Elefanten unterwegs

Das Licht Afrikas

von Bernd Kubisch

Afrika hat für den, der die Augen offen hält – und die Kamera gezückt – zu jeder Tageszeit ein atemberaubendes Erlebnis parat.


Den Finger stets auf dem Auslöser
Das Licht Afrikas zog schon viele Künstler in den Bann, immer auf der Suche nach dem perfekten Motiv, auf den Spuren von Filmemachern, Schauspielern und Schriftstellern: Das Spiel der Farben lockt Afrikafans in die Serengeti genauso wie in den Masai-Mara-Naturpark und den Shaba-Nationalpark in Kenia, wo für „Jenseits von Afrika“ (1985) brillante Natur- und Tierszenen entstanden. Besonders im Masai Mara am Uas-Nyiro-Fluss, an Wasserfällen und in Schluchten, werden Erinnerungen wach an das Epos mit Robert Redford, Klaus Maria Brandauer und Meryl Streep, die die Schriftstellerin Karen Blixen (1885–1962) spielt. Die Dänin hat trotz tragischer Erlebnisse Afrika vergöttert und schrieb sehr poetisch in ihrem Buch „Afrika, dunkel lockende Welt“: „Alles in dieser Natur strebte nach Grösse, Freiheit und hohem Adel.“ Tags sind die Farben sehr grell, weil das Licht extrem hell ist. Am späten Nachmittag und am Morgen sind sie sanfter und natürlicher, die Rottöne genau richtig. Besonders bei einer Fotosafari ist also Aufstehen noch bei Dunkelheit angesagt.

»Alles in dieser Natur strebte nach Grösse, Freiheit und hohem Adel.«

Wo die Löwen und Zebras wohnen
„Wenn ein Löwe im rötlichen Morgenlicht aus dem Gebüsch tritt und dröhnend brüllt, dann wird auch Menschen in fünfzig Jahren das Herz weit werden.“ Das sagte der Tierarzt, Naturschützer, Autor und Verhaltensforscher Bernhard  Grzimek (1903–1987). Er brachte Afrika mit Kino und TV schon vor rund 50 Jahren in deutsche Wohnstuben. Mit seinem Dokumentarfilm „Serengeti darf nicht sterben“ (1959) faszinierte er auch Hollywood und bekam dafür einen Oscar. Die Serengeti lebt – und wie! Im Nationalpark, der sich von Tansania bis Südkenia erstreckt, sind Hunderttausende Tiere je nach Jahreszeit auf Wanderschaft, darunter Elefanten, Giraffen, Gnus, Antilopen und Zebras. Ein besonderer Reiz: In der Serengeti haben mehr Löwen, Geparden und Leoparden ihr Zuhause als sonst wo. Wer in die Region des Arusha- Nationalparks in Tansania reist, denkt an den Hollywood-Klassiker Hatari! (1962), in dem John Wayne (1907–1997) und Hardy Krüger in der weiten Savanne Zebras, Leoparden, Giraffen, Büffel und Elefanten für Zoos einfangen. Der Deutsche war so fasziniert, dass er sich eine Farm kaufte und dort über zehn Jahre mit seiner Familie lebte. Er sagte später: „Wenn ich afrikanischen Boden unter den Füssen habe, fühle ich mich zu Hause.“

 

Inspirierendes Afrika
Auch die Mode aus Afrika lässt sich nicht nur vom Schwarz-Weiss der Zebras und von den gefleckten Gelb-Dunkel-Tönen von Giraffen und Raubkatzen inspirieren. Viele warme Braunnuancen von Erd- und Lehmhütten und das satte Rot der Dünen in Namibias Kalahari fliessen in Designerentwürfe ein. Manche Kreation hat es mit grossem Erfolg sogar bis nach Paris und Mailand geschafft. Wie riesig Afrika ist und scheinbar unendlich seine Steppen, Savannen und Wüsten sind, zeigt das Beispiel Etosha-Nationalpark im Norden Namibias. Er wurde 1973 komplett eingezäunt. Eine beachtliche Arbeit. Eine Zebraherde hat es sich auf einer breiten Sandpiste bequem gemacht. Der Geländewagen umkurvt sie vorsichtig. Ein Löwe döst unter einem Baum.

Grosser Kindertag am nächsten Wasserloch: Elefanteneltern kümmern sich um sechs oder sieben kleine Dickhäuter. Die sind noch tollpatschig, machen wohl einen ihrer ersten Wasserausflüge, prusten und spritzen. Und immer wieder Gnus, Schakale, Springböcke, Kudus und Erdhörnchen zwischen Büschen und Gestrüpp. In der Ferne taucht ein Straussenpaar auf. Aber weit und breit ist leider keine Giraffe in Sicht. Doch Afrika ist auch das Land der unerwarteten Möglichkeiten. Der Fahrer bremst 30 Minuten später weit ausserhalb von Ausgang und Zaun.

Zwei Giraffen schreiten ungestört über das Asphaltband, das in die Hauptstadt Windhuk führt. In der untergehenden Sonne müssen sie ihre langen Hälse  beugen, um an die winzigen Blätter der Dornenbäume am Strassenrand zu gelangen. Die flinken kleinen Zungen der Tiere sind aus wenigen Metern gut zu erkennen. Da können auch Anfänger gute Fotos machen.

 

Momente, die unvergessen bleiben
Wo ein mächtiger Fluss mündet, trifft sich die Tierwelt, wo das Meer viele Hundert Kilometer entfernt ist. Der Okavango in Botswana versickert in unzähligen Lagunen, Wasserläufen, Moor und Savannensand. Im wohl grössten Binnendelta vereinen sich Leoparden, Impalas, Elefanten, Reiher, Störche, Wasserlilien, saftiges Gras, der Marulabaum mit goldgelben Früchten, Kanälen, Inseln und Sümpfen zu allen Farben dieser Erde. Sand- und  Staubwirbel bringen in der trockenen Zeit die Pracht unzähliger Ocker-, Braun und Rotschattierungen zum Leuchten. Und wenn der Reisende doch nicht schnell genug ist, um eine faszinierende Szene auf den Chip zu bannen, ist das gewiss kein Problem. Es muss nicht immer gleich ein brüllender Löwe in der Morgenröte sein, der in Erinnerung bleibt. Auch zwei naschende Giraffen an asphaltierter Landstrasse und andere ungewöhnliche Begegnungen dieser Art bewegen Seele und Herz, bleiben unvergessen und werden hoffentlich noch viele Generationen erfreuen.