Der Forschungssatellit EURECA mit der Erde im Hintergrund © Verkehrshaus der Schweiz

Claude Nicollier - Sehnsucht Weltraum

von Martin Bütikofer

Entspannt beantwortete der Astronaut die Fragen des Bundesrats und zugeschalteter Journalisten, die ihn mit Superman und Wilhelm Tell verglichen. Ein Held war er für alle, die ihn in der Raumfähre vor dem Schweizer Kreuz und einem Bild des Matterhorns halb schweben sahen: Denn Claude Nicollier war der erste Schweizer im Weltraum!

Und noch dazu war er es, der bei diesem zwölften Flug der Atlantis die entscheidende Aufgabe – das Auslademanöver des Satelliten EURECA (EUropean REtrievable CArrier) – übernahm: Er brachte als verantwortlicher Missionsspezialist die Weltraumplattform mit dem Manipu- latorarm auf ihre Umlaufbahn.

Seinem ersten Flug ins All hatte der gebürtige Waadtländer mit Jahrgang 1944 lange entgegengefiebert. Schon als Kind fotografierte er nachts die Sterne und war besonders fasziniert, wenn er einen Nachrichtensatelliten am Himmel entdeckte: Claude wollte ins All. Entsprechend zielstrebig ging er vor: Auf das Physikstudium folgte das der Astrophysik; er wurde Militärpilot, flog die DC-9 und erhielt ein Stipendium für das Weltraumforschungs- und Technologiezentrum in Noordwijk (Niederlande). Als die ESA 1977 Astronautenanwärter suchte, bewarb er sich erfolgreich. Claude Nicollier wurde zum Nutzlast-, dann zum Missionsspezialisten ausgebildet, der nicht nur für den Ablauf von Experimenten zuständig war, sondern eine Raumfähre auch steuern konnte. 1986 sollte der erste Einsatz sein – er verschob sich jedoch durch das tragische Challenger-Unglück im gleichen Jahr.

Achteinhalb Minuten für die Ewigkeit

Am 31. Juli 1992 um 9.56 Uhr war es für Claude Nicollier dann endlich so weit: Die Raumfähre Atlantis hob ab. Es folgten achteinhalb unvergessliche Minuten des Aufstiegs – mit heftigen Erschütterungen beim Durchbrechen der Schallmauer, einem immensen Lichtblitz, als die Feststoffraketen sich lösten, und einer enormen Belastung für den Körper, während die Raumfähre bis auf 7,8 km pro Sekunde beschleunigte. Und ganz plötzlich ging die Beschleunigung auf null zurück, und alle Gegenstände an Bord begannen, schwerelos umher zu schweben.

Die Raumfähre führte den grössten je in Europa gebauten Satelliten mit sich: die EURECA, die erste rückführbare Weltraumplattform, die zehn Monate lang die Erde umkreisen sollte. Nicollier war dafür zuständig, die 4,4 Tonnen schwere Plattform aus der Ladebucht zu heben und auszusetzen. Schwierigkeiten mit einem Computer führten zu einer eintägigen Verzögerung. «Die fundierte, exklusive Ausbildung war die Grundlage seiner Arbeit – Claude Nicolliers Motivation aber, waren seine Träume» Zum Schluss meisterte der Schweizer jedoch alle Probleme: Am siebten Tag der Mission schwebte die EURECA allein im All. Per Funkbefehl von der Erde wurden ihre Triebwerke gezündet, die den Satelliten auf die vorgesehene Zielumlaufbahn von 525 Kilometern Höhe brachten. Dann starteten die wissenschaftlichen Experimente. Der Satellit EURECA ist heute das bedeutendste Ausstellungsobjekt in der Raumfahrtausstellung im Verkehrshaus der Schweiz.

Irdische Grüsse und ausserirdische Operationen

Am letzten Tag vor Ende der Mission wurde Nicollier noch einmal herausgefordert: Auf der Pressekon- ferenz aus dem Luzerner Verkehrs- haus musste er auf Adolf Ogis «Freude herrscht, Monsieur Nicollier!» rasch eine charmante Antwort finden. Auch das gelang dem sympathischen Waadtländer: Ihm sei es ein Vergnügen, im 701. Jahr der Eidgenossenschaft 13 europäische Länder und die Schweiz im Weltraum zu repräsentieren.

Die fundierte, exklusive Ausbildung war die Grundlage seiner Arbeit – Claude Nicolliers Motivation aber, waren seine Träume, wobei ihn Tim und Struppi mit ihren Mondabenteuern, die Star-Wars-Episoden und der Film „E.T.“ durchaus inspiriert haben, wie er gerne zugibt. Noch drei weitere Male hob er ab: 1993 war er an Bord der Raumfähre Endeavour und nahm Arbeiten am drei Milliarden Franken teuren Teleskop Hubble vor. Dabei bediente der Schweizer den Roboterarm «präzise wie ein Chirurg», wie der verantwort- liche Flugdirektor der NASA später erklärte. 1996 startete Nicollier mit der Raumfähre Columbia, 1999 mit der Discovery. Endlich erlebte er auch seinen ersten Weltraumausstieg: Über acht Stunden lang reparierte er Hubble und sah währenddessen die Sonne fünfmal auf- und untergehen. «Obwohl man keine Bewegung spürt, dort oben gibt es ja keinen Wind, bewegt man sich mit rund 28‘000 Kilometern pro Stunde», berichtete Nicollier später von diesem eindrücklichen Erlebnis. «Bei diesem Tempo flog ich in 30 Sekunden über die ganze Schweiz.»

Martin Bütikofer ist seit 2011 Direktor des Verkehrshauses der Schweiz. Nach seinem Studium zum Elektro- und Wirtschaftsingenieur arbeitete er im In- und Ausland für die amerikanische Reliance Electric AG. Es folgten Tätigkeiten als Leiter des Amtes für öffentlichen Verkehr des Kantons Zug, als Direktor der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees sowie als Direktor Regionalverkehr bei den SBB.