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Peter Isenegger

 
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Peter Isenegger lebte und arbeitete insgesamt neun Jahre als Südasienkorrespondent für verschiedene schweizerische, österreichische und deutsche Zeitungen in Neu-Delhi. Er hat in diesen Jahren Südasien und ganz besonders Indien, das er seine zweite Heimat nennt, intensiv bereist.

November in indien: «HOHE ZEIT FÜR HOCHZEITEN»
von Peter Isenegger

Wer im November in Indien unterwegs ist, hat eine gute Chance, zu einer Hochzeit eingeladen zu werden. Häufig finden die Feiern in Hotels statt. Manchmal reicht ein neugieriger Blick durch einen offenen Türspalt, und schon wird man aufgefordert, mitzufeiern.
«Soll eine Pflanze gedeihen, dann muss man sie zur richtigen Zeit, in der richtigen Saison, setzen», sagt der indische Astrologe Pramod Dutt. Genau gleich verhalte es sich mit der Ehe: Solle sie halten, so müsse sie zum richtigen Zeitpunkt geschlossen werden.
Als besonders glückverheissender Monat gilt in Indien der November. Mehrere wichtige religiöse Fest- und Feiertage, wie etwa Diwali, fallen in diese Zeit. Das Lichterfest Diwali ist der Hindu-Göttin Lakshmi gewidmet. Die wiederum wird als Glücksbringerin besonders verehrt.
Weil also der November ein besonders «auspicious» Monat ist, werden in diesem Monat auch die meisten Ehen geschlossen. In einzelnen Novembernächten – wenn die Sternenkonstellation besonders günstig ist – wird alleine in der indischen Hauptstadt auf bis zu 15 000 Hochzeiten gleichzeitig getanzt.
Wer in diesen Nächten durch Delhi fährt, findet eine völlig veränderte Stadt vor. Überall begegnet man feierlichen Prozessionen. Dabei wird der Bräutigam hoch zu Ross – vorzugsweise auf einem Schimmel - zum Haus der Braut geleitet; begleitet von seinen Verwandten und Freunden, von einem Heer von Lampenträgern und einer kakophonischen Musik.
Den richtigen Tag für das grosse Fest bestimmt – in den meisten Fällen - nicht etwa das Brautpaar, sondern der Astrologe. Ihm fällt zuvor schon die verantwortungsvolle Aufgabe zu, anhand von Geburtsstunden und Geburtsorten der Heiratswilligen herauszufinden, ob die höheren Mächte die beiden wirklich für einander bestimmt haben.
Die Mehrheit der Ehen in Indien wird nach wie vor arrangiert. Das heisst, die Eltern suchen den passenden Partner oder die passende Partnerin für ihre Kinder aus.
Gesucht werden die späteren Ehepartner oft per Annonce in einer der vielen mehrseitigen Heiratsbeilagen, welche die indischen Tageszeitungen veröffentlichen; immer mehr auch via Internet. Da heisst es dann zum Beispiel: «Brahmanen-Familie sucht für ihren 28-jährigen, gut aussehenden, gut verdienenden Sohn, IT-Spezialist, eine schlanke, attraktive, hellhäutige, tolerante, gut ausgebildete Brahmanen-Tochter».
Für Simi und Ranjan wurde nie eine Anzeige aufgegeben. Bereits am Tag von Simis Geburt beschlossen ihre und Ranjans Eltern, dass Simi und Ranjan füreinander bestimmt seien. 22 Jahre später heirateten die beiden tatsächlich. Vor allem in den ländlichen Gegenden sind arrangierte Ehen noch immer die Regel. In der urbanen mittelständischen Gesellschaft allerdings kommt es mehr und mehr zu «love marriages», zu Liebesheiraten oder Verbindungen zwischen Partnern, die ihre eigene Wahl getroffen haben.
«Wir Frauen sind viel selbständiger und finanziell unabhängiger geworden», sagt Simi. Ihren zwei Töchtern - die beide für internationale Organisationen tätig sind, - will sie bei
der Partnerwahl freie Hand lassen. Nur wenn eine der beiden mit Dreissig noch keinen Mann gefunden haben sollte, dann würde Simi, wie sie augenzwinkernd meint, «vermutlich arrangierend nachhelfen». Die Zeiten, so sagt Simi, hätten sich eben geändert.
Gleich geblieben allerdings ist eines: Egal welcher sozialen Schicht man angehört, für Hochzeiten wird in jedem Fall ein Vermögen ausgegeben. 2000 und mehr Gäste sind bei diesen mehrere Tage dauernden Feierlichkeiten keine Seltenheit. Selbst die ärmeren Bevölkerungsschichten lassen sich nicht lumpen. Und das ist die Schattenseite der glanzvollen Hochzeiten: Oft kommt es vor, dass sich die Familie der Braut, die das Fest auszurichten hat und meistens auch für eine üppige Mitgift aufkommen muss, auf Jahre hinaus verschuldet.

Die «typische» indische Familie
von Peter Isenegger

In den achtziger Jahren setzte in Indien die wirtschaftliche Liberalisierung ein. Gleichzeitig begann – zumindest in den Grossstädten – auch ein gesellschaftlicher Wandel. Sichtbarstes Zeichen dafür: damals entstand eine recht wohlhabende Mittelklasse, die sich mehr und mehr ausbreitete und ebenfalls mehr und mehr einem westlichen Lebensstil nacheiferte. Diese Entwicklung führte häufig zu Konflikten zwischen traditionellen Werten und modernen Anschauungen. Was weiter nicht verwunderlich ist, sind doch die Familienbande in Indien viel enger als im Westen. Selbst in der urbanen Mittelschicht, die zunehmend aus Kleinfamilien besteht, wird bei wichtigen Entscheiden noch immer der Rat der «erweiterten Familie» – also von Eltern, Grosseltern und Onkeln – eingeholt. Wenn es allerdings darum geht, die «typische indische Familienstruktur» zu beschreiben, so eignet sich die moderne städtische Mittelschicht dafür nicht sonderlich gut. Denn: nur gerade 30 Prozent von über einer Milliarde Inderinnen und Indern leben in Städten. Und davon macht die Mittelklasse wiederum nur einen Bruchteil aus. Die «typische» Familie, wenn es die in der vielschichtigen indischen Gesellschaft überhaupt gibt, lebt also auf dem Land und im Familienverband. Drei Generationen unter einem Dach, sind in der ländlichen Gesellschaft die Norm. Innerhalb dieser Grossfamilien sind die Rollen klar und sehr traditionell aufgeteilt: Die Männer sind für den Unterhalt der Familie zuständig. Die Frauen widmen sich dem Haushalt und der Kindererziehung und helfen bei der Feldarbeit mit. Kindererziehung und die Arbeit im Haushalt unterscheiden sich allerdings enorm von dem, was bei uns im Westen mit diesen Begriffen verbunden wird. Die Zeit z. B., in welcher die Kindheit ausgelebt werden kann, ist in Indien sehr kurz. Um das Überleben der Familie zu gewährleisten werden alle Hände, auch jene der Kinder gebraucht. Kindererziehung besteht denn auch zu einem grossen Teil aus Arbeitsinstruierung. Und weil es in den ländlichen Haushalten kaum Apparate und Maschinen gibt, ist auch die Hausarbeit – selbst wenn sie von mehreren Frauen getragen wird – ein Tageswerk. Oft müssen die Frauen das Wasser in grossen Bronzekrügen über Kilometer heranschleppen. Und die Zubereitung einer indischen Mahlzeit dauert mehrere Stunden, weil es halbverarbeitete Nahrungsmittel kaum gibt. Und wenn es sie gibt, dann sind sie für die meisten Familien nicht erschwinglich.

Auch die Hierarchien sind in diesen Grossfamilien klar definiert. Grosseltern geniessen den Respekt der jüngeren Generationen; ihr Rat ist nicht nur gefragt, sondern wir auch befolgt. Der eigentliche Familienvorsteher ist meistens der älteste von mehreren Brüdern. Ihm haben die jüngeren zu gehorchen. Im Haushalt ist es in der Regel ebenfalls das älteste weibliche Mitglied der Familie, das den Ton angibt und die anfallenden Arbeiten aufteilt. Schwiegertöchter, die einen oder mehrere Söhne geboren haben, sind normalerweise in der Hackordnung weiter oben angesiedelt, als jene, die «nur» Töchter zur Welt gebracht haben. Ganz unten finden sich jene Schwiegertöchter, die (noch) keine Kinder haben. Noch immer sind arrangierte Ehen im ländlichen Indien die Norm. Geheiratet wird zudem in der traditionellen Gesellschaft immer noch innerhalb einer Kaste. Nebst der Familie ist es die Kaste, in welcher eine gewisse Solidarität spielt und in welcher sich die Inder aufgehoben fühlen.

Doch Indien wäre nicht Indien, wenn es nicht auch bei den Familienstrukturen extreme Ausnahmen gäbe. In Südindien beispielsweise gibt es den Stamm der Nair. Dort herrschen noch immer matriarchalische Strukturen. Unter den Nairs geht – im Gegensatz zum übrigen Indien – das Erbe nicht auf den ältesten Sohn, sondern auf die älteste Tochter über. Den indischen Moslems wiederum gibt ein besonderes Gesetz die Erlaubnis, mehrere Frauen zu haben. Auch das Gegenteil dieser Polygamie, nämlich die Polyandrie lässt sich in Indien finden: in den Himalaja-Tälern von Zanskar und Ladakh. Hier war es früher nicht ungewöhnlich, dass eine junge Frau durch ihre Heirat mit dem ältesten Bruder auch gleich die jüngern mitheiratete. Grund für die Polyandrie war das Bestreben, den Grundbesitz zusammen zu halten. So musste das Land nicht ständig unter allen Söhnen der Familie aufgeteilt werden.

Flucht aus Tibet
von Peter Isenegger

«Damals flohen wir in der festen Absicht, so bald wie möglich zurückzukehren»

In Dharamsala an den Hängen des Himalaya liess sich der Dalai-Lama nach der Flucht aus Tibet nieder.

Morgens um 6 Uhr trifft man in Dharamsala noch jene andächtige Stille an, die man in einem buddhistischen Pilgerort eigentlich erwartet. Ein paar Stunden später quälen sich hupende Taxis und Reisebusse durch die engen Gassen von Dharamsala, wo der Dalai-Lama und seine Exilregierung zu Hause sind. Durch die An­wesen­heit des Dalai-Lama wurde der Ort nicht nur zu einem wichtigen buddhistischen Zentrum und zur Haupt­stadt der Tibeter im Exil, sondern eben auch zu einem beliebten Ziel für westliche und indische Touristen.
Insgesamt 100 000 Tibeter folgten ihrem spirituellen und politischen Führer ins indische Exil. 8000 davon liessen sich in Lower Dharamsala nieder. Der Dalai-Lama hingegen wohnt oben. Auf einem Fels­vor­sprung. Seine Beamten sitzen ihm, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Füssen, in den Büros der Exilregierung, die offiziell «Zentrale Tibetische Administration» heisst, weil Indien den chinesischen Nachbarn nicht übermässig reizen will.

Oberstes Ziel: Freiheit für Tibet
So steht es auch auf der Visitenkarte von Thubten Samphel, dem Informationssekretär dieser Ver­wal­tung: «Unser oberstes Ziel ist nach wie vor, die Frei­heit, die Rechte und die Gesetze der Tibeter wieder herzustellen». In einer ersten Phase nach der grossen Fluchtbewegung, die bis in die Siebzigerjahre dauerte, stand ganz klar die Eingliederung der Tibeter im indischen Exil im Mittelpunkt. Während dieser Zeit musste eine leistungsfähige Verwaltung aufgebaut, mussten Schulen und Siedlungen eingerichtet werden. Von allem Anfang an wurden die Flüchtlinge in relativ grossen Wohngemeinschaften zusammengefasst. Dies, um es ihnen zu ermöglichen, ihre Kultur und ihre Tradition weiterzuleben und zu pflegen.
Die tibetischen Kinderdörfer und Schulen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Im Kinderdorf leben 3000 Kin­der. Die jüngsten sind vier Monate alt, die ältesten sechzehn Jahre. Bei den meisten handelt es sich um Waisenkinder, oder aber um Kinder, die von ihren El­tern aus Tibet nach Dharamsala geschmuggelt wurden, um ihnen eine tibetische Erziehung zu ermöglichen.
«Unter tibetischer Kultur verstehen wir nicht nur das Tragen der Chupa und das Beherrschen der tibetischen Sprache. Wir verstehen darunter auch, dass den buddhistisch geprägten Prinzipien wie Gutherzigkeit, Mitleid, Grosszügigkeit, Mitgefühl nachgelebt wird. Wir streben eine ganzheitliche Erziehung an. Wir versuchen, das Positive im Menschen zu stärken, und gleichzeitig das Negative, das in jedem von uns steckt, zurückzuhalten, zu bezwingen.» Tsewang Yeshi spricht von der «Kultur im tibetischen Alltag».

Leben und Leiden für die tibetische Kultur
Doch hier in Dharamsala gibt es eine Reihe anderer Einrichtungen, welche auch die höhere tibetische Kul­tur und Kunst pflegen. Zum Beispiel das Kulturinstitut Norbulingka. Tenzing teilt ein Atelier mit mehreren Kunststudenten. Er trägt gerade Blattgold auf eine traditionelle Buddhadarstellung auf. Nach zehn Jahren schloss er sein Studium ab. Jetzt hofft er darauf, vom Institut als Lehrer eingestellt zu werden. Er lebt sein Leben ganz für die tibetische Kunst.
Der Prunk des Kulturinstituts steht im krassen Gegen­satz zu einer anderen, ganz in der Nähe gelegenen Ausbildungsstätte, der tibetischen Transitschule. Hier leben in einfachen Unterkünften all jene Flüchtlinge, die erst vor Kurzem den Weg aus Tibet nach Indien gefunden haben. Viele von ihnen sind zu alt, um auf eine normale tibetische Schule geschickt zu werden. Oder sie haben sich noch nicht für ein klösterliches Dasein entschieden. In der Transitschule werden die Flüchtlinge in Englisch, Tibetisch und Mathematik und seit ein paar Jahren auch im Umgang mit Computern unterrichtet.

Illegale Rückkehr
Viele Bewohner des Transitlagers sind nur vorübergehend hier. Rund 40 Prozent bleiben ein, zwei oder drei Jahre. Dann kehren sie nach Tibet zurück. Das ist genau wie ihre Flucht nach Indien unter geltendem chinesischem Recht illegal. Aber es gibt Mittel und Wege, aus Tibet raus- und wieder zurückzukommen. Auch wenn diese nicht gefahrlos sind. Wer erwischt wird, riskiert lange Gefängnisstrafen.
«Wenn wir auf unsere Arbeit als Exilregierung zurückblicken, so müssen wir einerseits eingestehen, dass wir nicht sehr erfolgreich waren. Auch über fünfzig Jahre nach unserer Flucht sind wir noch immer im Exil», zieht Thubten Samphel, der Informationssekretär, Bilanz. «Auf einer anderen Ebene hingegen waren wir äusserst erfolgreich. Obwohl oder vielleicht gerade weil unsere Bewegung eine gewaltfreie ist, haben wir es geschafft, das Unrecht, das uns Tibetern angetan wurde, über fünf Jahrzehnte im Bewusstsein der freien Welt zu halten. Das ist massgeblich das Verdienst des Dalai-Lama.»

Die neue Generation ist kämpferischer
Und das wüssten natürlich auch die Chinesen, meint Thubten Samphel. «Darum verbieten sie in Tibet alles, was an den Dalai-Lama erinnert. Sie gehen von der irrtümlichen Annahme aus, dass, wenn der Dalai-Lama erst einmal tot ist, der tibetische Widerstand in sich zusammenfallen wird. Das aber wird nicht passieren. Im Gegenteil. Wir alle haben eine berechtigte Wut. Und wenn einmal der moderierende Einfluss des Dalai-Lama nicht mehr da ist, dann könnte dieser Widerstand ganz andere Formen annehmen.»
Für den Dalai-Lama ist die Gewaltlosigkeit oberstes Prinzip im Kampf für ein autonomes Tibet. Ein Teil der jüngeren Generation allerdings tut sich mit diesem Prinzip schwer. «Für den Augenblick», sagt Dolma Choe­phel, vom tibetischen Jugendkongress, «be­ken­nen wir uns noch zur Gewaltlosigkeit. Ob wir das in Zukunft ebenfalls tun werden, dafür kann ich nicht bürgen. Das hängt sehr von den Umständen ab.» Im Gegensatz zu Thubten Samphel findet sie, dass die freie Welt zu wenig für Tibet getan hat. «Man kann hinschauen, wo man will. Die freie Welt reagiert erst, wenn Gewalt angewendet wird. Wir versuchen schon seit fünfzig Jahren gewaltlos, die Welt zum Handeln gegen China zu bewegen. Mit reichlich wenig Erfolg.» Und diese junge Generation ist wesentlich radikaler als jene des Dalai-Lama. Sie will sich nicht nur mit einem autonomen Tibet zufrieden geben. Sie verlangt einen unabhängigen Staat.
Mit wem auch immer man in Dharamsala redet, alle versichern: «Sobald der Dalai-Lama nach Tibet zurückkehrt, gehen wir ebenfalls.» Die Entschlossenheit zur Rückkehr entspringt nicht etwa einer romantischen Vorstellung, nach fünfzig Jahren unter kommunistischer Regierung das alte Tibet wiederzufinden, sondern einem Verantwortungsbewusstsein. «Damals flohen wir in der festen Absicht, so bald wie möglich zurückzukehren. Und wann immer eine Lösung gefunden wird, müssen wir zurückkehren. Das schulden wir den Menschen, die in Tibet zurückgeblieben sind», ist Thubten Samphel überzeugt.


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