer Mittler (diese Rolle schien das Erdogan-Regime vor wenigen Jahren noch zu haben) hat die Türkei ausgespielt. Labil ist die Situation in Grenznähe zu Syrien und in Teilen der Kurdengebiete.


Und was wollen ferne Grossmächte?


Die USA in erster Linie Sicherheit für Israel, in zweiter Stabilität in Ägypten, in dritter eine Garantie der fortgesetzten Belieferung mit Erdgas und Erdöl aus der Golfregion. Dies trotz des eigenen Aufstiegs als Erdölmacht dank Fracking-Technologie. Die USA wollen ausserdem die Normalisierung mit Iran als dem potientiell interessantesten Wirtschaftspartner in Mittelost. Und die Verhinderung einer Atomwaffen-Macht Iran. Und Eindämmung der islamistischen Extremisten. Nur: Ergibt das gesamthaft eine kohärente Strategie? Kaum.


Europa, die EU: Alles, nur nicht noch mehr Flüchtlinge! Abgesehen von diesem (leider nicht realistischen) Wunsch gibt’s keine klare Linie.

 

Russland: Arabische Regime, die sich etabliert haben, sollen an der Macht bleiben – so könnte man die russische Mittelost-Politik kurz fassen. Und Regime, die gegen islamistische Extremisten vorgehen, sollen gefördert werden, lautet der zweite Grundsatz. Und der dritte: Handel mit möglichst allen, politische Differenzen hin oder her. Da ist, aus russischer Perspektive, Iran etwa ebenso interessant wie Israel.


Und China? Da spielt Ideologie nicht die geringste Rolle – das einzig Wesentliche ist die Wirtschaft. 

ERICH GYSLING begründete, zusammen mit Ruedi Bless, "Background Tours" im Jahr 1996. Er ist als Journalist spezialisiert auf die Regionen Mittelost und Afrika. Er studierte Kulturgeschichte und später Arabisch, lernte Farsi (Persisch) und kommuniziert auch in Russisch und Kisuaheli.

 

Erich Gysling, geboren 1936, besuchte die Schulen in Zürich und studierte in Wien. Nach Volontariaten in Düsseldorf und Berlin kam er 1961 zur "Tagesschau" des Schweizer Fernsehens. 1968 wurde er Mitbegründer der Sendung "Rundschau". Von 1972 bis 1982 Chef des Ausland-Ressorts der Wochenzeitung "Weltwoche", ab 1982 wieder beim Fernsehen und zwischen 1985 und 1990 Chefredaktor. Dann wollte er sich wieder an die "journalistische Front" begeben: Wieder bei der "Rundschau", dann Sonderkorrespondent und weiterhin Herausgeber und Chefredaktor des jährlich in sechs Sprachen erscheinenden Buchs "Weltrundschau" und Kommentator für TV, Radio und Zeitungen vor allem über den Nahen und den Mittleren Osten. Referent in Hochschulen, Autor von mehreren Büchern (u.a. "Krisenherd Nahost", Verlag Neue Zürcher Zeitung). Erich Gysling begleitet für "Background Tours" vor allem Reisen nach Iran, in die arabische Welt und ins östliche und südliche Afrika.