Kirgistan
© Patrick Rohr

Aus dem Buch „Die neue Seidenstrasse“

von Patrick Rohr

Dass das Projekt ambitioniert ist, war mir von Anfang an bewusst: Mit meiner Fotokamera während Wochen auf der neuen Seidenstrasse von China bis nach Europa zu reisen und mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten über ihre Länder zu reden, ist an sich schon eine Herausforderung. Als dann aber während meiner Reisen noch die Corona-Pandemie ausbrach, schien es plötzlich unrealistisch, das Buch noch dieses Jahr herauszubringen. Schliesslich hat es doch geklappt, nicht zuletzt dank dem grossen Einsatz von Background Tours – und ich bin glücklich, kann das Buch jetzt erscheinen. Es erzählt von den verschiedenen Kulturen, die Chinas gewaltiges Infrastrukturprojekt «neue Seidenstrasse» verbindet, und von den Menschen, denen ich auf meinen Reisen begegnet bin. Zum Beispiel Herrn Li, den ich am Anfang meiner Reise in Schanghai getroffen habe:

Herr Li nimmt mich wieder mit zum «Bund», der Flaniermeile am Huangpu-Fluss. Bis vor nicht allzu langer Zeit haben hier die Fischer mit ihren Booten angelegt, wenn sie von ihren Fahrten in die Stadt zurückkamen. Auf der Ostseite des Flusses, da wo sich heute die Wolkenkratzer des Finanzviertels in den Himmel schrauben, hätten noch bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts Bauern ihre Felder bestellt, sagt Herr Li. Ich frage ihn, was er von dem gewaltigen Tempo hält, in dem Schanghai modernisiert wird. Er lächelt und sagt, er wolle mir etwas zeigen, aber dafür müssten wir zu ihm nach Hause gehen, ob mir das recht sei. Natürlich ist es das. Wir kennen uns erst ein paar Minuten, und schon werde ich von einem Schanghaier nach Hause eingeladen. Ich fühle mich geehrt und bin sehr neugierig.

Zuhause stellt mir Herr Li seine Frau vor, die uns gleich das Mittagessen servieren werde, selber gemachte Dim-Sum. Ich freue mich auf das Essen und bin gespannt, was mir Herr Li zeigen möchte. Er kramt einige Alben aus einem Schrank, ich vermute, mit Bildern vom alten Schanghai. Doch in den Alben befinden sich Briefmarken, eine stattliche Sammlung. Mit einer Pinzette zupft Herr Li eine Marke nach der anderen aus den Alben, zu jeder weiss er eine Geschichte. Ich verstehe, dass Herr Li, obwohl bereits in den Siebzigern, als staatlicher Briefmarkenprüfer arbeitet und auch privat ein begeisterter Sammler ist. Ich nicke freundlich und versuche, das Gespräch wieder auf Schanghai zu lenken, auf die rasante Entwicklung der 23-Millionen-Metropole im Nordosten des Landes. Herr Li lächelt freundlich und nimmt eine weitere Briefmarke aus einem Album. Sie zeige Mao, sagt er. Ich nicke wiederum und frage, ob er das alte Schanghai nicht vermisse. Herr Li erzählt etwas von einem Flugzeug, das in Nepal abgestürzt sei, und dass man in den Trümmern einen Postsack gefunden habe und dass auf einem der Briefe in dem Sack diese Marke klebte. Ich nicke und gebe auf. Ich verstehe, dass es Dinge gibt, über die man in China nicht redet. Sicher nicht mit einem Fremden. Und sicher nicht über etwas, das als Kritik an der Regierung verstanden werden könnte, wie zum Beispiel die atemberaubend schnelle Entwicklung einer Stadt. Die Dim-Sum von Frau Li schmecken hervorragend.

»Beeindruckt hat mich auch Kirgisistan, dieses wunderschöne, politisch aber höchst unstabile Land in Zentralasien. (...) «

Ich fahre von Osch ins Alay-Tal, die Fahrt auf der gut ausgebauten Strasse dauert etwa viereinhalb Stunden. Mittags mache ich Halt in Gulcha, einem mittelgrossen Ort vor dem steilen Aufstieg zum Taldyk-Pass, der auf 3‘600 Metern über Meer liegt. Das Restaurant «Boobek Ata» liegt direkt an der Strasse. Draussen weist ein Schild darauf hin, dass es eine Toilette im westlichen Stil gebe, also ein Klo mit Sitzschüssel, was sehr unüblich ist. In Kirgisistan bestehen die Toiletten normalerweise nämlich aus einem überdachten Loch im Boden, irgendwo hinter dem Haus. «In den letzten Jahren machen immer mehr Motorradfahrer aus Europa Halt bei uns. Wir haben gemerkt, dass sie unsere traditionelle Toilette abstossend finden. Deshalb haben wir jetzt eine mit einer Schüssel eingerichtet», sagt Boobekov Altymysh, der Wirt. Seine Frau Gulipa Janybaeva bringt die Speisekarte an den Tisch. Sie entschuldigt sich, die rote Linsensuppe gebe es im Moment nicht, weil wegen Corona keine Touristen ins Land kämen.

Ich frage, ob denn die einheimischen Gäste keine Linsensuppe essen würden. Gulipa lacht: «Kirgisen sind Fleischesser», sagt sie, «Linsen sind uns völlig fremd. Wir haben sie nur in den Menüplan aufgenommen, weil immer wieder Vegetarier aus Europa oder den USA zu uns kamen und auf unserer Karte nichts fanden, das sie essen konnten. Sie haben uns dann den Tipp mit den Linsen gegeben.» Ich bestelle die andere Suppe auf der Karte, eine Fleischbrühe mit verschiedensten Teilen vom Schaf. Nach dem Essen serviert mir Gulipa einen Espresso, den ersten auf meiner Reise. Die Kaffeemaschine hätten sie sich ebenfalls wegen den Touristen aus dem Ausland angeschafft, sagt Gulipa, in Kirgisistan würden die Menschen Tee trinken.

Patrick Rohr ist Journalist, Fotograf, Moderator und Buchautor. Er leitet in Zürich eine eigene Firma für Kommunikationsberatung und Medienproduktionen. Als Fotojournalist ist Patrick Rohr vor allem an gesellschafts- und geopolitischen Zusammenhängen interessiert. Im Auftrag verschiedener NGO wie Ärzte ohne Grenzen, Helvetas oder Biovision bereist er Krisen- und Entwicklungsgebiete auf der ganzen Welt. 
Auch für seine eigenen Projekte taucht er immer wieder in fremde Lebenswelten ein, 2015 zum Beispiel für eine Multimediaproduktion über die Ukraine oder 2017 für das Fotoreportagenbuch «Japan – Abseits von Kirschblüten und Kimono» (Beobachter Edition). Für sein neustes Buch «Die neue Seidenstrasse – Chinas Weg zur Weltmacht» (Orell Füssli Verlag) ist er mit der Fotokamera von China nach Europa gereist.
Vor seiner Ausbildung zum Fotojournalisten an der «Fotoacademie Amsterdam» arbeitete er als Zeitungs- und Radiojournalist und während 15 Jahren als Redaktor und Moderator für verschiedene Sendungen des Schweizer Fernsehens (u.a. «Schweiz aktuell», «Arena», «Quer»). Patrick Rohr ist 1968 in der Schweiz geboren und lebt heute in Zürich und Amsterdam.

Der Text auf dieser Seite ist ein Auszug aus seinem Buch „Die neue Seidenstrasse - Chinas Weg zur Weltmacht“. Ein Buch mit Fotoreportagen über die Länder, die durch Chinas "Belt and Road"-Initivative verbunden werden. Das Werk ist bei jeder Orell Füssli Buchhandlung oder hier bestellbar. 

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