Kenya

Afrika kaufen

von Gerhard Meister

Abseits der Hauptstrasse kommt statt Asphalt rote, ausgetrocknete Erde unter die Räder, das Auto zieht eine Staubfahne hinter sich her, bei Gegenverkehr und sei es nur ein Motorrad, schliesse ich schleunigst das Fenster. Manchmal hebt der Wind die Erde hoch und spielt mit ihr. Das Wörtlein Staubpiste bekommt auf einmal einen Sinn, der tief in die Lungen dringt. Kilometerlang nur das rote Band der Strasse, vereinzelt Lehmhütten mit Dächern aus Schilf und Wellblech. Dann senkt sich die Landschaft vornüber und gibt den Blick frei auf die riesige Ebene des Yala-Deltas. Vor mir liegen die Felder von Dominion Farms: tausende Hektaren Reis, die Calvin Burgess gehören, der in den USA mit dem Bau und Betrieb von Gefängnissen zum Millionär wurde. Die Farm rückt näher, ich sehe das riesige weisse Kreuz, das mitten im Reis auf einem Hügel steht. Auf dem vormals nutzlosen Sumpf des Yala Rivers produziert Burgess 12‘000 Tonnen Reis im Jahr und in seinen Teichen züchtet er Fisch für 100‘000 Menschen. «Das einzige, was Afrika weiterbringt, ist Business », sagt Burgess.
Doch Calvin Burgess, grösster Investor Kenyas seit Jahren, hat viele Kritiker: Sie sprechen von Landraub, vom vergiftetem Wasser und menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen für die Tagelöhnerinnen. In der Tat gehören zu Dominion Farms nicht nur die endlosen Felder, sondern auch Frauen, die als lebende Vogelscheuchen die Vögel von den Feldern verjagen oder Unkraut jäten.

Die Frauen, die auf Geheiss ihres Boss vor der Arbeit eine Stunde lang singen und beten, erzählen mir während meines Aufenthalts auf der Farm, man könne sich mit der Hacke ins Bein schlagen und in den Feldern liegen tödliche Giftschlangen versteckt. Jede hat schon miterlebt, wie eine Kollegin gebissen wurde oder einfach so umfiel, vor lauter Anstrengung und Schwäche. Liliane Odhiambo, die bis in den achten Monat ihrer Schwangerschaft in den Reisfeldern gearbeitet hat, erzählt, dass man die Gummistiefel, die einen gewissen Schutz gegen die Blutegel im Feld bieten, für 600 Schilling kaufen müsse – 600 Schilling, das sind drei Tage Arbeit.
Calvin empfängt mich in seinem Büro an der Seite von Barbara Waterston, der Ehefrau eines alten Freundes,die Calvin von Anfang an auf seinen Reisen nach Kenya begleitet. Wie Calvin selbst stammt sie aus einfachen Verhältnissen und erzählt jetzt unter Tränen von den

Kindern, die sie in den Waisenhäusern hat sterben sehen. «Aids», sagt Calvin, «ständig sterben Leute. Die Babys stecken sich über die Muttermilch an, die einzige Alternative dazu ist verhungern.» «Als wir hier anfingen», ergänzt Barbara, hielten sie Aids noch für Hexenzauber. Wollt ihr ein besseres Leben?, habe ich sie gefragt. Aber die wussten nicht einmal, was das ist, ein besseres Leben. »

Ein besseres Leben malte sich Burgess aus, als er Oklahoma verliess und auf Geheiss Gottes nach Kenya gekommen und Farmer geworden ist. Mindestens ein gutes Geschäft hat er gemacht: Acht Dollar Pacht zahlt Calvin pro Hektar im Jahr. Acht Dollar für ein Stück Land, mit dem sich jährlich Tausende von Dollar erwirtschaften lassen. Der Vertrag läuft auf 25 Jahre, mit einer eingebauten Verlängerungsmöglichkeit auf faktisch 45 Jahre. Dem bibelfesten Calvin müsste die Ähnlichkeit der kenyanischen Behörden mit Esau aufgefallen sein, der sein Erbe für ein Linsengericht hergegeben hat.
«Afrika ist durchtränkt von Korruption», schreibt er auf seinem Blog, jetzt erzählt er von Morddrohungen, weil er Bestechungsgelder

»Die haben eine lebendige Ziege ins Fundament eingegossen.«

nicht bezahlt hatte. Von Zwischenwänden im Reissilo, wo Angestellte unbemerkt Reis abzweigten. Barbara ergänzt: «Sie sind sehr einfallsreich, wenn es ums Stehlen geht. Vor kurzem hat ein Traktorfahrer einen Liter Benzin gestohlen, wir haben ihn gefeuert.» Calvin sagt, man könne niemandem trauen. Welche Ironie, dass auch ihm so viele nicht trauen, ihn einen Landräuber schimpfen und im Gerede über Gott nur einen Vorwand sehen, um das eigene Vermögen zu vermehren. In Kisumu, der grössten Stadt im Wesen Afrikas, ein paar Dutzend Kilometer östlich von Calvins Farm gelegen, reihen sich entlang der Häuser Handwerker aneinander, arbeiten unter freiem Himmel. Zum Stadtbild gehören auch die Container von Dominion Farms. In ihnen liegt Reis, zum Verkauf bereit gestapelt in Säcken. «Er riecht nicht», erzählen die Kunden am

Container, «er nährt gut, es hat keine Steine drin, man bekommt keine Magenprobleme davon.» Der Reis des Amerikaners ist beliebt. Hier, aber auch in den Supermärkten von Kisumu, sind die Regale oft leergekauft.
Ich frage Calvin, was es mit dem riesigen Kreuz mitten in seinen Reisfeldern auf sich hat. «Auf dem Hügel befand sich eine der wichtigsten heiligen Stätten in dieser Gegend, dort holten sich die Witchdoctors ihre Kraft. Man könne Abhilfe schaffen, wurde uns gesagt. Das haben wir dann getan. Nachts sind wir dort raufgestiegen, der Pfarrer von Siaya hat die Worte gesprochen: Mit eurer Macht ist es vorbei. Dann haben wir das Kreuz hingestellt.» Barbara ergänzt: «Jetzt sahen sie, dass wir unseren eigenen Gott mitgebracht haben. »

Leonard Oriaro, ein Politiker mit der Statur eines Schwergewichtsboxers und gewinnendem Bubenlächeln, hat eine eigene Version über das Kreuz und den Hügel: «Die haben eine lebendige Ziege ins Fundament eingegossen.» Er habe gesehen, wie Burgess höchstpersönlich die Ziege gepackt und ins Bauloch geworfen habe. «Ich bin der einzige gewählte Politiker, der gegen Dominion Farms kämpft.» Calvin ist das egal. Weder der Protestbrief gegen die Menschenrechtsverletzungen, die er hier begehe, aufgeschaltet auf der Website einer amerikanischen Hilfsorganisation, interessieren ihn, noch die 300‘000 Euro Entwicklungshilfe, die die «Friends of Yala Swamp», der Zusammenschluss all seiner Gegner, von der EU bekommen haben, damit sie noch mehr Kampagnen und Prozesse gegen ihn führen könnten.

Mittagessen auf Dominion Farms. Am Tisch Calvin, ein paar Angestellte. Um fünf ist er aufgestanden, um einen Kleinbauern beim Reisanbau zu beraten und heute noch fliegt er nach Nigeria, wo er im Auftrag der Regierung eine Reisfarm aufbauen will, noch einiges grösser als die in Kenya und wohl kaum mit kleineren Problemen. Das Getriebe des Kapitalismus treibt ihn unaufhörlich an, doch schon oft hat sich Calvin gefragt, warum sein Gott ihn ausgerechnet in diesen verarmten Weltwinkel geschickt hat. Kürzlich ist er 61 Jahre alt geworden, ein paar Luftballons im Esszimmer erinnern an ein kleines Geburtstagsfest. Calvin Burgess legt Messer und Gabel weg und sagt seinen ersten Satz bei Tisch: «Ich muss packen. » Schon ist er aufgestanden und geht grusslos davon.

Am Anfang dieser gekürzten Reportage stand eine Meldung: Wir lasen über «menschliche Vogelscheuchen», über die Arbeitsbedingungen von Frauen, die in Kenya auf Reisfeldern die Vögel von der Saat fernhalten – notabene auf Farmen ausländischer Investoren. Wir wollten wissen, wie es um den Berufsstolz solcher Frauen steht, und schickten Gerhard Meister auf seine erste Afrikareise. Der Berner Schriftsteller hatte soeben in Bremerhaven sein Theaterstück «In meinem Hals steckt eine Weltkugel» uraufgeführt und sich dafür intensiv mit Afrika und seinem Verhältnis zu den Industrienationen beschäftigt.

Der ganze Text erschien in der Juni-Ausgabe von REPORTAGEN, dem 2011 gegründeten Magazin mit unerhörten, hervorragend erzählten und wahren Geschichten von dieser Welt. Sechsmal pro Jahr schreiben die Autorinnen und Autoren von REPORTAGEN, was sie auf ihren Recherche-Reisen herausfinden, entdecken und erleben – immer der journalistischen Wahrheit verpflichtet, immer ganz nahe dran und mit hoher erzählerischer Qualität.

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