David Bittner mit Bären

Alaska - Allein in der Wildnis

von David Bittner

Für sein Bild eines Spitzmaulnashorns in der afrikanischen Steppe erhielt Fotojournalist Brent Stirton vom Naturhistorischen Museum in London die renommierte Auszeichnung als Naturfotograf des Jahres 2017. Es ist ein Bild, das den Blick bannt, mit grosser symbolischer Kraft – leider. Denn statt eines© zufrieden weidenden oder majestätisch galoppierenden Nashorns in der erhebenden Weite einer afrikanischen Savanne, zeigt es den gefallenen Körper eines der letzten Tiere dieser Art. Getötet von Menschen, seines Nasenhorns beraubt. Das Bild sei symbolisch für eines der verschwenderischsten, grausamsten und unnötigsten Verbrechen an der Natur, schrieb die Jury zur Fotografie.

Die Uhr steht auf fünf vor zwölf
Seit 1996 listet die Weltnaturschutzunion IUCN das Spitzmaulnashorn auf der höchsten Gefährdungsstufe ihrer Roten Liste – so, wie leider immer mehr andere Tierarten auch. Gemäss dem Living Planet Report sind die weltweiten Wildtierbestände seit 1970 im Mittel um fast 60 Prozent eingebrochen. Gründe dafür sind neben der Übernutzung der Tiere durch den Menschen – im Falle des Nashorns etwa in Form der illegalen Wilderei – die Verschlechterung und der Verlust ihrer natürlichen Lebensräume, die Umweltverschmutzung, der Klimawandel sowie invasive Arten und Krankheiten.
Sollen wildlebende Nashörner, Giraffen, Zebras und Löwen in den wunderbaren Savannenlandschaften Afrikas nicht in wenigen Jahren ein Bild der Vergangenheit sein, dann müssen wir heute handeln. Wir müssen uns aktiv für den Schutz der Tiere und die Erhaltung ihrer Lebensräume einsetzen.

Schützen, was man liebt
Wer selber schon das Glück hatte, Afrika zu bereisen und Natur und Tiere des Kontinents zu erleben, der weiss, wofür er sich einsetzt und was für ein Verlust sonst droht. Doch nicht alle Menschen können nach Kenia, Namibia oder

Ich kann jeden einzelnen Schritt des Bären wahrnehmen, höre das Rascheln der Grashalme, die er mit seinen Beinen streift, und wie er immer wieder laut schnaubend die kühle Nachtluft einsaugt. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, den Atem des in der Dunkelheit unsichtbaren Tieres spüren zu können. Mucksmäuschenstill liege ich in meinem Schlafsack und lausche ins Dunkle hinaus.
In diesem Moment weiss ich, ich bin wieder da, an jenem Ort, an den ich mich lange zurückgesehnt habe – mitten in der Wildnis, mitten unter den Bären. Die Gefühle, die dieser Augenblick in mir auslöst, sind kaum zu beschreiben. Es ist zwei Sommer her, seit ich das letzte Mal hier war. Und obwohl dies nicht meine erste Begegnung mit einem Bären ist, ist dieses erste Aufeinandertreffen nach längerer Zeit immer wieder etwas ganz Besonderes. Gerade jetzt, allein im Dunkeln zum ersten Mal erneut einem dieser gigantischen Lebewesen so nahe zu sein, versetzt mich mit aller Heftigkeit in eine andere Welt – eine Welt, die mittlerweile meine zweite Heimat geworden ist. Eine Welt, die mit dem geregelten Leben zu Hause in der Schweiz nichts mehr zu tun hat. Jetzt gibt es nur noch mich und meinen neugierigen Besucher, der vorsichtig das Lager umrundet.
Obwohl ich das Tier nicht sehen kann, lässt mich seine Nähe in Ehrfurcht erstarren. Ich vermute, dass es eines jener ganz grossen Männchen ist, die tagsüber selten anzutreffen sind und meist nur aus grösserer Distanz beobachtet werden können. Hier, in einem vom Menschen kaum berührten Naturparadies, sind diese mächtigen Giganten

»Jetzt gibt es nur noch mich und meinen neugierigen Besucher, der vorsichtig das Lager umrundet.«

die uneingeschränkten Herrscher, die

unangefochtenen Könige der Berge, Flüsse und Seen. Sie sind die Grössten ihrer Art und stehen an der Spitze der Nahrungskette. Natürliche Feinde kennen sie keine – nur der Mensch kann sie gefährden.
Dieser hat an so vielen Orten die Bären aus ihrem Reich verdrängt, sie gejagt und ihren Lebensraum zerstört. Seine ständige Suche nach neuen Rohstoffen lässt das Habitat der Bären immer kleiner werden, während die Verbauung von Flussläufen und die Überfischung der Lachsbestände ihnen die Lebensgrundlage an vielen Orten entzogen hat. Vor allem aber sind riesige Männchen wie mein nächtlicher Besucher eine gefragte Trophäe für Jäger, die das grosse Jagderlebnis suchen.

Bär im Wasser


Deswegen sind die einzigartigen Lebewesen heute nur noch in Schutzgebieten wie diesem hier, das ich mir als Ziel meiner Reise ausgesucht habe, wirklich sicher vor der allgegenwärtigen Bedrohung.
Die Jagd auf Bären ist in Alaska in manchen Gebieten ganz untersagt, in anderen streng reglementiert. So darf zum Beispiel auf der Kodiak-Insel, der Heimat einer ganz besonderen Bärenpopulation, pro Jahr jeweils nur eine begrenzte Zahl Tiere erlegt werden, und die Jagd auf Bärenmütter mit Jungen ist sogar gänzlich verboten.

Leseprobe aus „Der Bär“ von David Bittner

DER BÄR – ZWISCHEN WILDNIS UND KULTURLANDSCHAFT
In nächster Zeit werden wir uns mit dem Bären vermehrt auseinandersetzen müssen, denn dieser breitet sich langsam im Alpenraum wieder aus. Wo er auftaucht, gehen die Emotionen hoch. Wie sich Mensch und Bär auf besondere Weise annähern können, zeigt der promovierte Zoologe David Bittner, der in der Wildnis von Alaska mitten unter Bären viele Sommer verbracht hat. Anders zeigt sich die Situation in der Kulturlandschaft. Reinhard Schnidrig schildert sachlich und doch sehr persönlich, wie er als oberster ‘Bärenbeauftragter’ der Schweiz die Rückkehr des Bären erlebt hat, und zeigt einen Weg auf, wie ein friedliches Nebeneinanderleben von Mensch und Bär möglich ist. Nebst vielen spektakulären Fotografien beinhaltet das Buch ebenfalls die Biologie und Ökologie des Braunbären. 23x27cm; 240 Seiten (192 Farbabbildungen), erschienen im Stämpfli Verlag (2009). Das Buch ist im Handel nicht mehr erhältlich (vergriffen).
CHF 69.- (inkl. Versand innerhalb CH)



"DAVID BITTNER UNTER BÄREN"
AUG IN AUG MIT WILDEN GRIZZLIES IN ALASKA (2011)
Nach einem ersten kürzeren Film 2007 ist nun ein zweiter Film über David Bittner entstanden. Auf der Reise 2009 begleitete ihn der bekannte Kameramann Richard Terry, welcher für Animal Planet und Discovery Channel ein Portrait über den Biologen produzierte. Aus demselben Material ist unter der Federführung von Roman Droux dieser neue rund 70min lange Dokumentarfilm entstanden. Ein Film der unter die Haut geht. (16:9; PAL; 70min; 2011) CHF 35.00 (inkl. Versand innerhalb CH)

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