Werbung von einem Sarghersteller in Ghana

Begraben in einem Wal-Sarg

von Regula Tschumi

Der Tod des Nai Wulomo Nuumo Tetteh III wurde, wie dies in Ghana bei wichtigen traditionellen Oberhäuptern üblich ist, viele Monate geheim gehalten. Erst kurz vor seiner Bestattung am 14. Oktober 2008 wurden sowohl der Tod als auch das Datum der Beerdigung dieses höchsten spirituellen Oberhauptes von Accra öffentlich bekanntgegeben.

Die Feierlichkeiten fanden an einem Dienstag statt – dem heiligen Wochentag des Meergottes Nai, als dessen irdischer Stellvertreter der verstorbene Priesterprophet gewirkt hatte. Im Laufe des Morgens trafen Hunderte von Trauergästen in Accra ein. Die Feier fand in der Nähe der Korle-Lagune in einem von einer Mauer umgebenen, offenen Areal statt. Während die Beerdigung eines Wulomo in der Regel in der Nacht und nur in Anwesenheit der initiierten Priester, der Woyei und Wohii, stattfindet, hatte man beim Nai Wulomo angesichts seiner grossen religiösen und politischen Bedeutung eine Ausnahme gemacht: Er wurde mitten auf dem Platz, quasi unter freiem Himmel, öffentlich aufgebahrt. Nur ein weisser, von allen Seiten einsehbarer Baldachin spendete ihm Schatten. Nuumo Tetteh III lag in einem mit weissen Satintüchern bezogenen Bett, an dessen Kopfende sieben grosse Palmblätter aufragten. Wie zu Lebzeiten trug er als Zeichen seines hohen Status weisse Kleider, eine Federmütze und die für den Kpele-Kult typischen weissen Armbänder. Rund um sein Bett sassen Frauen, die dem Verstorbenen frische Luft zufächelten.

Nach und nach trafen an diesem Morgen die Trauergäste ein und nahmen in einem angemessenen Abstand unter weissen Baldachinen Platz. Alle trugen weisse Kleider aus bedruckten Adinkra-Stoffen, viele hatten sich zudem als Ausdruck ihrer grossen Trauer leuchtend rote Bänder um Kopf und Hals geschlungen. Neben den zahlreichen Angehörigen des Wulomo waren alle wichtigen traditionellen Oberhäupter mit ihren Linguisten sowie zahleiche Vertreter verschiedener christlicher Kirchen, Parlamentarier und Minister anwesend, um Nuumo Tetteh III die letzte Ehre zu erweisen.

Die mit dem Nai Wulomo verbundenen Kpele-Priester hatten sich zum Teil bereits seit Wochen mit den Vorbereitungen für diese Beerdigung befasst, und entsprechend waren sie nun auch in grosser Zahl aus der ganzen Region angereist. Während den Feierlichkeiten blieben sie unter sich, ganz mit ihrem Trommelspiel und ihren Trancetänzen beschäftigt.

Nach und nach stiegen die mit ihnen verbundenen Götter

»In dieser Gestalt inkarniert sich dem Glauben der Ga zufolge der Meergott Nai am liebsten.«

auf die tanzenden Medien herab und nahmen sie in Besitz, während auf der anderen Seite des Platzes die Politiker ihre Reden hielten.

Den Sarg hatte man im Freien aufgestellt, aber unter einem weissen Tuch versteckt. Erst am frühen Nachmittag wurde er vor laufenden Kameras unter grosser Spannung enthüllt: Zum Vorschein kam ein grauer Wal. In dieser Gestalt inkarniert sich dem Glauben der Ga zufolge der Meergott Nai am liebsten.
Auf dem Sargdeckel standen drei Statuetten, die den Verstorbenen mit zwei Priestermedien repräsentierten. Man trug den Wal-Sarg zum Bett des Verstorbenen und stellte ihn dort ab, während das Zelt verschlossen wurde, um den Wulomo – abgeschirmt von den Blicken der Öffentlichkeit – in seinen Sarg zu betten.
Als die Träger den verschlossenen Wal-Sarg schliesslich herausbrachten, erreichte die Feier ihren Höhepunkt: Die zwei grossen Kriegstrommeln wurden geschlagen und die sogenannten Asafoi, traditionelle Militärtruppen, schossen jetzt unablässig in die Luft.

Die Träger hoben den Wal über ihren Kopf und begannen, schnellen Schrittes über und um den Platz zu laufen. Viele Gäste hatten sich nun von ihren Stühlen erhoben und standen mitten auf dem Platz, hielten die Arme hoch und winkten dem Wal mit weissen Taschentüchern zu. Die meisten weinten und versuchten, sich dem Sarg zu nähern und ihn zu berühren, während die Asafoi immer noch unablässig in die Luft schossen und mit den Sargträgern über den Platz marschierten.
Als Zeichen des Aufbruchs wurde dann ein grosses Rind zum Hauptausgang getrieben. Während der Grossteil der Gäste das Areal über die Nebenausgänge verliess, begaben sich die Chiefs zusammen mit den Priestern zum Hauptausgang, wo man dem Rind an der Türschwelle die Kehle durchschnitt, sodass sich sein Blut bis weit über das Gelände hinaus ergoss.

Alle, die nun hier über die Schwelle traten, tauchten kurz ihre nackten Füsse und ihre Insignien ins frische Opferblut. Und als man schliesslich den Wal-Sarg über die Türschwelle hob, leerte man auch über ihn frisches Blut, bevor sich die Träger mit ihrer Last einen Weg durch die dichte Menschenmenge bahnten, die sich vor dem Ausgang versammelt hatte.

Der Sarg wurde zunächst entlang des Meeres, vorbei an der mit Zuschauern gesäumten Strasse, bis zum Palast von Alata getragen. Hier stellten ihn die Träger erstmals zu Boden. Der Alata Mantse, das Oberhaupt des Bezirks Alata, sprach ein Gebet und gab Libationen aus. Danach ging es sofort weiter ins nächste Quartier. Der Sarg blieb auf dem Weg durch die alten Bezirke von Accra immer eingebettet zwischen den Priestermedien und den Asafoi, die den Zug mit ihren Trommeln und Gewehren begleiteten.
Einige Priestermedien waren von ihren Göttern besessenen und liefen dem Sarg zum Teil weit voraus, um der ihnen nachfolgenden Prozession den Weg zu öffnen. Im Zustand der Besessenheit trugen sie nur noch ein um die Hüfte gebundenes weisses Tuch. Mit nacktem Oberkörper, ohne Kopfbedeckung, ohne Schmuck und Schuhe führten sie den Trauerzug als „lebendig gewordene Götter“ an. Ihnen voraus lief ein von einem Kriegsgott besessenes Medium, das mit seiner weissen Kriegsfahne alle Menschen und Autos von der Strasse vertrieb.
In dieser Aufstellung bewegte sich die Prozession zu allen wichtigen Palästen und Familienhäusern, damit sich die mit dem Verstorbenen verbundenen Bewohner verabschieden konnten. Bei Anbruch der Dunkelheit erreichte die Prozession schliesslich das Haus des Nai Wulomo im Bezirk Gbese. Ein Oberhaupt der Familie nahm den Sarg in Empfang, sprach ein Gebet und gab Libationen aus. Hier verliess ich die Gesellschaft.

Wohin man den Sarg danach noch trug, bleibt ebenso ein Geheimnis wie der Ort seiner letzten Ruhestätte.
Bei der Grablegung wichtiger Oberhäupter dürfen nur die initiierten Priester anwesend sein. Auch die Frage, ob Nuumo Tetteh III überhaupt im Wal-Sarg gelegen hat oder ob man ihn nicht vielmehr, wie dies bei spirituellen Oberhäuptern üblich ist, schon früher geheim begraben hat, muss unbeantwortet bleiben. Möglicherweise wurde an seiner Stelle nur eine ihm nachgebildete Statuette aufgebahrt und im Wal-Sarg beerdigt.

Die figürlichen Särge der Ga werden seit der Ausstellung „Les Magiciens de la terre“ in Paris 1989 weltweit als Kunstwerke anerkannt. Ihre Erfindung wird allgemein dem Sargschreiner Kane Kwei (1925 – 1992) aus Teshie zugeschrieben.

Der hier angepasste Text stammt aus dem Buch „Verborgene Kunst – Geschichte, Transformation und Sinn der figürlichen Sänften und Särge der Ga in Ghana“ von Regula Tschumi. ISBN: 978-3-03828-098-9.

Regula Tschumi hinterfragt in ihrem Buch die in der Kunstwelt etablierten Deutungen der figürlichen Särge. Sie geht erstmals auch den in westlichen Kunstkreisen kaum bekannten figürlichen Sänften nach, die bis anhin als Vorläufer der figürlichen Särge galten.

Regula Tschumis Arbeit basiert auf mehreren Jahren Feldforschung, die sie von 2002 bis 2012 in mehreren Etappen in der Region Greater Accra durchgeführt hat. Um mehr über die Sänften und Särge zu erfahren, hat sie die Kultur der Ga, ihre Religion, ihre künstlerischen Ausdrucksformern, ihre Geschichte und ihre Beerdigungen erforscht. Sänften und Särge werden also im Kontext der Lebenswelt betrachtet, aus der sie sich entwickelt haben und in der sie benutzt wurden. Erst mit diesem breiten interdisziplinären Ansatz vermag die Autorin die Zusammenhänge zwischen den figürlichen Sänften und Särgen aufzudecken und den Sinn dieser künstlerischen Ausdrucksform zu verstehen.