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Antarktika – eine Reise zu den Wundern der Welt

 

von Prof. Dr. Ewald Isenbügel


Am Südpol denkt man ist es heiss
ganz falsch gedacht nur Schnee und Eis
Elke Heidenreich


Im Herbst 2006 wurde ich von Background Travel angefragt, als Lektor eine Reise in die Antarktis zu begleiten, spontan und begeistert sagte ich zu, vor allem, als ich erfuhr, dass Erich Gysling, Thomas Bucheli und Benno Lüthi als Lektoren mit von der Partie wären.

Mit ihnen dreien war ja wohl für die politische Lage, das eigene Wetter und die Pinguinforschung gesorgt.

In den 35 Jahren als Zootierarzt im Zoo Zürich waren Pinguine in Haltung und Behandlung eine Herausforderung und zugleich meine Freunde und Robben seit meinen Vogelwartjahren auf ostfriesischen Inseln und auf Island meine geheimen Lieblinge.

Mit Begeisterung stürzte ich mich in die Vorbereitungen, sammelte Informationen über den weissen Kontinent, seine kurzen Vergangenheit mit Menschen , voller abenteuerlichen Tragödien der Entdeckung, des Kampfes um die Erreichung des Südpoles bis zum Antarktisvertrag, der wenigstens im Moment noch die Unantastbarkeit dieser weissen Welt garantiert. Bald kannte ich die Hunde von Ernest Shackleton, erlebte die letzten Stunden der Endurance in den Büchern, mit träumte bald Tag und Nacht von einsamen Inseln im Südpolarmeer, bevölkert mit Robben, Seeelefanten, Pinguinen, von Meeren mit Walen, Eisbergen und dem weiten Himmel, erfüllt von Vogelrufen und Schwingenschlag. Wie nicht von dieser Welt segelte der Wanderalbatross in meinen Tagträumen, schwerelos den Tälern und Kämmen der Wellen folgend , die Seelen der vor Kap Horn ertrunkenen Seeleute mit sich tragend.

Voller Spannung und sehr schnell verging die Zeit mit sorgfältiger Auswahl der seetüchtigen und kältetrotzenden Ausrüstung , der Vervollständigung der Bestimmungsbücher und Informationsgesprächen mit Antarktiserfahrenen zu Land und See.

Und nach den Savannen Afrikas, den Einöden Islands und dem Dschungel Indiens spürte ich immer stärker den Lockruf des Meeres, der, wenngleich fernab lebend, den Pulsschlag meines Lebens stets erfüllt hat.

Am 5. Februar 07 ist es dann soweit – ein langer Nachtflug nach Buenos Aires, wo uns zwar keine guten, aber sehr böige Winde und Hitze in dieser quirligen Stadt empfangen.

Die Mitreisenden beschnuppern sich und die Befürchtungen auf eine Musikdampferfahrt verflüchtigen sich. Weiterflug nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt – unserem Einschiffungshafen. Eine bunte an isländische Holzhauser erinnernde, rasch wachsende Stadt mit einem gewissen Goldgräberstil duckt sich vor den aufragenden schneebedeckten Bergen.1833 durchsegelte hier Charles Darwin den sturmgeschützten Seeweg, der Atlantik und Pazifik trennt und nach seinem Schiff Beagle Kanal benannt wurde.

Nach einem Besuch im regennassen Nationalpark mit Biberdämmen, unzähligen Kaninchen auf kleinen Inseln in der Wasserwüste,dichten kleinblättrigen Buchenwäldern mit langen Flechtenbärten und einem Halt am südlichsten Postamt der Welt endlich das Einschiffen im Hafen. Man ist voller Spannung, was erwartet uns an Bord.

Die Hanseatic, ein Kronjuwel der Hapag Lloyd, übertrifft die kühnsten Erwartungen.Ein 5 Sterne Hotel in Kajüte, unzähligen gemütlichen Räumen auf den verschiedenen Decks, Aussichtslounge über dem Bug, Bibliothek, Speisesäle für jede Befindlichkeit der Geselligkeit und des Alleinseins, in denen wir in den nächsten 3 Wochen nach allen Regeln der Kunst verwöhnt werden.Kaum haben wir uns in der grossen Kabine eingerichtet, die alles, was das Herz begehrt in schönster Schiffsmanier bietet,- sogar ein eigener mail Anschluss, von dem meine „ Briefe von See“ in den Zoo gehen – ertönt schon das Schiffshorn „ Passagiere an Deck – Gäste von Bord.

Wir legen ab und gleiten im letzten Licht den meerbreiten Beaglekanal nach Süden dem offenen Meer zu.

Zwei Seetage, erstaunlich ruhige Ueberfahrt zu den Falklandinseln. Wir machen uns mit dem Schiff vertraut, fassen Gummistiefel und die gelben Parkas der Lektoren, Passagiere rot und machen die obligatorische Seenotübung. Die Brücke ist den ganzen Tag offen und die Besatzung zu allen Auskünften freundlich bereit.

Erste nasse Anlandung mit den Zodiacs auf Carcass island , einer 10 km langen Insel im Nordwesten der Malvinas, wie die Argentinier die Falklands nennen. Eine Wanderung über den Dünenkamm durch Heidelandschaft mit hohen Tussockgrasbülten , Scharen von Magellangänsen, Magellanpinguinen, deren Jungen in den Höhlen von Falkland Karakaras, dem seltensten Greifvogel der Welt belauert, werden. Auf schrägen Kuppen mit Steilabfällen in das Meer erreichen wir grosse Brutkolonien von Königskormoranen, Schwarzbrauenalbatrossen, deren Dunenjunge wie fette Gänse auf den Lehmhügelnestern trohnen und pittoreske Felsenpinguine mit ihren Schöpfen. Sie mach en ihrem Namen Rockhopper alle Ehre, wenn sie mit kühnen Schwung aus der gischtenden See springen und den langen Weg zu ihren Nestern hinaufhüpfen.

Man kann sich nicht sattsehen und die Kamera läuft heiss. Auf dem Rückweg klopft mein Ornithologenherz vor Freude ob der unglaublichen Vielfalt der Vögel , die meisten , wie den kleinen weidengrünen Tussocksänger sehe ich zum ersten Mal. Ein Tee bei Mc Gills, den Besitzern der Insel lässt uns den den Nieselregen vergessen .

Zurück an Bord hat der Abend Gesprächsstoff genug und man freut sich, wie das Erlebte und die Wunder dieser Welt so viele unterschiedliche Menschen im regen Gespräch vereint.
Im Hafen von Stanley dümpeln flugunfähige Dampfschiffenten und Krähenscharben haben ein Wrack als Brutfelsen erkoren.

Auf der längeren Seepassage nach Südgeorgien vermitteln wir Lektoren in Vorträgen im schönen kleinen Vortragssaal der Hanseatic viel Wissenswertes über Fauna und Flora, Wetter, Meer, Geschichte von Gondwanaland bis heute und der Entdeckungen vor immer voll besetztem Haus.

Vor Südgeorgien bei der bay of isles sichten wir die ersten Eisberge, Verschiedene Walarten tauchen auf und werden von der Brücke angesagt, voll Spannung ortet man den Blas und versucht sie zu bestimmen, wobei es die schwarzweissen Schwertwale am einfachsten machen. Unzählige Seevögel huschen über das Wasser, wie die Buntfusssturmschwalbe, oder segeln ohne Flügelschlag in Wellentälern und Wolken, wie der majestätische Wanderalbatross mit seinen 3,8 Metern Flügelspannweite. Seine viele tausende Seemeilen Futtersuchflüge, sein jahrelanges Verlobungsritual und seine dreimonatige Brut- und viermonatige Nestlingszeit machen ihn zu einer der erstaunlichsten Vögel der Welt – (Ich gehöre nun einer besseren Art von Mensch an, denn ich habe den Albatross gesehen R.C.Murphy )

Nach einer sehr nassen Anlandung in der Bay of isles fühle ich mich, wie am Ende einer Wallfahrt.

In dem Gischt der Brandung landen hunderte von Königspinguinen, spielen und kämpfen zahllose Ohrenrobben, als wir das Land gewinnen liegen tonnenschwere Seeelefanten wie Felsen am Strand, werfen sich kühlenden Sand über die vom Fellwechsel juckende Haut. Ab und zu öffnet sich ein riesiger feuerroter Schlund mit infernalischem Grunzen.

Vor der Kulisse hoher Gletscher, deren Abflüsse sich in breiten Strömen ins Meer ergiessen, stehen 60 000 Brutpaare Königspinguine und ein Leben würde nicht ausreichen, alles zu beobachten, ich vergesse sogar das fotographieren. Balzrituale, Streit, Eier und Junge unter der sich manchmal lüftenden Bauchfalte, gravitätisch schreitende Gruppen unterwegs zum Meer, Jungtiere im Dunengefieder wie Bärenfellmützen britischer Gardisten und zweimal so schwer, wie ihre Eltern und alle Stadien der Jugendmauser bis zu den perfekt gepflegten Adultgefieder, von dessen weisser Bauchseite das Meerwasser perlt.

Zögernd und ungern nehmen wir Abschied.

Die alte aufgelassene norwegische Walstation Grytviken zeigt die Kehrseite der Medaille. Fabrikgebäude, Transiedekessel, Schlote, Wracks, tonnenschwere Ketten – eine Orgie in Rost vor blendendweissen Gletscherbergen. Hier erreichte Sir Ernest Shakleton, nachdem er sein Schiff „ Endurance“ im Packeis verloren hatte und seine 15 Männer bei point wild auf elephant island zurückliess, die norwegische Ansiedlung und startete seine Rettungsfahrt zur Bergung seiner Manschaft. Ein Umtrunk und ein Schluck Rum über sein Grab in Grytviken beschwören die Ereignisse hautnah. Katabolische Fallwinde macht uns fast zu Vierfüssern.

Bei der Ueberquerung des Südpolarkreises sonnen sich meterlange Seeleoparden auf den Eisschollen und zeigen ihr mörderisches Gebiss. Nachts weckt uns ein Scharren unter dem Schiff, wir sind im Packeis und setzen am nächsten Morgen zum ersten Mal den Fuss auf das antarktische Festland. Täglich halten uns die Begegnungen mit Robben, Walen, Seevögeln,Pinguinen, Wolken, Eisberge in allen Formen und Farben in Atem, kein Tag ist wie der andere und man lernt wieder staunen.

Viel zu schnell vergehen die Tage. Die letzte Anlandung an Kap Horn zeigt uns noch einmal Wo wir sind. Kaum zurück an Bord peitschen 120 Stdkm Wind und eine querabliegende Welle von 12 m das Meer zu dem, was man von Kap Horn erwartet. Nach kurzer Zeit verliert sich der Spuk bei der Einfahrt in den Beagle Kanal.

Selten hat mich eine Reise so beeindruckt, eine Welt mit soviel Leben und Lebensfeindlichkeit und mit sowenig Ablenkung und soviel Zeit und Ruhe zum Schauen
- das ist der weisse Kontinent.

Ewald Isenbügel 28. Juni 2007

 
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