Teepause im Iran

Der westlich-östliche Orientalismus: Ein Weg zum Ruhm für iranische Schriftsteller

von Urs Gösken

Iranische Gegenwartsliteratur kann Weltrang beanspruchen. Warum wir im deutschen Sprachraum davon kaum etwas mitbekommen...
Zuerst materielle Gründe: Übersetzer persischer Literatur brauchen zum Überleben einen Zweiterwerb oder Sozialhilfe. Die üblichen Bedingungen der Verlage ziehen selten die besten Übersetzer an, und diese können nur Mittelmässiges bewältigen. Das scheint Verlage nicht zu verdriessen (mittelmässige Verfasser sowieso nicht). Stört es das Publikum? Aus Sicht gewisser Verlage offenbar nicht genug, als dass sie es schlecht fürs Geschäft fänden, diesem auch bestenfalls durchschnittliche Autoren als massgebliche Stimmen von Literatur und Moderne in Iran anzupreisen. Für den Erfolg sorgt die im Westen herrschende Wahrnehmung des Iran als eines ebenso aufklärungsbedürftigen wie aufklärungsunfähigen Kollektivs. So können auch peinliche literarische Schwächen unter „Die sind halt noch nicht so weit“ abgebucht werden.
Kaum sonst würde im Westen etwa der Satz „Da kam mir vorne die Hose hoch“ für die Beschreibung der Reaktion eines Mannes auf den Anblick einer Frau als mutige Provokation im Zeichen sexueller Aufklärung veröffentlicht. Für IranerInnen bestünde die einzige Provokation dieses Satzes in dessen Unterstellung, sie bräuchten für ihre sexuelle Aufklärung solche Aussagen.
Die Iraner wissen, welche Bilder der Westen auf sie projiziert. So wissen iranische Literaten erst recht, welche Klischees sie bedienen müssen, um zu mutigen Streitern wider die iranische Zensur aufgebaut zu werden. Dabei können sie eigentlich froh sein, dass es im Iran Zensur gibt. Sie erspart ihnen die Erkenntnis, dass das Urteil der Iraner über Werke im Zeichen de  west-östlichen Orientalismus zwar ohne strafrechtliche Folgen, aber nicht weniger vernichtend wäre. So wird der deutschsprachige Leser nicht selten Zeuge des Wunders, dass Verlage in einem freien Land Machwerke mit literarischem Anspruch von einem Niveau ausstossen, das selbst im Iran mit seinem Zensurdruck schwer zu unterbieten wäre.

»Die Iraner wissen, welche Bilder der Westen auf sie projiziert.«

Manche Verlage können es zudem mit ihrem Selbstverständnis als Aufklärungshelfer für Orientalen vereinbaren, sogar antisemitische Stereotypen zu veröffentlichen, so etwa in einer Neuerscheinung, wo wir in der Beschreibung eines reichen jüdischen Kaufmanns lesen, dass man in seinen Augen „das Höllenfeuer züngeln sehen konnte – der Herrgott hatte den Teufel
aus Feuer erschaffen“. Wäre der Satz von Ahmadinejad, sähe sich der Westen bestimmt verpflichtet, ihn als antisemitisch – was er auch ist – zu verurteilen. Anderseits: Warum sollten wir bei iranischer Literatur so sehr auf weltanschauliche Korrektheit schauen? Bei „unseren“ Kulturschaffenden tun wir es doch auch nicht: Oder würden wir den Judenhasser Richard Wagner, den Nazi Martin Heidegger oder Günter Grass von der Waffen-SS aus dem Kanon entfernen?

Natürlich ist es ein Glück, dass iranische Autoren im Westen frei publizieren können. Nur spiegelt vieles weniger die Verhältnisse im Iran als westlichen Orientalismus. Dafür spricht auch, wie gerne und wie erfolgreich viele hier verlegte iranische Autoren die Iraner als zerrissen zwischen Tradition und
Moderne darstellen. Dies ungeachtet des wissenschaftlichen Befundes, dass sich die jüngere iranische Geschichte, gerade die Revolution von 1979, eben nicht als Kampf gegen die Moderne und als „Rückkehr ins Mittelalter“ beschreiben lässt, sondern als Versuch der Vereinbarung zwischen Tradition und Moderne.

So würde sich eine Studentin, die mit FreundInnen zum Grab eines Mystikers pilgert, ein Gelübde für die Prüfung ablegt und ein Selfie macht, nicht als zerrissen empfinden. Wenn hingegen die iranischen Autoren mit den grössten Publikationschancen im deutschen Sprachraum Mystik zelebrieren, kommt New Age heraus. So schmachten sich in "Eine iranische Liebesgeschichte" zwei Liebende von ferne an, und auch in den mühsam ergatterten Momenten des Zusammenseins wissen sie nicht, was sie miteinander anfangen sollen. Der Autor ist Iraner und Literat genug, um zu wissen, dass in mystischer Literatur
irdische Liebesgeschichten als Metaphern für das Verhältnis zwischen Mensch und Gott, nicht als Beschreibungen diesseitigen Paarverhaltens erzählt werden und dass iranische Liebende im Hier und Jetzt sehr wohl wissen, was sie beim Zusammensein miteinander anfangen sollen. Und diese Momente müssen sie nicht mühsam ergattern. Denn derzeit besteht im Iran ein stilles Einvernehmen,
nach welchem die Herrschenden das Volkes beim Konsumieren und Amüsieren nicht stören und das Volk nicht die Herrschenden beim Regieren und Korrumpieren.
Doch was vermögen in der öffentlichen Wahrnehmung Wissenschaft oder Beobachtung des iranischen Alltags? Iranische Autoren lassen sich immer als Kronzeugen aufrufen. Dass dies den Regeln des aufgeklärten Diskurses zuwiderläuft, nach denen nicht Abstammung, sondern Argumente entscheiden,
hält Meinungsmacher nicht auf. Und ob die Autoren in ihren Voten jeweils aus überlegenem Insiderwissen über den Iran schöpfen oder einfach Deutungshoheit und Marktanteile behaupten wollen, wer kann - und wer will - das wissen?

Während des Studiums arbeitete Urs Gösken für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz als Übersetzer für Arabisch und Persisch in Jordanien, Iran und dem Irak. Es folgten längere Studien- und Arbeitsaufenthalte in Isfahan, der Türkei, Ägypten und Usbekistan. Urs Gösken doktorierte an der UniversitätZürich zum Thema «Tendenzen der Westwahrnehmung bei iranischen Intellektuellen». Für die Bearbeitung der Märchensammlung «Drei Säcke voll Rosinen» aus dem Irak erhielt er 2002 gemeinsam mit Najim A. Mustafa denRattenfänger-von-Hameln-Literaturpreis.

Er ist Persischdozent an der Universität Bern und hält Vorlesungen an der Volkshochschule Zürich über islamkundliche Themen.