Jugendliche im Iran

Amir Hassan Cheheltan

von Claude Fankhauser

Herr Cheheltan, Ihre Erzählung über eine junge Frau, die von der «Polizei für moralische Sicherheit» festgenommen wurde, liest sich für uns im Westen höchst verstörend. Kann man von Iran, wo offenbar Korruption und Willkür an der Tagesordnung sind, überhaupt von einem Rechtsstaat sprechen?
Ich kann Ihre Bestürzung nachempfinden. Solche Ereignisse betonen einen Teil der komplexen Struktur der Gesellschaft, bei der selbst einige iranische Bürger nicht mehr durchblicken. Eine absurde Situation! Einige sehen darin das unausgeglichene Wachstum gesellschaftlicher Gruppen in Iran, was selbst wiederum ein Resultat der ungerechten Verteilung der Einkünfte aus den Erdölreserven der letzten hundert Jahre ist. Die Menschen, die einen relativen Wohlstand sowie «einen Unterricht und eine Erziehung» genossen haben, die dem neuen Zeitalter angemessen sind, akzeptieren die Definition der anderen Gruppe nicht. Doch die Krise rührt daher, dass die andere Gruppe mit den Instrumenten der Macht ausgestattet ist und alles Gott oder dem Teufel zuschreibt.

Es ist für uns schwer vorstellbar, dass das Handgelenk einer Frau Tumulte auslösen kann. Wo genau liegt das Problem? Haben iranische Männer eine derart schwache Selbstkontrolle?
Vielleicht übertreiben Sie da etwas. Bisher habe ich noch nicht gehört, dass eine Frau wegen ihres Handgelenks beleidigt oder festgenommen wurde, dafür aber wegen eines zu engen oder zu kurzen Kleids, weil ein Teil der Haare aus dem Kopftuch mehr als erlaubt hervorschaut (niemand hat bisher die erlaubte Länge festgelegt), aber auch wegen der Anwendung von Schminke oder zu greller und heller Farben der Kleider wurden Frauen festgenommen. Einige Schwarzseher sind der Meinung, das sei ein weiterer Vorwand, damit die kontrollierenden Beamten auf den Strassen mehr präsent sein können. Sie wissen ja, das Problem der Jugend, Mädchen wie Jungen, ist, dass sie schön sein und diese Schönheit auch zur Schau stellen möchten. Wenn Sie auf den Strassen von Teheran spazieren gehen, würden Sie sich über den Mut der jungen Leute wundern, wie unbekümmert sie gegenüber den Verordnungen der Regierung sind.
Ich muss aber noch etwas hinzufügen: Die Zurückhaltung iranischer Männer ist so gross wie bei allen anderen Männern auf der Welt.

Wie kann ein aufgeklärter, wacher Geist, wie Sie einer sind, in einer derart geschlossenen Gesellschaft überhaupt existieren?

 Dies ist keine geschlossene Gesellschaft. Ein deutliches Zeichen dafür ist – wie Sie selbst auslegen – mein

»Humor ist Teil unseres Verteidigungs-mechanismus. «

aufgeklärter und wacher Geist. Es ist genau diese Gesellschaft, die meine Persönlichkeit formte und mich überhaupt hervorgebracht hat. Sie haben irgendwelche Modelle im Kopf und messen Iran stets an diesen. Eine erstaunliche Zusammensetzung aus Nordkorea, Saudiarabien mit ein wenig Beilage aus dem Libyen Ghadhafis: Das ist ein Fehler. In Iran sendet ein politischer Häftling aus dem Gefängnis Botschaften an die Bevölkerung, oder wenn er Hafturlaub bekommt, gibt er ausländischen Medien Interviews. Ja, natürlich werden hin und wieder Mädchen wegen ihrer Kleidung auf der Strasse geschlagen, Leute auf rätselhafte Weise ermordet und ihre Mörder nicht verurteilt, oder wenn sie vor ein Gericht gestellt werden, wird der Fall irgendwie beendet. Eine breite Front von Jugendlichen, Studierenden, Frauen, Journalisten, Schriftstellern, Akademikern und Künstlern leistet gegenüber diesem Zustand Widerstand. Wissen Sie auch, warum? Weil die Lage in keinem ordentlichen Zustand ist und sie sie ordnen müssen.

Und wie ist es mit Ihrer Arbeit als Schriftsteller? Wo erleben Sie Einschränkungen oder Schikanen?
Die Schriftsteller werden von der Regierung so eingestuft, dass sie nicht genügend Grips hätten, um zu erkennen, was von ihrem für die Jugend verderblich sei und ihre Moral beeinträchtige. Daher müssen die Schriftsteller ihre Schriften vor der Drucklegung einem Amt vorlegen, das ihren Inhalt überprüft und eine Lizenz zum Druck erteilt, vorausgesetzt, sie werden als verträglich erkannt. Auf diese Weise bleibt leider ein beachtlicher Teil der Literatur für immer hinter den Mauern der Zensur oder erreicht zumindest den Leser spät. Die Torturen, die manche Schriftsteller erleiden, kennen keine Grenzen.

Trotz all der Düsternis, die Sie in Ihren Texten beschwören, trotz all den Einschränkungen und der Furcht, der die Teheraner ständig ausgesetzt sind, scheinen Sie Ihren Humor nie zu verlieren – beispielsweise dort, wo Sie in

sprachspielerischer Art den grossspurigen Titel «Polizei für moralische Sicherheit» zu deuten versuchen. Was ist Humor für Sie? Mittel zum Zwecke des Überlebens oder «nur» eine Stilform?
Die Iraner sind humorvolle Menschen; Humor ist Teil unseres Verteidigungsmechanismus. Der Umfang politischer Anekdoten in Iran ist erstaunenswert. Es scheint ganz so, als ob einige iranische Bürger nichts Besseres zu tun hätten, als die politischen Anekdoten, die sie über ihre Mobilgeräte empfangen, in Form von SMS an andere weiterzuleiten. Gleichzeitig erweitert der Humor unser Verständnis über die uns umgebende Realität, die manchmal groteske Formen annimmt. Manchmal habe ich den Eindruck, als ob ein starker, aber versteckter Instinkt mit im Spiel sei.

Unsere Leserinnen und Leser lieben Ihre Texte, leider muss ich Ihnen aber sagen, dass nicht Sie die Lieblingsfigur unserer Leserschaft sind, sondern Ihre resolute Ehefrau. Hand aufs Herz: Macht Sie das nicht ein bisschen neidisch?
Meine Gattin hat nun Mal ein starkes Temperament und ich habe ihre prägnanten Aussagen zur Verdeutlichung zugegebenermassen etwas überspitzt. Aber ja, ich beneide tatsächlich die Frauen meines Landes, denn sie sind stärker als wir Männer.

Liest Ihre Ehefrau, was Sie über sie schreiben?
Meine Frau ist die erste Leserin meiner Schriften. Nach sechsundzwanzig Jahren gemeinsamer Ehe kennt sie mich und die Art meines Schreibens. Manchmal legt sie den Finger auf einen Satz und sagt, dass dieser Satz nicht das ausdrücke, was ich beabsichtigt hätte. Die erste Redaktion dieser Schriften geschieht aufgrund ihrer Vorschläge.

Interessanterweise fühle ich mich bei Ihren Texten immer wieder an den israelischen Autor Ephraim Kishon und seine «Beste Ehefrau von allen» erinnert. Auch Kishon schaffte es, unmögliche Lebensumstände und bizarre Situationen in einer Art darzustellen, die gleichzeitig lustig und informativ war. Gibt es so etwas wie einen spezifisch nahöstlichen Humor?
Kann schon sein, da wir trotz allen Unterschieden eine gemeinsame Geschichte haben.

Herr Cheheltan, eine letzte Frage: Warum schreiben Sie?
Diese Arbeit bringt mich in den grössten Genuss dieser Welt, da sie in mir den Grund zu einer Art moralischer Befreiung legt. Das Schreiben im Allgemeinen gibt mir das Gefühl, dass ich in diesem ungerechten Krieg neben den Besiegten stehe.

Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan schreibt regelmässig für REPORTAGEN, das Magazin für erzählte Gegenwart.

In seinen Texten versteht er es auf einzigartige Weise, für seine Heimat einen Stab zu brechen, die wir hier vor allem als störrische Atommacht und Bedrohung für den Weltfrieden erleben.

Das vorliegende Interview, in dem er mit diesen Vorurteilen aufräumt, stammt aus REPORTAGEN #14 (Erscheinungsdatum: 6. Dezember 2013), in dem auch Cheheltans Text «Persischer Catwalk» erscheint, eine Reise durch den oft kafkaesken iranischen Alltag.

Cheheltan ist auch Gastgeber der ersten REPORTAGENLeserreise, auf der Sie sich davon überzeugen können, dass Iran nicht nur Verhüllung und Repression bedeutet. Lassen Sie sich von diesem humorvollen Geschichtenerzähler von der Schönheit Irans bezaubern – mehr Informationen entnehmen Sie bitte der Website: www.reportagen.com/iran sowie auf Seite 15.

REPORTAGEN erscheint sechs Mal pro Jahr und gibt es als Jahres-Abonnement oder einzeln unter www.reportagen.com, sowie an grösseren Kiosken und ausgewählten Buchhandlungen.